Sport | 18.03.2007

„Prellungen sind an der Tagesordnung“

Text von Wanja Knausz
Seit dem Jahr 2000 eine olympische Sportart mit über 40 Millionen Aktiven: Um die Faszination Taekwondo kennen zu lernen, besuchte Tink.ch die Kim-Taekwondoschule in Wabern. Eine Reportage aus der Trainings-Turnhalle.
Sportler bei einem Bruchtest. Fotos: www.wikipedia.org, www.taekwondo.ch/bern. Kim Myung-Soo, der Gründer der Kim-Taekwondoschle in Wabern. Taekwondo erfordert viel Ausdauer und Disziplin. Taekwondo kann in jedem Alter praktiziert werden. Auch Frauen praktizieren die aus Korea stammende Kampfsportart.

Zehn Minuten zu früh betrete ich die Turnhalle der Kim-Taekwondoschule in Wabern im Untergeschoss eines Altersheims. Überraschend klein und wenig schmuck zeigt sich die Trainingsstädte dieser Kampfschule. Dies ist keine Ausnahme in der Schweiz. Staatliche Unterstützung erhalten die Taekwondoschulen hier keine. Ganz anders sei dies in Ländern wie der Türkei, erklärt mir Beat Bilang, einer der Trainer, später beim Interview.

Kondition und Selbstverteidigung

Während ich noch auf meinen Interviewpartner warte, erscheint bereits der erste Schüler, obwohl das Training erst in einer halben Stunde beginnt. Er verneigt sich vor dem Eingang, betritt die Turnhalle und bereitet alles für das Training vor. Neben einem Boxsack befestigt er auch eine Schweizer Fahne an der Wand. Danach macht der blonde Junior selbständig Einwärmübungen. Die Disziplin des jungen Nachwuchssportlers ist beeindruckend. Jetzt erscheint auch der Trainer. Beat Bilang, genannt Billy, praktiziert Taekwondo seit 1989 und ist ein Schwarzgurt im dritten Dan.

„Ich praktiziere Taekwondo um fit zu sein und aus Selbstverteidigungsgründen. Dass ich Trainer bin, hilft mir aber auch in meinem Beruf, denn jemandem etwas beibringen zu können, ist auch in der Berufswelt nützlich.“ Als Taekwondotrainer Geld zu verdienen, ist für Billy nicht möglich. „Dazu müsste man in der Schweiz eine eigene Schule besitzen oder leiten.“ Trotz seinem schwarzen Gurt hat er noch lange nicht den höchsten Grad erreicht. Ähnlich wie im Karate gibt es nicht nur verschiedenfarbene Gurte, sondern auch sieben Kups und neun Dans. Nach den sieben Kups kommt der erste Dan und mit dem ersten Dan auch der schwarze Gurt. Billy hat den dritten Dan. „Um Trainer zu sein ist ein schwarzer Gurt zwar nicht zwingend nötig, doch ein gewisses Niveau ist schon von Vorteil und ein schwarzer Gurt verleiht einem bei den Schülern auch viel Respekt.“

Zwei weltweite Verbände

Taekwondo stammt aus Korea, existiert jedoch erst seit 1955. Während der Besetzung Koreas durch Japan wurden die koreanischen Kampfsportarten verboten. Taekwondo entwickelte sich nach der Befreiung Koreas aus dem japanischen Karate. Heute gibt es zwei weltweite Taekwondoverbände. Die in Europa etwas stärker präsente WTF (World Taekwondo Federation), deren Stil seit dem Jahr 2000 auch olympische Sportart ist, und das traditionellere Taekwondo ITF (International Taekwon-do Federation). Die beiden Stile unterscheiden sich vor allem in den Formenläufen und Namensgebungen. Die Techniken sind jedoch praktisch die selben. Die Taekwondoschule in Wabern gehört zum WTF-Verband. Sie ist die Zweitälteste in der Schweiz und der Gründer Kim Myung-Soo war ein Schüler des legendären Generals Choi Hong-Hi.

Bekannte Kampfsportart
Taekwondo gehört in der Schweiz zu den bekannteren der asiatischen Kampfsportarten. Doch wie viel wissen Herr und Frau Schweizer wirklich über Taekwondo? „Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Taekwondotrainer bin, wissen die Meisten tatsächlich, dass es eine Kampfsportart ist“, meint Beat Bilang. „Doch danach ist meistens Feierabend. Einige haben Taekwondo-Bruchtests im Fernsehen gesehen. Doch was oder wie Taekwondo wirklich ist, weiss kaum jemand.“ Um das herauszufinden folge ich jetzt Beat Bilang in die Turnhalle, wo das Training beginnt.

Koreanische Disziplin

Weiss gekleidet und barfuss sind die drei Juniorinnen, die sechs Junioren und die beiden Trainer. „Heute sind leider viele Schüler abwesend, da am Montag Prüfungen stattfanden“, wird mir mitgeteilt. Zu Beginn machen die Schüler selbständig Einwärm- und Dehnübungen. Nach fünf Minuten klatscht der Trainer und die Schüler stellen sich sofort in zwei Reihen auf. Der Trainer ruft einen kurzen Befehl auf Koreanisch und die Schüler vollführen eine bestimmte Schlagbewegung. Die Bewegungen werden von den Schülern in perfekter Synchronie ausgeführt. Niemand macht einen Fehler. Es ist völlig still im Raum, nur die Rufe des Trainers und das Schnaufen der Schüler, die langsam zu schwitzen beginnen, sind zu hören.

Für jedes Alter geeignet

Auf die Schlagübungen folgt ein anspruchsvolles Krafttraining. Liegestützen und Rumpfbeugen im Zehnerpack. Während die Schüler am Boden schwitzen, lese ich die Regeltafel an der Wand. Unterschrieben ist sie mit „Der Meister“. Nach dem Krafttraining werden erneut Schlagübungen durchgeführt. Zu jeder Schlagübung dröhnt ein mehrhalsiger Schrei der Schüler durch den Raum. Hemmungen, in voller Lautstärke zu schreien, hat hier niemand. Das harte Training erfordert eine gute Kondition. Trotzdem kann in jedem Alter und jeder körperlicher Verfassung mit Taekwondo angefangen werden, wird mir nach dem Training versichert. Der jüngste Schüler im heutigen Training ist etwa zehn Jahre alt, die Ältesten sind bereits erwachsen. Zum Abschluss des Trainings werden, immer zu zweit, Schlag- und Kickübungen gemacht. Der Eine hält einen weichen Gegenstand und der Andere trainiert seine Schlagtechniken am Gegenstand.

Verschwitzt jedoch ohne Verletzungen gehen die Schüler nach eineinhalb

Stunden Training in die Kabine. „Bei einem Wettkampf ist das etwas anders. Da sind Prellungen an der Tagesordnung“, sagt  Beat Bilang. „Auch Brüche sind nichts Ungewöhnliches.“ Taekwondo ist eben eine Kampfsportart, im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht Yoga.

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