Kultur | 01.03.2007

Mit Illusionen zu neuen Dimensionen

Text von Mara Ryser
Wenn aus einer Rose ein sich küssendes Paar hinauswächst und der eigene Kopf in einer Schachtel weggetragen wird, ist man im Illusoria-Land in Ittigen. Mit dem Betreten des etwas abgelegenen Fabrikgebäudes tauchen die Besucher in die Welt der Illusionen und Täuschungen ein.
Vierdimensionales Panorama auf die Schweizer Alpen. Fotos: Thomas Hirsbrunner Sandro Del Prete führt die Besucher durch die Welt der Illusionen. Inversionsstatue der Venus.

Beim Verlassen der dritten und Ankommen in der vierten Dimension sind die Erfahrungen, die wir im Laufe unseres Lebens gemacht haben, nutzlos: Da das Gehirn bestimmt, was wir sehen, und das Gesehene nicht unserem Erfahrungswert entspricht, ist es irritiert.

Das Gehirn wandelt also das, was wir sehen, in das, was wir kennen um. So schaut einem plötzlich der Knabe auf einem Bild beim Vorbeigehen nach. Dies entsteht dadurch, dass auf dem Gemälde die Nase des Knaben den hintersten Punkt bildet. Unser Gehirn weiss aber, dass die Nase das Vorderste im Gesicht ist und wandelt dies automatisch um. Eines der wohl bekanntesten Beispiele ist der „Laubegaffer“ im Hauptbahnhof Bern.

„Neues zu erforschen, ist meine Spezialität“

Die vierte Dimension beschreibt wissenschaftlich den Zeitablauf oder beispielsweise das Universum, in dem keine Richtungsbegriffe möglich sind.

Mit dieser „vierten Dimension“ beschäftigt sich seit längerem der Künstler Sandro Del Prete. Er versucht Objekte darzustellen, die gleichzeitig von zwei verschiedenen Perspektiven aus gesehen werden können. Dabei entsteht eine neue Dimension. „Meine Spezialität ist es, immer wieder Neues zu erforschen“, sagt der 70-Jährige. Die Einzelteile seiner Bilder sind alle richtig gezeichnet, nur dass es in seiner neu erforschten vierten Dimension keine Richtungsbegriffe wie vorne und hinten mehr gibt, lässt das Ganze unmöglich erscheinen.

Renaissance und Weltneuheiten

Vor sechs Jahren hat Del Prete dann sein Illusoria-Land eröffnet. Tagtäglich entführt er nun die Besucher in seine irreale Welt und verblüfft sie mit den Illusionen in seinen Bildern. Mit den 3-D-Objekten und Inversionsstatuen, die den Besuchern beim Vorbeigehen nachschauen, versetzt er sein Publikum ins Staunen. Diese Inversionstechnik war schon in der Renaissance bekannt und wurde nun von Del Prete wieder neu aufgegriffen.

Auf seine Raumvisionen ist del Prete besonders stolz. Mit seiner Erfindung, die er patentieren liess, hat er eine Weltneuheit geschaffen. Vor allem der in Europa einzigartige Desorientierungstunnel ist verblüffend: Ein schmaler Steg führt durch eine sich drehende Röhre. Beim Versuch diesen Tunnel nun zu durchqueren, verliert man plötzlich völlig das Gleichgewicht und wankt so dem Ende der Röhre zu.

Castel nero d’Illusoria

In Del Pretes Ausstellung findet sich auch ein Raum voller Hologramme. Da sie nicht mehr hergestellt werden, sind sie Raritäten – fotografische Aufzeichnungen, die mittels Laser dreidimensional wiederspiegelt werden. Die Bilder können dabei auch aus dem Rahmen hinaustreten und man kann in sie hineingreifen.

Am Ende des Rundgangs durch das Illusoria-Land taucht man schliesslich in die Welt eines Blinden ein, indem man das Castel nero d’Illusoria besucht: Ein Raum, dunkler als die Nacht, in dem man auf einem Waldspaziergang und einem Abstecher in ein Schloss seine Sinne trainieren kann.

Wieder im blendenden Tageslicht, kann wer will, sich noch einen Film anschauen, um mehr über die Illusionen unserer Zeit zu erfahren.

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