Gesellschaft | 02.04.2007

Die Deutschen kommen! Na und?

Text von Rahel Schmid | Bilder von Rahel Schmid
In der Schweiz stammt der überwiegende Zustrom an Ausländern aus Deutschland und nicht mehr aus dem Balkan und Italien. Tink.ch sprach mit Georg Kreis, Historiker und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.
Georg Kreis, Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.
Bild: Rahel Schmid

Gegenüber den klassischen Immigrantenschichten verfügen die deutschen Einwanderer über ein anderes Profil, so dass die mit kulturellen, religiösen oder sprachlichen Unterschieden begründete Abwehrhaltung gegenüber Immigranten kaum mehr greift. Bedenken sind aber trotzdem reichlich vorhanden.

In den letzten Monaten wurde diese Thematik in diversen helvetischen Medien aufgegriffen und kontrovers diskutiert: im Dokumentarfilm auf SF1 seriös, im Satireblatt Nebelspalter humoristisch, in der Boulevardzeitung Blick populistisch. Tink.ch sprach mit Georg Kreis, Historiker und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.

Die Boulevardzeitung Blick hat unter dem Motto «Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?« eine Kampagne gestartet, welche in polemischem Stil dieses Reizthema aufgreift. Vorgestellt wird diese Serie folgendermassen: Hochdeutsch sprechen, damit Sie in Zürich ein Bier bestellen können? (…) Wenn Sie davon die Schnauze voll haben, sind Sie hier am richtigen Ort.

Was halten Sie von solcher medialen Stimmungsanheizung?

Das tönt nach einer neuen Variante, um ein altes Muster von Fremdenfeindlichkeit aufzubereiten, nach Appellen an die niederen Instinkte und nach Angstmacherei. Ich muss aber sagen, dass ich in einem Punkt eine gewisse Genugtuung habe: Dass die Schweiz die Einwanderer nicht mehr nur als Unterschichtler wahrnimmt, sondern auch als gleich starke oder sogar – verbal jedenfalls – uns überlegene Immigranten. Aber wenn man fremdenfeindlich sein will, ist es einem sowieso nie recht. Es ist schlecht, wenn die Ausländer ungebildet sind, aber auch, wenn sie zu gebildet sind. Denn man will sie schlicht nicht haben.

Würden derartige Zeitungsartikel gegen Albaner, Türken oder Serben ebenfalls toleriert oder würden sie dann als rassistisch eingestuft?

Ja, das könnte sein. Ich bin aber auch nicht dafür, dass man schnell mit der Rassismuskeule kommt. Denn man sollte solche Situationen zuerst mit einer kritischen Reaktion austragen. Da muss man nicht immer gleich die Richter bemühen. Aber es ist schon denkbar, dass wir Äusserungen gegen Deutsche als weniger problematisch empfinden. Denn Rassismus bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern wird ausgetragen in Verhältnissen, die von Machtgefällen bestimmt werden. Der Rassismus wird ja besonders virulent, wenn er aus der Position der Überlegenheit ausgeübt wird. Also Arbeitgeber gegenüber Arbeitnehmer, Beamter gegenüber Bittsteller, Vermieter gegenüber Mieter usw. Momentan hat man den Eindruck, die Deutschen wären eine Opfergruppe – aber sie hätten dennoch weniger Schutz nötig als andere Gruppen. Ich sage das jetzt unabhängig von der Rechtsfrage. Denn Recht ist Recht und da geht es um Prinzipien und nicht um die Frage, ob sich jemand wehren kann oder nicht.

Ein Dauerthema ist der Minderwertigkeitskomplex der Schweizer punkto Hochdeutsch. Gleichzeitig kommen viele Deutsche gerade wegen der vermeintlich fehlenden Sprachbarriere hierher.

Ich finde, dass alle innerlich ein bisschen handicapiert sind, weil die Schriftsprache für uns eine Art Fremdsprache ist. Das steht somit quer zu unserer Erwartung, dass wir als Alteingesessene automatisch eine überlegene Position einnehmen. Und dann werden wir durch die Sprache plötzlich zu Unterlegenen gemacht. Die Schweiz sollte aber trotzdem generell mehr zu ihrer Schriftsprache stehen und sie auch als gesprochene Sprache mehr pflegen. Auch in der öffentlichen Verständigung und nicht nur im Gespräch mit den Deutschen, sondern insbesondere auch gegenüber den Romands, den Tessinern sowie gegenüber allen Eingewanderten. Denn man sollte ihnen empfehlen, Schriftdeutsch zu lernen anstatt irgendeine Variante des Innerschweizerdeutschen. Dann hätten wir ebenfalls ein Problem weniger.

Machen uns die Deutschen also vor allem Angst, weil wir hoch qualifizierte, ebenbürtige Ausländer nicht gewohnt sind?

Bei der Fremdenfeindlichkeit geht es zum Teil schlicht um die billige Pflege von Identität indem man sich abgrenzt. Aber auch um berechtigte, reelle Konkurrenzängste. Wir dürfen dies nie verallgemeinern. Aber Deutsche kommen in unser Land, weil sie eine Motivation und eine Arbeitsbereitschaft haben, die oft bei Migranten zu beobachten ist. Denn sie wissen, weshalb sie hier sind und sind auch dankbarer für Arbeit, während wir vieles als selbstverständlich hinnehmen und auch gewisse Jobs nicht annehmen möchten.

Sie sind Historiker. Ist die Abwehrhaltung gegenüber den Deutschen auch in der Geschichte gewachsen?

Diese Frage ist natürlich berechtigt. Seit etwa 100 Jahren ist das Verhältnis zu Deutschland teilweise schwierig. Diese Abneigung war allerdings bis 1940 eine phasenweise Erscheinung und hatte seine Konjunkturen. Aber ich würde nicht allzu weit zurückgehen, obwohl es die Geschichte gibt. Allerdings gab es schon im 16. Jahrhundert den Gegensatz Kuhschweizer gegen Schwaben.

Deutschland ist wie die Schweiz ein hoch entwickeltes Industrieland. Ist es nicht ein Kompliment an unsere politische und gesellschaftliche Struktur, wenn die Schweiz deutsche Einwanderer anzieht?

Das ist ein Gedanke, denn man haben kann. Aber dass ein Land für Migranten attraktiv ist, hat das Gastland in der Regel nicht in ihrem Selbstwertgefühl gesteigert. In der Extremvariante bedeutet dies, wenn Singalesen in unser Land kommen, sind wir nicht stolzer auf die Schweiz.

Wird Rassismus in Bezug auf verschiedene Ethnien unterschiedlich definiert?

Wir sollten versuchen, uns dieser Tendenz zu entziehen. Das ist reine Kopfarbeit. Es ist als Trend schon denkbar, dass wir zum Beispiel gegenüber Engländern weniger schnell reagieren. Den britischen Hooligan verstehen wir nicht als typisch national britisch. Wenn wir aber den deutschen Hooligan haben, dann sehen wir darin den Deutschen.

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