Kultur | 17.04.2007

Ein Palästinenser spricht mit sich selbst

Text von Naomi Richner | Bilder von Gerard Allon
Im Ein-Mann-Theater «In Spitting Distance« spielt ein palästinensischer Schauspieler einen palästinensichen Schauspieler. Das Stück, eine persönliche Geschichte, thematisiert Konflikte zwischen Palästina und Israel - es ist bewegend, ironisch, und unglaublich lustig.
Khalifa Natour spielt sich selbst und einen Anderen. Doppelrolle, die der palestinensische Schauspieler bravourös meistert.
Bild: Gerard Allon

Die Geschichte dreht sich um einen palästinensischen Schauspieler (gespielt vom Palästinenser Khalifa Natour), der aus dem von Gewalt geprägten Ramallah nach Paris flüchtet. Sechs Monate später versucht er zurückzufliegen, bekommt jedoch grosse Probleme, weil er als Palästinenser mit einem israelischen Pass reist. In seinem vergeblichen Kampf gegen Diskriminierung und Bürokratie kommt seine Frustration zum Ausdruck.
Das Stück, das im Rahmen des «Kairo-Ramallah Express- Festivals im Schlachthaus Theater in Bern aufgeführt wurde, basiere auf einer wahren Geschichte, erklärt Natour später im Gespräch mit den Zuschauern. Geschrieben hat es Taher Najib, ein Freund von ihm. Die Idee dazu sei ihnen ursprünglich gekommen, als sie in Ramallah ein Stück aufführten, in dem kriegerische Szenen, Gewalt und Mord vorkamen. Taher Najib sah, dass draussen auf der Strasse genau das gleiche passierte. «Er war verwirrt, er wusste nicht mehr, was gespielt war und was echt-, sagt Natour.

Frustrationsabbau durch Spucken

Der Zusammenhang zwischen den Vorgängen auf der Strasse und denjenigen auf der Bühne ist auch ins Stück eingeflossen. Er kommt vor allem in der eindrücklichen Anfangsszene zum Ausdruck: Der Schauspieler muss auf dem Weg ins Theater um sein Leben bangen, da das Israelische Militär eine Strassensperre errichtet hat und auf Passanten schiesst. Er stellt fest, dass das Drama im Theater genauso draussen auf der Strasse stattfindet – der einzige Unterschied ist der, dass auf der Strasse keiner eine Karte für die Vorstellung gekauft hat. Dem Schauspieler wird so schlecht, dass er am liebsten spucken möchte.
Überhaupt, erzählt der Schauspieler im Stück, täten die Palästinenser die ganze Zeit spucken. Spucken, um ihren Ärger, ihre angestaute Frustration über die tägliche Diskriminierung und die Gewalt zum Ausdruck zu bringen: «Sie stehen am Morgen auf und spucken, sie frühstücken und spucken, sie lesen die Zeitung, spucken, gehen zur Arbeit, spucken, spucken, spucken… Was die an einem Tag spucken, spucken andere in einem Jahr!-

Schauspielerische Glanzleistung
Trotz des sehr ernsten Inhalts ist «In Spitting Distance- alles andere als traurig. Im Gegenteil: Manchmal kann sich das Publikum kaum halten vor Lachen. Verantwortlich dafür ist eindeutig Khalifa Natour, der eine schauspielerische Glanzleistung hinlegt. Beinahe eine Stunde lang spielt er allein auf der Bühne, spricht mit sich selbst, erklärt Zusammenhänge, führt Dialoge und spielt dabei sein Gegenüber gleich selbst, so dass man die Geschichte trotz minimaler Requisiten genau vor Augen hat. Dabei mimt er verschiedene Personen und Stimmungen mit einer Komik, der man sich nicht entziehen kann, ebensowenig wie dem ironischen Humor, der sich wie ein roter Faden durch das ganze Stück zieht.

Mehrsprachig und multikulturell

In Bern spielte Natour in seiner Muttersprache, Arabisch (die deutsche Übersetzung wurde als «Übertitel- auf eine Leinwand projiziert) – in Israel spielte er aber auch auf Hebräisch, das er ebenfalls fliessend spricht. Speziell am Stück ist nicht nur die Zweisprachigkeit, sondern auch, dass daran sowohl Palästinenser als auch (jüdische) Israelis mitgearbeitet haben. Die Regie hatte die Israeli Ofira Henig, das Lichtkonzept wurde von Jecky Shemesh erarbeitet. Die Reaktionen von Arabern und Israelis auf das Stück beschreibt Natour als unterschiedlich, aber beiderseits sehr positiv. Den Arabern sei die Situation, in der sich der Protagonist befindet, vertraut. Die Israelis hingegen bekämen so die «andere Seite- zu sehen und würden zum Nachdenken angeregt. Sie hätten das Stück jedoch sehr gut aufgefasst, meint Natour.
Dass «In Spitting Distance- auch den Schweizern viele Denkanstösse vermittelt hat, zeigt sich in der angeregten Diskussion nach dem Stück. Die Stimmung ist locker, trotzdem sind viele Zuschauer nachdenklich geworden. Natour bekommt viele Komplimente; bewundert wird vor allem die Weise, wie eine so ernste Thematik in ein so lustiges Stück verpackt wurde. Ein Zuschauer meint, er habe während des Stücks Tränen in den Augen gehabt, aber er sei sich nicht sicher, ob sie vom Lachen oder vom Weinen kamen.