Kultur | 28.03.2007

Die Suche nach Liebe und Identität

Text von Alain Bopp
In den besten Sonnenstrahlen läutete Schauspielerin Susanne Kunz die 31. Jugendfilmtage ein. Das erste Mal bot das Theater an der Sihl seine Plattform für die 55 Kurzfilme an, ausgewählt aus 223 eingereichten Experimenten. Die aus 13 Werken bestehende Kategorie "Schul- und Jugendtrefffilme bis 19 Jahre" machte den Anfang.
Schauspielerin Susanne Kunz eröffnete die 31. Jugendfilmtage... Fotos: Sandro La Marca ...und sprach mit den jungen Filmemacherinnen und Filmemachern auf der Bühne. Los ging es am Mittwochnachmittag mit der Kategorie A "Schul- und Jugendtrefffilme". Am Abend folgten Produktionen zum Thema "Glaube und "Vertrauen".

Der erste Bildstreifen handelt von einer fliegenden Libelle, die auf der Erde nach Freunden sucht. Sie sucht und sucht, und wird nicht fündig. So zieht sie aufs Meer hinaus. Zu weit hinaus. Dann begegnet der Libelle ein rosaroter Wal mit violetten Flügeln. Sie setzt sich auf ihn nieder und findet bei ihm Liebe. Und sie liebten sich. Sie gebaren ein Kind, ein fliegender Wal.

Dieser freudige Auftaktfilm entstand aus den Anstrengungen der Sekundarklasse 2C des Schulhauses Leewasser in Brunnen SZ und der Feder ihres Lehrers Andreas von Euw.

Nächster TraumHalt Lyss

Erhellte Jugendliche und die reformierte Kirche aus Lyss BE boten einen 14 Minuten langen, herrlich zugespitzten Abriss generationsübergreifender seelischer Landschaften. Das Bild von einer Skulptur mit Lehmköpfen wich menschlichen Köpfen und darauf der vielleicht nicht menschlichen Frage: Was würden Sie tun, wenn Sie heute eine Million Schweizer Franken im Lotto gewinnen? Eine Dokumentar-Reise in die Träume und Sehnsüchte von am Bahnhof Lyss aufgegabelten Personen.

Ein schwarzer Mann gestand, er könne sich so viel Geld gar nicht vorstellen, da er bisher nie annäherungsweise so viel besessen hatte. Aber er liebe die ganze Welt – alle Menschen. Darauf kommt es ihm an. Er unterscheidet und urteilt nicht: „Es sind doch alle Menschen Brüder“, und schmeichelt der Schönheit der interviewenden Dame. Ein rund zehnjähriger Knabe mit eingebundenem Gipsarm gab an, er wünsche sich „än Töff“. Ein nicht grauhaariger Greis stellte fest: „Die Zeitlupe ist durch im Alter von 85.“  

Es folgte „Chasch nöd immer gwünne“, ein zweiminütiger Animationsfilm mit einer Puppe in Streifenanzug und blauer Hose und der Hintergrundmusik „Don’t worry, be happy“. Winibald wälzt sich im Bett umher, gähnt zum Sonnenaufgang gähnt, pisst und putzt die Zähne. Und plötzlich gewinnt er im Lotto. Was passiert?  

Herr und Knecht

Der Traum von humaner Erziehung des Schülers Michael: „Wir brauchen keine Erziehung.“ Der Sklavensprecher bezeugt: Er ist es überdrüssig, Sklave in der Herrschaft der Lehrer zu sein. „Wäre das schön, tun zu können, was man will.“ Eine jüngere Mitschülerin weist ihn zurecht: „Der Lehrer hat seine Knechte, wie der Ritter seine Knappen.“ Und der Sklavenführer muss eingestehen: „Ohne Herrschaft geht es auch nicht.“  

Das nächste Einspiel zeigt wie es ist, jeglicher Herrschaft fremd und fern zu sein. Ein Musikvideo von einer Puppe, welche die fremde Welt verzweifelt versucht zu verstehen. Das Gleichnis von in Roboterform gehaltenen Höhlenmenschen stellt eine Maturitätsarbeit dar: „Ich höre die Wahrheit, aber was passiert wirklich?“ Anstatt auf Sand geht die Puppe auf Beton.  

Alltag: Eine Schulklasse mit gelangweiltem Lehrer und gelangweilten Schülern. Einer von diesen nimmt ein Ei und zeichnet die Gesichtszüge des Lehrers darauf, und vergleicht in der Luft die Kopfformen. „Leave us kids alone“ – eine neue Türe wird geöffnet. Der Kopf des Lehrers wird am Ende in der Hand zerdrückt – im Film „L’uovo del giorno dopo“.

Wenn Engel entscheiden, zu sterben

Ein gefesselter Engel des Todes entscheidet zu sterben. Selbstauflösungsmechanismus. Er hat eine Schienenbahn aufgesetzt, eine Lokomotive darauf anfahren lassen, die, wenn sie in den Abgrund stürzt, einen Schuss aus dem wohl platzierten Gewehr löst. Seine Gedanken schweben von seinem erdlichen Leben weg. Unerwarteterweise kommen ihm Ereignisse mit seiner Freundin hoch, die freudige Gefühle auslösen und wieder ersehnen lassen. Die Lokomotive bleibt stehen und fällt nicht in den Abgrund. Gleichwohl geschockt und in freudigen Gedanken erholt er sich von seinem Selbstmorddrang und packt seinen Lebenswillen für die Gunst seiner Freundin. Da geht die Türe auf, die Freundin kommt herein, bewegt sich zum Gesetzten hin, und fängt den von ihr ausgelösten Schuss selbst auf. Wer eine eigene Grube gräbt, kann andere mit hineinziehen.        

Pascal und Larissa überfahren einen Menschen mit dem Auto. Darauf suchen sie das Weite. Sie landen bei einer in Schwarz gehüllten Gestalt. Diese bietet ihnen einen Handel an. Sie müssen die Zeitmaschine finden – dann sind sie befreit. Aber jetzt befinden sie sich in einem Labyrinth. Ein hinterhältiger Junge, der bereits jahrelang im Labyrinth Wege sucht, hilft ihnen. „Wenn ihr Licht seht, weicht dem aus. Ich bin schon sehr lange im Labyrinth gefangen. Es verändert sich ständig. Damit auch die Wege.“

Dieser fünfte Film der „wädiwood“-Jugendgruppe aus Wädenswil versucht anzuregen, uns unserer Verantwortung zu stellen und gegenseitig die Hand zu geben.  

Blaublütlerenzian   

Ein tierisches Verwandlungsspiel beanspruchte die graue Leinwand sieben Minuten lang. Darauf zeigte Christoph Keller „Ein einig Volk von Blau“. Auf der Strasse rennt ein gesunder Mensch. Er geht ein Parkhaus oder Hochhaus hoch. Ein Kreis von in Blau gehüllten Wesen versperrt ihm den Weg. Verwundert beschaut er sie, und will in die Mitte eindringen, wird aber immer von neuem weg gestossen. Er lässt sie, und geht im Gebäude weiter hinauf. An einer Wand ruht er aus. Ein zerbrochenes Glas liegt neben ihm, welches er sogleich bemerkt und aufgreift – und sich in Ruhe schneidet. Blaues Blut rinnt aus seinen Adern. Mit dieser blauen Farbe beschmiert er sich, stumpft ab und wird abgestorben im blauen Zirkel aufgenommen, erhält einen blauen Mantel, sieht sich gekleideter Gleichheit gegenüber und roten Lippen. Und der blaue Kreis wird zu einem Auge.

Er habe an das Verhalten der Schweizer in Kontakt mit Ausländern gedacht, äusserte sich der Regisseur später zur Motivation für diesen Film.

In gleicher Manie führten Wolken aus Urdorf ZH einen Werbefilm für das „erfundene Getränk l’aux“ mit dem Slogan „Bist du k.o. – trink l’aux“.

Eine weitere Spielerei an einem Schwimmbecken über Veränderung von Vergangenheit, zog den Auftakt der Jugendfilmtage in die Länge.

Im wahrhaftigen Sinn einen krönenden Abschluss bot das 15-minütige Werk des Berners David Zürcher „Where I end and you begin“: Eine herrliche Fabel von der Schizophrenie und dem idealisierten und realisierten Identitätswandel.

Filme können für Jugendliche einen neuen Ausdruck bieten, um mit alltäglichen Problemen und Ereignissen klar zu kommen. In der Pause, vor dem Einklang und nach dem Ausklang weilten die jungen und engagierten Filmemacher in der Vorhalle – vom Ereignis, der Präsentation ihrer Werke, erregt. Die „wädiwood“-Produktion „Zweite Chance“ wurde mit dem Preis der Publikumsabstimmung gekürt.

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