Gesellschaft | 30.03.2007

Wie lange wird noch zugeschaut?

Noch immer stehen viele Armeewaffen in den Schweizer Haushalten. Obwohl es pro Jahr fast 300 Tote durch deren Schüsse gibt, wehrt sich die Regierung gegen Gesetzesänderungen.
Armeewaffen gefährden die Familien.
Bild: www.protell.ch, www.waffen-online.de Das Sturmgewehr 90 ist in vielen Schweizer Haushalten zu finden. Zukünftig sollen weniger Armeewaffen auf Menschen gerichtet werden. Die Armeepistole P38 ist nach der RS für 30 Franken zu haben.

Der bisher bekannteste Fall einer Tötung durch eine Armeewaffe ist die Tragödie der ehemaligen Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet. Die Prominente Mutter eines kleinen Jungen wurde im April des vergangenen Jahres durch Schüsse aus der Armeepistole ihres Freundes erschossen. Nachdem der Schütze auch das Leben von Rey-Bellet’s Bruder ausgelöscht hatte, richtete er sich selber. Dieser Vorfall rüttelte die Schweiz auf. Er ist jedoch nur einer von vielen solcher Horrorereignissen. Meistens spielen sich die Szenarien nach einem ähnlichen Muster ab: Der Täter bringt zuerst Familienmitglieder oder Freundin um und begeht anschliessend Selbstmord. Fast ausschliesslich sind die Täter männliche Personen.

Waffen nach Rekrutenschule billig zu haben

Die meisten Soldaten, die aus dem Dienst entlassen werden, wollen ihre Waffen nicht behalten und geben sie auch gleich ab. Im vergangenen Jahr nahmen nur noch gerade 29 Prozent der Wehrmänner ihre Sturmgewehre mit nach Hause. Die Tendenz ist stark sinkend, denn vor drei Jahren waren es noch über 40 Prozent. Diese Zahlen zeigen, dass immer mehr Männer ihre Waffen nicht mehr für nötig halten und der Meinung sind, dass sie sowieso nur in den Kleiderschrank gestellt werden und in falsche Hände geraten könnten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Waffenliebhaber, die ihre Gewehre und Pistolen gerne mit sich nehmen. Dies meist aus traditionellen Gründen, aus Stolz oder aus purer Freude an den Schussgeräten. Will ein abgehender Soldat seine Verteidigungswaffen nach Hause nehmen, ist das nicht teuer. Ein Sturmgewehr kostet 100 Franken, eine Pistole nur gerade 30 Franken. Das Militär überlässt den Wehrmännern ihre Waffen auf reiner Vertrauensbasis. Die allermeisten Männer, die sich für die Waffe entschieden haben, missbrauchen das Vertrauen auch nicht. Aber gerade deshalb sind die Ausnahmen umso schrecklicher.

Keine Munition als mögliche Lösung

Die Linke möchte die Armeewaffen und die Munition Zuhause ganz verbieten. Vor allem der Bundesrat hängt jedoch an seinem momentanen Regelwerk fest und wehrt sich gegen Änderungen. Das ist allerdings kein Wunder. Der Militärminister Samuel Schmid ist ein leidenschaftlicher Hobbyschütze und sein Bruder Peter Schmid war bis vor kurzem Präsident des Schiesssportverbandes. Doch auch der Bundesrat sieht sich gezwungen, kleine Schritte gegen die hohen Zahlen der Todesfälle durch Armeewaffen zu unternehmen. Er hat vor vier Jahren bestimmt, dass nur noch aktive Armeeangehörige Taschenmunition bekommen. Wer seine Dienstwaffe behalten will, muss zudem in den drei vorangegangenen Jahren in der Rekrutenschule zweimal das Obligatorische Schiessen und zweimal ein Feldschiessen absolviert haben. Warum nicht wenigstens die Munition zu Hause für alle verboten wurde ist jedoch für viele unklar. Ohne Munition würde es für die potenziellen Todesschützen auf jeden Fall schwieriger werden, ihre Waffen zu benutzen und die Waffenfans könnten immer noch ihr Hobby ausleben.


Nationalrat weiter dagegen

Es steht fest, dass in der kommenden Zeit etwas geschehen muss und dass es nicht so weitergehen kann. Eine ideale Lösung zu finden, um die häusliche Sicherheit zu erhöhen, scheint jedoch fast unmöglich. Verbietet man die Armeewaffen zu Hause endgültig, ist natürlich noch lange nicht sicher, dass die Bluttaten aufhören. Die Täter können sich ihre Tatwaffen auch anderswo auftreiben. So denkt anscheinend auch der grösste Teil des Nationalrates. Denn der jüngste Antrag von Boris Banga/SP Solothurn, wonach Ordonnanzwaffen nicht mehr zur persönlichen Ausrüstung gehören und im Zeughaus gelagert werden sollen, wurde mit 96 zu 80 Stimmen abgelehnt. Auch ein anderer SP-Antrag, nach dem aktive Schützen nach ihrem Abtreten aus der Armee die persönliche Waffe in einer zivilen Ausführung zu Marktpreisen kaufen könnten, wurde abgelehnt. Eine bürgerliche Mehrheit im Nationalrat hat sich bei der Diskussion ums Waffengesetz auch in dieser Frage gegen die Linke durchgesetzt.