Sport | 26.03.2007

Siegen durch Nachgeben

Judo ist eine Kampfsportart, die grosses Ansehen geniesst und auf allen Kontinenten unserer Erde betrieben wird. Um einen Eindruck vom Judo zu erlangen, war Tink.ch bei einem Kampftraining in Magglingen dabei.
Kraft ist ein wichtiger Punkt im Judo. Fotos: www.bc-samurai.de, www.sergei.ch. Sergej Aschwanden ist der momentan beste Schweizer Judoka. Ippon-Seoi-Nage - Einer der meistverwendeten Würfe. Ein typischer Dojo Trainingsraum. Jigoro Kano, der Gründer des Judo.

„Rei“ – Alle Judokas verbeugen sich voreinander. Nach dieser traditionellen Begrüssung beginnt das Kampftraining. Es geht auch gleich zur Sache. Der Lehrmeister fordert seine Schüler auf, sich mit verschiedenen Übungen schnell und effizient aufzuwärmen. Talente aus der gesamten Schweiz sind anwesend. Sie bereiten sich auf ein internationales Turnier vom kommenden Wochenende in Frankreich vor.

Judo bedeutet übersetzt soviel wie „der sanfte Weg“. Das Motto der japanischen Kampfsportart lautet „Siegen durch Nachgeben“. Dies bedeutet, dass die Judokas während eines Kampfes nicht nur selber Angriffe starten, sondern jede falsche Bewegung des Gegners ausnützen und in eine eigene Aktion umwandeln. Neben dem Kampf ist im Judo auch die Technik ein entscheidender Punkt. Gürtel in verschiedenen Farben belegen diese. Um einen höheren Gurt zu erreichen, muss jeweils eine praktische Prüfung abgelegt werden. Ein Einsteiger startet mit dem weissen Gürtel und kann über gelb, orange, blau und braun bis zu den schwarzen Dan-Gürteln aufsteigen.


Konzentration, Technik und Kraft

Nachdem alle aufgewärmt sind, beginnen in Magglingen auch schon die ersten Kämpfe. Es werden Zweiergruppen gebildet, man greift sich gegenseitig an. Es geht nicht in erster Linie um den Sieg. Darum wird nicht verzweifelt gesperrt oder an einer Technik festgehalten. In der grossen mit Matten bedeckten Sporthalle herrscht Ruhe. Während Judokämpfen wird weder gesprochen noch werden irgendwelche Kampfschreie von sich gegeben. Nur der Trainer gibt verschiedene Anweisungen und Tipps. Schon nach zehn Minuten intensivem Kampf sitzen die Judokas schnaufend und schwitzend am Boden. Weil Judo den ganzen Körper beansprucht und sehr viele Muskeln miteinander grosse Leistung erbringen müssen, ist es eine der anstrengendsten Sportarten überhaupt. Im Judo werden Wurf- und Festhaltetechniken angewendet, aber es sind auch Würgetechniken und Armhebel erlaubt.

Gründer Jigoro Kano

Im Oktober des Jahres 1860 wird Sensei Jigoro Kano in einem kleinen Dorf in Japan geboren. Im Alter von elf Jahren zieht der spätere Gründer des Judosports mit seiner Familie nach Tokio, wo er Philosophie und Politikwissenschaften studiert. Mit 22 Jahren eröffnet Jigoro Kano sein erstes Dojo, wo er beginnt seinen eigenen Weg des Kampfsportes zu unterrichten. Dank seinem enormen Einsatz und seinem festen Willen findet das Judo schon bald Anklang im japanischen Volk und immer mehr Leute beginnen diesen Sport selber zu betreiben. Im Alter von 78 Jahren stirbt Kano an einer schweren Lungenentzündung.


Trotz harten Kämpfen kaum Verletzungen

Als Vorläufer des Judo gilt das Ju-Jitsu. Diese Art des Kampfes entstand durch das Zusammentragen von Kampftechniken, die im Nahkampf auf dem Schlachtfeld angewendet wurden. Mehrere Jahrhunderte lang war es dem japanischen Volk streng untersagt, irgendwelche Waffen zu tragen. Um sich aber gegebenenfalls doch verteidigen zu können, lernten die Menschen sich auch mit blossen Händen zu wehren. Die erste bekannte Ju-Jitsu Schule wurde bereits ab dem Jahre 1532 in einem japanischen Bergdorf geführt.

Beim Training in Magglingen geht es weiterhin sehr kampfbetont zur Sache. Nach jedem Duell wird eine kurze Erholungspause eingelegt, um danach gegen einen anderen Partner wieder mit neuen Kräften antreten zu können. Während eines Bodenkampfes zieht sich ein Judoka durch eine unbeabsichtigte Aktion eine kleine Platzwunde an der Wange zu. Er muss das Training abbrechen. Judo ist jedoch eine sehr faire Kampfsportart, bei der es im Allgemeinen wenige Verletzungen gibt. Zudem steht auch der Respekt vor dem Gegner immer im Vordergrund. Vor und nach jedem Kampf wird dem Konkurrent in Form einer Verbeugung die Achtung ausgedrückt.

Kompliziertes Regelwerk

Ein Kampf dauert höchstens fünf Minuten, kann jedoch auch schon nach ein paar Sekunden entschieden sein. Es gibt drei verschieden hohe Wertungen, die der Schiedsrichter je nach Qualität der angewandten Techniken verteilt. Ein Judokampf kann durch einen perfekten Wurf – der Gegner muss auf dem Rücken landen – entschieden werden. Meistens ist ein Wurf jedoch nicht ausgezeichnet und es wird am Boden weitergekämpft. Hält der eine Kämpfer seinen Gegner 25 Sekunden in einem Festhalter, ohne dass sich dieser befreien kann, ist der Kampf ebenfalls beendet. Wird eine Würgetechnik oder eine Hebeltechnik wirksam angewended, so muss der gewürgte oder gehebelte Kämpfer gezwungenermassen aufgeben, um sich keine Verletzung zuzuziehen. Wenn sich keiner der beiden Judokas eine vorzeitige Entscheidung erkämpfen kann, hat nach fünf Minuten der Kämpfer mit den höheren Bewertungen gewonnen. Sind auch diese ausgeglichen, endet der Kampf unentschieden. Da an Turnieren aufgrund des Systems ein Unentschieden aber meistens unmöglich ist, erklärt der Schiedsrichter den aktiveren Judoka zum Sieger.

Weltweit verbreitet

Seit 1964 ist Judo eine der wenigen olympischen Kampfsportarten. Zudem hat sich Judo bereits auf allen Kontinenten etablieren können, und ist damit eine der meistbetriebenen Kampfsportarten überhaupt, allerdings kein starker Publikumsmagnet. Dies aus dem einfachen Grund, weil das Regelwerk sehr kompliziert ist und man sich zuerst mit ihm auseinandersetzen muss, um die Entscheide während eines Kampfes nachvollziehen zu können.

Nach dem eineinhalb Stunden dauernden Kampftraining sind die Junioren alle ausgelaugt und sehnen sich nach der kühlenden Dusche. Am Ende des Trainings fordert der Trainer seine Schützlinge auf, sich in einen Kreis aufzustellen. Nachdem er sie für das kommende Turnierwochenende ermutigt und motiviert hat, folgt zum Trainingsschluss die übliche Verbeugung.

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