Gesellschaft | 12.02.2007

Mann kann auch anders

Text von Lailo Sadeghi | Bilder von Marc Pfander
Wer heute in der Schweiz nicht ins Militär gehen will, der wird sich am Versuch, anstatt des Militärdienstes Zivildienst zu leisten, nicht die Zähne ausbeissen. Doch das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da galt man bei Verweigerung als Landesverräter.
Frei wie ein Vogel, fort von der Vogelscheuche. Seit 10 Jahren gibt es den Zivildienst. Zeichnung: Hannes Neubauer Zivis beim Trockensteinmauern bauen - und vorne marschieren verschwitze Soldaten vorbei.
Bild: Marc Pfander

Früher wurde man zum Militär gezwungen. Wer sich dennoch weigerte, landete im Gefängnis. Vor ungefähr zehn Jahren änderte sich dies. Am 10 November 1996 wurde die Möglichkeit Zivildienst zu leisten per Bundesgesetz ins Leben gerufen. Seither ist Zivildienst eine anerkannte Ersatzleistung für das Heimatland.

Geliebt und unterstützt – ignoriert und eingesperrt

Doch dies war nicht immer so. Marino Keckeis etwa, einer der letzten Militärdienstverweigerer, wurde, wie es schon mit Hunderten vor ihm gemacht wurde, für mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt. Dies, weil er dem Komitee für die Gewissensprüfung nicht klarmachen konnte, dass er aus moralischen und religiösen Gründen keinen Militärdienst leisten könne. Verstanden hat er dies nie. Es stellte sich ihm die Frage, was das für ein demokratisches Land sein solle, in dem man eingesperrt wird, wenn man nicht lernen will Menschen zu töten. Im Gefängnis entschied er sich für einen Hungerstreik. Heute sagt Marino über diese Methode, dass sie vielleicht etwas unfair war, aber was hätte er denn sonst für Möglichkeiten gehabt?

Mit dieser Aktion hatte Marino Keckeis nicht nur auf sich aufmerksam gemacht, sondern auch eine Solidaritätswelle ausgelöst. Er bekam viele Briefe, die geschrieben wurden, um ihm Mut zu machen. Es wurden Demonstrationen veranstaltet und Unterschriften gesammelt. Marino kam so zu der nötigen Kraft, diese Sache durchzustehen. Von der Bevölkerung geliebt und unterstützt, bedeutete aber nicht vom Staat angehört und verstanden. Dieser beharrte auf die Strafe. Fünf Monate Gefängnis. Er wurde aber im dritten Monat wegen guter Führung vorzeitig entlassen.

Zivildienst – absichtlich unattraktiv

Heute, etwa zehn Jahre später, ziehen pro Jahr etwa 10’000 junge Männer dem Militärdienst den Zivildienst vor. Das Problem dieser Menschen ist, dass der Zivildienst von Seiten der Armee absichtlich unattraktiv dargestellt und der Weg zu ihm erschwert wird. Ausserdem dauert Zivildienst länger als ein klassischer Militärdienst – eineinhalb Mal so lange. Insgesamt sind es 390 Tage die man leisten muss. 
Nach wie vor muss ein Gesuch gestellt werden, worin es darum geht, zu begründen, warum man einen Militärdienst mit seinem Gewissen grundsätzlich nicht vereinbaren kann. Danach wird man eingeladen und muss seine Situation wiederholt schildern. Dieses Mal mündlich vor drei Kommissionsmitgliedern. Nach dieser Anhörung fällt der Entscheid. Nach Statistiken werden die Zivildienstgesuche zu neunzig Prozent bewilligt. Es empfiehlt sich dennoch, vor dem Abschicken des Gesuchs und vor der Anhörung eine Beratungsstelle für Zivildienst zu kontaktieren.

Horrende Kosten beim Militär

Zivildienstleistende kosteten 2005 alles in allem 14,7 Millionen Franken. Pro Person und Diensttag ergibt dies eine Summe von 248 Franken. Die Ausgaben für Schulung und Kurse der Armee betrugen im Jahr 2005 etwa 200 Millionen Franken. Pro Tag und Person sind dies 33 Franken. Darin enthalten sind Sold, Unterkunft, Verpflegung, Transporte sowie entstandener Land- und Sachschaden, Dienstleistungen Dritter sowie allgemeine Ausgaben. Doch das gesamte Verteidigungsbudget der Schweiz belief sich im Jahr 2005 auf insgesamt vier Milliarden Franken, was pro Tag und Dienstleistenden 664 Franken bedeutet.

Auch diese horrenden Kosten sind für Marino nach wie vor ein Grund, warum er das Militär nicht versteht. „Es ist die Suche nach einem Feind, den es gar nicht gibt. Das Militär gibt es nur, weil die Menschen so grosse Angst haben.“ Obwohl Marino unter der ganzen Geschichte gelitten hat, würde er es heute nicht anders machen. Er ist einer der letzten Militärdienstverweigerer. Es scheint, als war im damals etwas besonders wichtig: Courage haben, dass zu machen, was ethisch vertretbar ist – trotz aller persönlichen Nachteile.

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