Sport | 02.04.2007

Die Harmonie zwischen Körper und Geist

Text von Miriam Widmer
Kungfu ist seit den Filmen von Bruce Lee jedem bekannt, doch worum es bei dieser Kampfsportart geht, weiss niemand so genau. Christof Kiefer ist Lehrer für Kung Fu, Tai Chi und Qi gong im Gojukan-Zentrum für Kampfsport und Gesundheit in Bern. Der erfahrene Trainer gibt Auskunft.
Christof Kreis kennt sich aus mit Kung Fu: Seit sieben Jahren traniert er diese Kampfsportart regelmässig. Fotos: Miriam Widmer Michelle Sulaiman betreibt Kung Fu leidenschaftlich, aber trotzdem als Hobby.

„Schlussendlich geht es um Persönlichkeitsentwicklung.“, antwortet Trainer Christof auf die Frage, worum es beim Kungfu eigentlich ginge. Ziel ist es, Körper und Geist zu harmonisieren: sie sind zwar nicht getrennte Dinge, die man zusammenführen muss, doch sie sind oft nicht im Einklang. „Wenn man im Kung Fu am Körper arbeitet, bearbeitet man indirekt auch den Geist.“ Diese Auffassung hat ihren Ursprung in der chinesischen Harmonielehre von Ying und Yang, die besagt, dass sich Gegensätze immer zu einem Ganzen ergänzen. Diese Philosophie passt kaum zum Bild, welches die meistem Menschen vom Kung Fu haben: Die Kampfsportart wird oft als brutal bezeichnet und die Praktizierenden als Schlägertypen abgestempelt. „Dieses Klischee wird leider noch immer von einigen Schulen unterstützt, was die ganze Sportart in ein schlechtes Licht rückt. Doch um im Kung Fu etwas zu erreichen, muss man von diesem aggressiven Verhalten wegkommen und sich auf die persönliche Entwicklung konzentrieren.“

Verkrampfte Mönche

Auch der Name Kung Fu, der als Synonym für chinesische Kampfkunst steht, ist in diesem Sinne nicht richtig: Kung Fu, ursprünglich Gong fu, stammt aus dem Chinesischen und bedeutet einfach gesagt „Harte Arbeit“.  Der Name Kung Fu tauchte erst in den Siebzigerjahren auf, zusammen mit den Filmen von Bruce Lee «Die Serie „Kung Fu“ mit David Carradine verhalf besagtem Kampfsport dann endgültig zum Durchbruch. Zusammenfassen kann man wohl sagen, dass die Filmindustrie massgeblich zur Bekanntheit des Kung Fu beigetragen hat. Laut Christof Kreis gibt es „viele Mythen und Legenden um die Entstehung des Kung Fu.“ Die geläufigste Theorie ist, dass der indische Mönch Bodhidharma der Begründer des Kungfu ist. Er war ein Zen-Buddhist und kam etwa um 512 n.Chr. nach China in ein Shaolin-Kloster. Die Mönche dieses Klosters meditierten sehr viel und Bodhidharma, der ihnen den Zen-Buddhismus lehren wollte, merkte bald, dass ihre Körper vom vielen Herumsitzen verkrampft waren, und sie dementsprechend nicht aufnahmefähig waren für seine Lehre. So begann er mit ihnen zu turnen und Ertüchtigungsübungen zu machen. Später entwickelten die Mönche aus den Bewegungsübungen Verteidigungstechniken, um sich gegen Räuber oder wilde Tiere wehren zu können, woraus dann die Kampfkunst entstand.

Wir Ober-Individualisten

Heutzutage ist die Kung Fu-Gemeinschaft in zwei Lager aufgeteilt: die Modernen wollen Kung Fu als einen Wettkampfsport fördern, während die Traditionellen die ursprünglichen Werte beibehalten wollen. Deswegen betrachtet auch Christof Kreis die Anpassung der Kampfkunst an die heutige Zeit als eine Herausforderung: „Während die Asiaten kommen mit einem gewissen Respekt, einer Ehrfurcht ins Training kommen, steckt bei den Europäern Konsumverhalten dahinter. In Asien kann man während einem Jahr nur eine Form lehren, diese dafür gründlich, hier wäre dies nicht möglich, niemand würde einen Mitgliedsbeitrag zahlen, um immer wieder dieselbe Form zu machen. Man muss die Dinge anders angehen, sie für unsere Verhältnisse anpassen. Chinesen sind zum Beispiel extreme Gruppen- oder Familienmenschen, und im Training erhalten sie die Chance, sich herauszuheben, zu individualisieren. Wir als Ober-Individualisten müssen dagegen lernen, uns in eine Gruppe einzufügen.“