Kultur | 12.03.2007

Wiener Grant

Text von Anita Kupper
Wienerinnen und Wiener sind grantig. Diesem Ruf machen die Bewohnerinnen und Bewohner der österreichischen Hauptstadt alle Ehre. Teil 12 der Serie Wiena Gschichtln.
In Wien wird gewettert,... Fotos: Bernhard Braun ...das Schimpfwörterbuch "Wiener Wut" zeigt wie.

„Vazupf di – sunst rupf i di wiara hinich’s Hend’l und schick di zum Wienerwoid.“ „Schau, dass d’weidakummst – sunst haur i di an d’Waund, dass d‘ glei pick’n bleibst!“*  

Dies sind zwei Auszüge aus dem Schimpfwörterbuch „Wiener Wut“ von Richard Weihs. Insgesamt 2222 kräftige Ausdrücke und 252 heftige Aussprüche hat er gesammelt, niedergeschrieben und kommentiert. Ich hab für euch zwei „nette“ Sätze herausgepickt – wenn Herr und Frau Wiener so richtig loslegen, wird nicht selten unter der Gürtellinie geflucht. Glücklicherweise bin ich bis jetzt noch nie ins Kreuzfeuer zorniger Einheimischer gekommen, aber dass diese oft grantig und mies gelaunt sind, konnte ich auch schon miterleben.

Egal ob im Volksgarten, im Lebensmittelgeschäft oder in der „Bim“ – es ist überall möglich, jemanden anzutreffen, der mit dem falschen Fuss aufgestanden ist. Der kleine Unterschied zur heimischen Schweiz ist, dass meine Mitmenschen hier ihre schlechte Laune nicht verbergen und gern jeden Dahergelaufenen „zammscheiss’n“. 

Ich durfte aber auch schon andere Erfahrungen mit Wienerinnen und Wienern machen. Beispielsweise spielte sich folgende kleine Geschichte letzten Donnerstagmorgen um halb neun auf der Wiener Einkaufsmeile Mariahilferstrasse ab: Nach einer langen Nacht im Liegewagen von Zürich nach Wien schleppte ich mein Gepäck und den Migros-Papiersack mit den drei Fasnachtschüechli-Packungen von der U-Bahn-Station zur Bushaltestelle. Als ich in Gedanken versunken durch die sonst überfüllte, nun aber beinahe menschenleere Mariahilferstrasse ging, zuckte ich plötzlich zusammen. Eine ältere Dame, die neben einem noch älteren Mann auf einem Bänkchen sass, hatte mich mit einem eher grimmigen „Grüss Gott“ gegrüsst. Automatisch und weil ich ja gut erzogen worden bin, erwidere ich ihren Gruss. Dasselbe Gesicht, das mich kurz zuvor so griesgrämig angeschaut hat, beginnt in diesem Moment zu strahlen. Ich strahle zurück und gehe mit einem Lächeln auf den Lippen weiter.  

Auch die dickste Wiener Schale hat einen weichen Kern.  

* „Verzieh dich, sonst rupf ich dich wie ein hiesiges Hühnchen und schick dich zum Wienerwald.“ „Schau, dass du weiterkommst – sonst hau ich dich an die Wand, dass du gleich kleben bleibst.“

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