Kultur | 19.03.2007

Slumkinder, Drogen und Polizei

Text von Claudio Notz
Cristian Alarcón erzählt in seinem Buch vom Schicksal der Slum-Kids von Buenos Aires, der mafiamässigen Polizei und der Angst der Mütter um ihre Kinder. Im Zentrum der Geschichte steht Victor Vital, bekannt als El Frente, um den ein Mythos entstanden ist.
Der Autor: Cristian Alarcón, geboren 1970 in Chile, lebt als Journalist in Buenos Aires. Das Buchcover: "Der Robin Hood von San Fernando" übersetzt aus dem Spanischen und erschienen im Dezember 2006.

In erster Linie geht es in „Der Robin Hood von San Fernando“ um den Helden El Frente, um den in der Siedlung 25 de Mayo in San Fernando unter den jugendlichen Kriminellen ein Mythos entstanden ist. Die Jugendlichen, die, um Geld für Drogen zu beschaffen, bewaffnete Überfälle begehen, verehren El Frente als ihren Schutzheiligen. Sein Grab wird während Schlägereien zum Schutz vor anderen Banden heimgesucht, aber auch für Opfergaben oder das so mit El Frente geteilte Konsumieren von Drogen.

Heiligenkult

Der Heiligenkult adressiert sich aber nicht nur an El Frente. Die besorgten Mütter erbitten von den Göttern, dass ihre Kinder behütet und nicht von der Polizei erschossen werden. Sie arbeiten wie wild, damit sie ihren Kindern die Wünsche erfüllen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen können. Die älteren unter den Kriminellen bläuen den Frischlingen ein, dass sie um nichts in der Welt ihre Mütter vergessen dürfen, weil sie es sind, die am Schluss noch hinter ihren Kindern stehen.


Einzigartiges ethisches System

El Frente wird vor allem deshalb verehrt, weil er einen speziellen Ehrenkodex im Slum propagierte und gleichzeitig vorlebte. Seine Kollegen schwärmen, wie grossmütig und tapfer er gewesen sei. Die Mütter wärmen die Geschichte auf und erzählen sich, wie grosszügig er mit den Kindern gewesen sei, damit sie etwas Anständiges zu essen hatten. Er raubte mit anderen klauenden Kids die Quartiere der Reichen aus und verteilte die Beute an Bedürftige – wie einst Robin Hood.

Doch dann 1999 – die Geschichte ist wahr – wurde El Frente mit 17 Jahren von der Polizei erschossen. Und nach dem Ableben des tapferen Jungen geht es im Slum bergab, der Ehrenkodex verschwindet, die Diebe werden bei ihren Überfällen dreister und das Zusammenleben im Slum wird immer schwieriger.

Polizei erschiesst, wen sie will

Wenn die Jugendlichen leicht verletzt ein weiteres Mal in eines der überfüllten Gefängnisse gesteckt werden, haben sie gerade noch Glück gehabt. Die Polizisten wenden nämlich oftmals rohe Gewalt an, schlagen die Kriminellen spitalreif oder ermorden sie mit Waffen. So war es auch im Falle von El Frente geschehen, obwohl dieser sich ergeben hatte.

Die jugendlichen Kriminellen sind der Polizei also auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Diese verbrüdert sich gar mit den Drogendealern, was bei den Familien auf grosses Unverständnis stösst.

Eindrückliches Dokument

Das Buch von Cristian Alarcón gibt einen eindrücklichen Einblick in den Alltag der Slum-Kids von San Fernando, einem Armenviertel von Buenos Aires. Auch wenn es am Anfang Mühe bereitet, die Verhältnisse im Slum zu begreifen, so gelingt es mit fortschreitender Lektüre immer besser, die komplizierten Zusammenhänge zwischen der Polizei, den Drogendealern und den kriminellen Kids zu sehen. Die unvorstellbaren Ängste der Mütter um ihre kriminellen Kinder werden mit diesem Buch vorstellbarer.

Informationen zum Buch


Das Buch "Der Robin Hood von San Fernando" ist auf deutsch beim Rotpunktverlag in Zürich erschienen, zählt 215 Seiten und kostet 34 Franken.