Politik | 09.04.2007

Das zweigeteilte Land

Text von Naomi Richner
Eine Statue in einem kleinen Park in Tallinn sorgt international für Aufruhr - weil das estnische Parlament beschlossen hat, sie abzureissen. Doch der Streit um den sowjetischen Soldaten aus Bronze ist nur die Spitze des Eisbergs.
Fotos: wikipedia.org

Demografisch gesehen ist Estland ein zweigeteiltes Land. Von den nicht einmal 1,5 Millionen Einwohnern sind circa 70 Prozent ethnische Esten; die grösste Minderheit bildet die russischsprachige Bevölkerung, die den Hauptteil der restlichen 30 Prozent ausmacht. Die meisten der heute in Estland lebenden Russen zogen in den 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts im Rahmen der sowjetischen „Russifizierungspolitik“ ins kleine Land an der Nordsee, das damals zur grossen Sowjetunion gehörte und offiziell Estnische Sozialistische Sowjetrepublik hiess. Ein Grossteil der russischen Bevölkerung, vor allem die junge Generation, die im Land geboren wurde, fühlt sich dort heute zu Hause. Trotzdem integrierte sich diese Minderheit nie wirklich in die estnische Gesellschaft. Der grösste Teil der Russen lebt heute in der Hauptstadt Tallinn und in der Grenzstadt Narva. In Letzterer sind etwa 95 Prozent der Einwohner russischer Herkunft.

Die Sache mit den Sprachen

Viele der russischen Einwohner Estlands haben nie Estnisch gelernt. Während der Sowjetzeit war Russisch die offzielle Amtssprache, die jeder zu lernen hatte. Heute wird an russischen Schulen – die estnischen und russischen Kinder werden in getrennten Schulen unterrichtet – zwar von der ersten Klasse an Estnisch gelehrt. Trotzdem sprechen auch jüngere Russen zum Teil nur schlecht Estnisch, da sie es ausserhalb der Schule kaum gebrauchen.

Estnischer Staatsbürger werden kann jedoch nur, wer einen ziemlich schwierigen Sprachtest in Estnisch besteht. Auch die Aussichten auf einen guten Job sind ohne Estnischkenntnisse eher gering. So sind auch Arbeitslosigkeit und Armut in der russichen Bevölkerung tendeziell verbreiteter als in der estnischen. Dieser Zustand wurde international, unter anderem von Amnesty International, schon mehrfach kritisiert.

Hitziger Streit

Beim Streit um das Denkmal in Tallinn zeigt sich deutlich, wie tief die Gräben zwischen Esten und Russen immer noch sind. Bei der Statue handelt es sich um einen Soldaten aus Bronze, der eine sowjetische Uniform trägt. Sie wurde 1945 zum Gedenken an die sowjetischen Soldaten, die im Kampf gegen die Nazis gefallen waren, errichtet. Für viele Esten ist der Bronze-Soldat, auch Aljoscha genannt, jedoch vielmehr eine Erinnerung an die gewaltsame Besetzung Estlands durch das sowjetische Russland sofort nach dem zweiten Weltkrieg.

Sie ärgern sich, wenn Teile der russischen Bevölkerung dort mit alten Sowjetfahnen demonstrieren, wie dies jedes Jahr am 8. Mai, am Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkrieges, der Fall ist. Im Mai 2006, nachdem ausserordentlich viele Leute an einer solchen Demonstration teilgenommen hatten, bemalten Unbekannte den Bronzesoldaten mit den estnischen Nationalfarben blau, schwarz und weiss. Dies wiederum sorgte auf russischer Seite für Empörung. Während einiger Wochen wechselten sich estnische und russische Demonstranten vor dem Denkmal ab, was zu Konflikten führte. So wurde das Gebiet um die Statue schliesslich ganz abgesperrt und sogar polizeilich bewacht.

Ein neues Gesetz

Eine allgemeine Diskussion um den Bronze-Soldaten entfachte, und Stimmen, die die Wegschaffung des Denkmals forderten, wurden laut – so laut, dass das Parlament schliesslich vor einigen Wochen einem neuen Denkmalsgesetz zustimmte, das die Verschiebung des Bronze-Soldaten auf einen Soldatenfriedhof ausserhalb der Stadt erlaubt. Proteste gegen dieses neue Gesetz und die Demontierung des Denkmals gibt es nicht nur innerhalb des Landes, sondern vor allem auch bei Estlands grossem Nachbarn Russland. Einige kremlnahe Jugendorganisationen protestierten sogar bei der estnischen Botschaft in Moskau und verbrannten estnische Fahnen.

Der Bronzesoldat symbolisiert somit mehr und mehr nicht nur Konflikte der Vergangenheit, sondern auch estnisch-russische Feindseligkeiten heutzutage. Und die lassen sich leider nicht einfach mit einem Gesetz aus der Welt schaffen.