Kultur | 19.02.2007

Mittendrin statt nur dabei

Am Samstagabend fand das sechste internationale Theatersportfestival in einem fulminanten Finale sein Ende. Noch einmal wurde deutlich, worum es beim Improvisationstheater in erster Linie geht: Jede Menge Spass, auf wie neben der Bühne.
Improvisationstheater pur: Starke Mimik, Bewegung, Energie, Spontaneität, Witz und Pointen. Fotos: Melanie Pfändler

Noch während sich das Miller’s Studio füllte, drangen erste Schreie und Tierlaute aus dem Backstagebereich. Als Moderator Christian Sauter die Bühne freigab, gab es kein Halten mehr: Küsse wurden verteilt, Glieder verrenkt, Komplimente und Beschimpfungen ausgetauscht und die skurrilsten Geschichten aus der Luft gegriffen. Und auch als das Licht im Saal schon lange erloschen war, pflegten die Spieler an der Bar noch immer ihren locker-theatralischen Umgangston.  

Schiedsrichter und Entertainer

Bei soviel Spontaneität und kreativen Geistesblitzen einen roten Faden zu knüpfen, erwies sich als keine leichte Aufgabe. So berief sich Christian Sauter zur Not immer wieder auf seine imaginäre Schiedsrichterlizenz und wies die Spieler mit gelben Karten in die Schranken. „Diese willkürlichen Bestrafungen dienen dazu, dass sich das Publikum mit den Teams verbündet“, erklärt Zuschauer Frank Renold, selbst aktiver Improspieler. „Die Zuschauer werden auf dieselbe Ebene gestellt wie die Schauspieler.“ Der gewünschte Effekt blieb nicht aus. Obwohl das Miller’s bis auf den letzten Platz besetzt war, stellte sich bald eine familiäre Atmosphäre ein. Das Publikum wurde Teil des heiteren Trubels. Nicht zuletzt, weil ihm im Theatersport eine wichtige Rolle zukommt: Einerseits entscheidet es am Ende jeder Szene, welcher Auftritt mehr überzeugt hat. Andererseits ist es für kreative Inputs zuständig, die das Geschehen auf der Bühne massgeblich beeinflussen.  

Pointen auf Knopfdruck

Theatersport setzt sich aus unzähligen Spielmodi zusammen, einer überraschender als der andere. Der Moderator stellt die Teams laufend vor neue Aufgaben, die es spontan zu erfüllen gilt: Mal verlangt er plötzliche Gefühlswechsel während der Szene, lässt die Spieler plötzlich die Sprachen wechseln oder das Gesehene in verschiedenen Filmgenres wiederholen.

Um diese Vorgaben zu konkretisieren, holen sich die Teams Vorschläge aus den Zuschauerrängen. Im Miller’s zum Beispiel wurde um den Namen eines Autors gebeten und der Text nach dessen Stil gestaltet. Auch nach Emotionen, Charakterzügen oder einem kniffligen Problem wurde gefragt, das im Laufe der Szene gelöst werden soll. Eine Dame aus der ersten Reihe wurde gar dazu aufgefordert, den erlebten Tag zu schildern, worauf das slowenische Team ihr szenisch prophezeite, was sie in der folgenden Nacht träumen werde.  

Spiel mir das Lied vom Tod

Die Ideen des Publikums und der Schauspieler erwiesen sich als explosives Gemisch. Ehen wurden geschlossen und gebrochen, Klischees über die verschiedenen Länder karikiert und ein mörderisches Lied aus dem Ärmel geschüttelt. Obwohl manche Vorgaben an Absurdität kaum zu überbieten waren, schien die Phantasie der Spieler nicht enden zu wollen. Besonders in den letzen Runden liefen sie zur Höchstform auf. Der kleine Final zwischen den Capital Legends und dem EIT endete mit einem Match in der Königsdisziplin, der so genannten Trilogie der grossen Künste: Eine erste Szene wird gereimt, eine zweite getanzt und die dritte gesungen. Der Titel „Die Odyssee von Paul“, der sich aus Publikumsrufen zusammensetzte, hielt mehr als er versprach. Das Publikum war derart begeistert, dass eine Steigerung kaum mehr möglich schien. Doch es kam noch besser.  

Fantastische Leistung

Das Finale zwischen dem slowenischen Teater Narobov und Belleville aus Bologna wurde zu einem Feuerwerk aus Lachsalven. Ein in die Jahre gekommenes Partygirl trällerte beschwipst 90er-Jahre-Hits. Das naiv-dümmliche Schneewittchen wurde von quengelnden Zwergen gepiesackt und erntete sogar vom gegnerischen Team Standing Ovations. Das abschliessende Musical „Only for tonight“ setzte dem Festival die Krone auf. Die Geschichte dreier Cabaretsängerinnen und ihrem Produzenten, die alles dafür tun würden, um endlich Ruhm und Ehre zu erlangen, liesse so manches Broadway-Sternchen vor Neid erblassen. Besonders rührend war die Figur des Bauers Goran, der in die Stadt reist, um seine Frau auf die Farm zurückzuholen. Sein Auftritt quittierte die slowenische Schauspielerin mit dem ironischen Kommentar „Oh God, my Slowenian past is coming after me.“  

Keine Verlierer

Die schlussendliche Reihenfolge auf dem Siegertreppchen, Belleville vor Narobov, dem EIT und den Berliner Schlusslichtern, muss an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Die Teams scherten sich überhaupt nicht um die Punktvergabe, sondern zeigten ehrliche Freude über jeden gelungenen Auftritt. Diese Einstellung war auch für das Publikum spürbar, welches das Miller’s auch nach der Zugabe nur widerwillig räumte. Sollte diese Begeisterung anhalten, ist dem Festival ein fester Platz im Kulturkalender sicher. Bleibt nur zu hoffen, dass die Mannschaften auch nächstes Jahr den Weg nach Zürich finden. Kann man ja nie wissen, bei soviel Improvisationslust.