Kultur | 19.02.2007

„Uns ist es schnuppe, wer gewinnt“

Tink.ch traf am Theatersportfestival in Zürich Carlos Parada vom Eidgenössischen Improvisations Theater zu einem Gespräch. Der Mitveranstalter und -spieler hat so Einiges zu erzählen über Talent, klavierspielende Rampensäue und rassistische Witze.
Carlos Parada: Imprisationsschauspieler und Mitorganisator des Theatersportfestivals in Zürich.
Bild: Annina Meyer Der gebürtige Argentinier ist Teil des Ensembles EIT, Eidgenössischen Improvisation Theater. Fotos: Melanie Pfändler Auf der Bühne in Aktion: "Es gibt immer mal wieder Szenen, die wir völlig in den Sand setzen."

Das EIT ist die am längsten bestehende Impro-Gruppe der Schweiz. Konntest du im Laufe der Jahre eine Veränderung feststellen was die Bekanntheit des Theatersports betrifft?

Theatersport ist erst seit diesem Jahr in den Medien etwas präsenter. Ich bemerke das auch in meinem privaten Umfeld. Wenn ich sage, dass ich Theatersport mache, haben die Meisten schon etwas davon gehört. Als wir angefangen haben, kannte das niemand.

Wie sieht das denn in anderen Ländern aus?
Improvisationstheater ist weltweit sehr bekannt. So gab es in Deutschland während der Fussball-WM auch eine Impro-WM. Es wird natürlich in ganz verschiedenen Arten betrieben. Es gibt Länder, die total durchorganisiert sind, wie zum Beispiel Italien. Dort gibt es sogar ein Improvisationsministerium mit einem Minister, was ich doch seltsam finde für ein Metier, das vom Moment und vom Improvisierten lebt. So sehe ich auch die Einteilung der Teams in Profi- und Amateurliga in der Westschweiz als unnötige Bürokratie und Missverständnis.

Wir versuchen nicht in diese Falle zu tappen. Wir spielen einen Match für das Publikum, und dieser Zweifel, wie ernst wir das nehmen, soll durchaus bestehen. Uns ist es wirklich schnuppe, wer gewinnt.

Das ist bei den Vorführungen durchaus spürbar, es herrscht ein sehr freundschaftlicher Umgang.  

Genau. Wir laden Leute ein, die wir guten finden, weil wir auch eine gute Zeit mit ihnen haben. Das ist das Wichtigste. Wer gewinnt, das interessiert uns gar nicht.

Glaubst du, dass es für das Spiel von Vorteil ist, wenn man sich persönlich kennt?

Das ist absolut egal. Man kann sich drei Minuten vor der Show kennen lernen und es funktioniert.    

Wie ist es, wenn jemand neu zur Gruppe stösst? Könnte man da gleich zusammen auftreten?

Nein, das ginge nicht. Also doch, natürlich könnte man auch einen Unerfahrenen auf die Bühne bringen, fragt sich nur, ob das für ihn besonders angenehm wäre. Bei der Impro ist es so, dass man Fortschritte macht, ohne es zu bemerken. Man arbeitet immer wieder an den Grundlagen, wie ein Boxer, der auch nicht aufhört Seil zu springen, bloss, weil er das schon mal getan hat. Es braucht Zeit. Man muss dran bleiben.

Kann denn jeder Impro lernen, oder braucht es Talent?  

Talent ist vielleicht das falsche Wort. Ich würde es eher Offenheit nennen.    

Dass man auch bereit ist, sich darauf einzulassen.  

Genau. Wenn du sagst: „Du bist meine Grossmutter“, dann bin ich deine Grossmutter. Das ist eine Einstellung, die man sich antrainieren kann.

Kann Improvisationstheater einen Menschen verändern?
Man lernt ganz sicher das Ja-Sagen in Situation, wo man normalerweise blockiert hätte. Und man lernt, dass man sich selbst vielleicht nicht ganz so ernst nehmen und seine Meinung nicht bis auf den Tod verteidigen muss. Jemand anderes bringt eine Idee, man kann sie vielleicht nicht nachvollziehen, aber man probiert es einfach.    

Bist du mit den Jahren ein besserer Spieler geworden?  

Ich will es hoffen. Seit drei Jahren haben wir eine stabile Situation in unserer Gruppe mit sechs Personen. Das ist sehr fruchtbar. Wir proben besser und sind besser geworden.

Kommt es vor, dass es dennoch überhaupt nicht klappt?
Klar, das passiert ja in jeder Show. Meistens wird es von einem anderen Spieler aufgefangen. Im besten Fall merkt das Publikum nichts davon. Aber natürlich gibt es immer mal wieder Szenen, die wir völlig in den Sand setzen.    

Vielleicht macht gerade das den Reiz aus.  

Wenn das nicht so wäre, müssten wir es gar nicht machen. Es wäre völlig witzlos zu sehen, dass eine Szene nach der anderen klappt.    

   

Besteht beim Improvisationstheater die Gefahr, dass der Humor zu schwarz oder verletzend wird, weil man sich nicht an ein Skript halten muss?

Impro hat natürlich schon die Freiheit, dass es keine Zensur gibt. Es wird allein durch die Assoziation bestimmt. Das Publikum kann ja die Entwicklung der Szene mitverfolgen, die wird nicht einfach aus der Luft gegriffen. Und selbst wenn man einen Rassisten spielt und sagt: „Diese Neger sollen in Afrika bleiben“, dann sagt das der Rassist, nicht ich. Wo die Grenze ist, hängt vom Groove der Leute ab, die auf der Bühne stehen. Und natürlich passiert es auch mal, dass man sie überschreitet und sich nach der Szene sagt: „Ach Gott, was habe ich da gemacht.“  

Gibt es bei dir trotz aller Spontaneität Momente, in denen du denkst: „Das ist mir jetzt doch etwas zu peinlich?“

Zu peinlich nicht. Ich überlege mir bloss, ob das jetzt richtig ist für die Szene. Das ist vor allem bei Frauen und Körperkontakt ein Thema. Wenn wir aber ein Liebespaar spielen, ist die Sache klar. Da muss ich die Frau anfassen, auch wenn ich sie erst vor zehn Minuten kennen gelernt habe, weil es die Szene nun mal verlangt.    

Im Vorfeld des Festivals habe ich mich gefragt, wie ihr die sprachlichen Hürden meistern werdet. Siehst du es als Hindernis, wenn du nicht in deiner Muttersprache improvisieren kannst?

Das Fehlen einer Sprache ist eher ein Vorteil, weil du dich nicht auf das Qequatsche sondern die Action verlässt. Die Sprache droht so nicht zum Lückenfüller zu werden.    

Wenn man nun selbst Impro machen will – wie packt man das an?  

Man meldet sich am besten bei einer Gruppe mit Kopf und Fuss und fragt nach, ob sie Improworkshops anbietet. Einmal im Jahr kann man Keith Johnstone, den Urvater des Improtheaters, im Dimitritheater im Tessin sehen. Er ist nach wie vor ein sehr guter Anfängerlehrer, obwohl man viele seiner Dogmas wieder vergessen muss, wenn man weitermacht.                               

Welche Projekte stehen bei euch derzeit in den Startlöchern?

Wir treten im Keller 62 mit einer Impro-Langform names „Harold“ auf. Daran arbeiten wir zurzeit am intensivsten. Für uns ist es einen Zacken schärfer als Theatersport. Langformen sind gefährlicher, weil du nur einen Versuch hast und es gleich klappen muss. Du fängst eine Geschichte an und dann dauert sie eineinhalb Stunden. Das ist weniger populär, aber für uns umso interessanter. Von den Zuschauern, auch wenn sie noch nicht sehr zahlreich sind, bekommen wir sehr positive Rückmeldungen. Es ist näher am Theater und nicht zwingend Comedian-artig, es gibt durchaus auch tragische Geschichten.     


Gibt es eine Frage, die dir noch nie gestellt wurde, die du aber gerne beantworten möchtest?  

Ach ja, wegen dem Musiker. Sein Anteil am Ganzen wird häufig unterschätzt, weil wir aus Filmen stimmungsvolle Musik gewohnt sind, dabei trägt er viel zum Gelingen einer Show bei. Wir arbeiten mit zwei Musikern und proben auch regelmässig, weil die Musik oftmals die Stimmung einer Szene vorgibt, sie führt Regie. Das nützen manche aus und werde zu regelrechten Rampensäuen, die die Aufmerksamkeit zu stark auf sich ziehen. Doch: Eine Gruppe von Einzelkämpfern funktioniert nicht. Ein kooperativer Spieler, der vielleicht nicht so viele Mittel hat was Reimen und Singen betrifft, brilliert am Schluss eher als einer, der sich selber produziert.

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