Gesellschaft | 23.04.2007

„Afrika war unbeschreiblich“

Bernard Legler ist schon bald 88 jährig, erzählen kann er dank seines Berufes als Pfarrer, aber noch gut. Im Interview erinnert er sich an seine Jugendzeit und vergleicht die jungen Menschen von heute, mit denjenigen seiner Generation.
Eine lange Lebensgeschichte hat er zu erzählen: Der Romand heute.
Bild: Yann Schlegel Bernard Legler als kleiner Junge.(Links) Seine ehemalige Schulklasse: Bernard Legler ist der vierte von Links in der vordersten Reihe.

„Geboren bin ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Neuchâtel, welches Peuseux heisst. Selbstverständlich hatten wir, als ich jung war kein Auto, da es sich damals praktisch niemand leisten konnte. Deswegen spielten wir auch oft auf der Strasse, was heute nicht mehr möglich wäre. Nachdem ich fünfeinhalb schöne Jahre in diesem idyllischen Dörfchen verbracht hatte, zogen wir nach Genf um. Eine schöne Stadt, die ich gerne mag und in welcher ich mich heute noch wohl fühle.

Die Lebensbedingungen waren zugleich simpler, aber doch härter als heute. Während meiner Jugend hatten wir nicht so viele Familienfeste und Bankette. Meine Mutter verdiente bei weitem nicht genug, als dass ich es hätte verschwenden können. Aber trotzdem waren die Tage meiner Jugend angenehm und gut. Was ich sehr mochte war die Ruhe, die damals noch überall herrschte. Mein erstes Fahrrad bekam ich als 20-jähriger, junger Mann. An diesem Fortbewegungsmittel hatte ich grosse Freude, denn damals war es nicht so selbstverständlich.

Zu viel Geld hatte ich nie

Meine Jugend war nicht sehr energisch, ganz einfach weil ich zu wenig Geld hatte. Von 16 bis 18 war ich am klassischen Gymnasium, wo wir hart arbeiteten. Es war sehr interessant, denn ich hatte spannende Professoren, welche mich unter anderem in Griechisch, Geschichte und Literatur unterrichtet haben. Ich spreche nicht von Mathematik, weder von Physik, noch von Chemie, weil diese Fächer mich nicht allzu sehr begeisterten und ich zudem nicht stark bin in diesem Gebiet. Der Unterricht war bestimmt weniger straff und intensiv gegliedert, als heute. Vor allem wenn ich sehe, was die Schüler am Gymnasium für Voraussetzungen haben.

Wie schon gesagt, war meine Jugend sehr simpel, wir stiegen nicht irgendwann in das Flugzeug um irgendwohin zu fliegen, wie es heute Gebrauch ist. Die Gemeinschaft damals war enger verbunden, man unternahm mehr mit den Personen seines Umfeldes. Ich verstand mich äusserst gut mit meinen Kameraden, so gut, dass wir immer noch eine Freundschaft pflegen. Der zweite Weltkrieg hat unser Leben vor allem in der Politik beeinflusst. Zu dieser Zeit war ich in einer sanitären Kompanie, wo ich lernte, Kranke und Verletzte zu pflegen. Für mich war dies eine sehr interessante Periode, da mich die Medizin faszinierte.

Das erste Mal am Meer

Reisen ins Ausland kamen – wie schon angesprochen – damals nicht in Frage, weil ich einfach die Mittel dazu nicht hatte. Der erste Aufenthalt im Ausland machte ich als 17-jähriger Bursche. Es war zugleich das erste Mal, dass ich das Meer sah. Mit meinem Nachhilfeschüler durfte ich auf eine Insel in Friesland, die Insel Sylt. Während diesen Ferien erlebte ich ein beeindruckendes Abenteuer; Am Strand wirbelte ein Sturm heftig der Küste entlang. Ich war nach draussen gegangen um zu spazieren. Im Ferienhaus angekommen, bemerkte ich, dass mein Gesicht völlig von Blut überströmt war. Der aufgewirbelte Sand hatte mein Gesicht wie eine Rasierklinge aufgeschnitten.

Ausser dieser Reise bin ich folglich kaum über die Schweizer Landesgrenze hinaus gegangen. Doch dies störte mich keineswegs, da es mir sicherlich nie langweilig wurde. Oft besuchte ich Jugendlager in meinen Ferien. Zudem war Lesen eine meiner grössten Leidenschaften und ich verbrachte die Freizeit auch gerne mit meiner Mutter. Ich mochte es auch an die frische Luft zu gehen – in der Natur oder in der Stadt Genf zu spazieren und neue Ecken der Stadt zu entdecken.

Als ich älter wurde, hatte ich auch mehr Geld zur Verfügung und reiste in Afrika umher. Alle meine Erinnerungen an Afrika sind unbeschreiblich schön. Die Menschen leben fast Tag und Nacht auf dem Dorfplatz und Familien mit zehn Kindern sind keine Seltenheit. Einmal, ich war in einem kleinen Boot auf dem Kanal des Mosenbique, fuhren wir zwischen den Nilpferden hindurch. Es war schön, aber auch gefährlich, denn wenn eines dieser riesigen Tiere aufgestanden wäre, wäre unser Schiff gekentert. Neben den drei afrikanischen Staaten Kamerun, Togo und Mena besuchte ich noch Indonesien. Dort hätte ich auch gerne nach meiner Pensionierung gelebt. Wobei heute eher weniger, wegen den vielen Tsunamis und den Vulkanen die immer wieder ausbrechen.

Die Jugend von Heute

Ich denke, dass sich die heutige Jugend, wie schon seit eh und je, in zwei Teile unterteilt. Es hat Junge Menschen, die glücklich und vernünftig sind. Hingegen gibt es auch jene, die den Lärm und die Zerstörung mögen, die nur Blödsinn anstellen. Dies ist traurig. Grundsätzlich finde ich die Jugend nicht schlechter als damals. Ich denke, ein Problem ist, dass die Mütter immer öfters auch arbeiten und die Kinder deswegen alleine zu Hause sind.“


Steckbrief:

Bernard Legler wurde am 6. Oktober 1919 in Peuseux (NE) geboren. Seinen Vater kannte er nie, weil dieser nachdem er seine Mutter geschwängert hatte, verschwand. Als er noch nicht ganz sechs Jahre alt war, zog er und seine Mutter nach Genf. Dort studierte, der heute bald 88-jährige, Theologie und wurde Pfarrer. Nun ist er seit 64 Jahren mit Marguerite Legler verheiratet, hat vier Töchter, einen Sohn und sechs Enkelkinder.