Gesellschaft | 19.02.2007

Kunst an der Grenze

Text von Ursina Kiss
Früher waren Grenzzäune dazu da, Menschen am Ein- oder Ausreisen zu hindern. Heute ist das nicht mehr nötig. Doch wie kann eine Grenze markiert werden und gleichzeitig dazu einladen, sie zu überqueren? Die Städte Kreuzlingen und Konstanz versuchen es mit Kunst.
Die Tarotfiguren von Künstler Johannes Dörflinger entlang der Grenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz. Fotos: Ursina Kiss Ein 280 Meter langer Abschnitt wurde vom Grenzzaun befreit. Nach dem Motto "Kunst überwindet Grenzen" sollen sich Spaziergänger frei fühlen, die Grenze zu überschreiten.

Die meisten Schweizer Grenzstädte haben ihre Grenzzäune schon vor Jahren abgebrochen. Nicht so Kreuzlingen und seine deutsche Nachbarstadt Konstanz. Es hat zwar auf beiden Seiten der Grenze zahlreiche Anläufe gegeben, das teilweise meterhohe Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg abzubrechen, doch keiner der Versuche war von Erfolg gekrönt. Erst 2004 ergriffen schliesslich Oberbürgermeister Horst Frank und Stadtamman Josef Bieri die Initiative. Ihr Projekt sah vor, einen 280 Meter langen Abschnitt des Grenzzauns abzubrechen und ihn durch Kunstobjekte zu ersetzen. Sowohl die beiden Gemeinderäte als auch die Zollbehörden würdigten das Engagement und stimmten dem Bau zu.

Tarot für die Grenze

Der Künstler Johannes Dörflinger hatte ein Konzept erarbeitet, das vorsah, den Grenzverlauf durch Tarotfiguren zu kennzeichnen. Seine Stiftung beschloss, die Kosten für Errichtung und Unterhalt zu übernehmen. Die 22 Skulpturen, die seit kurzem aufgestellt sind, stellen Motive des Tarot, ein Kartenspiel zu psychologischen und hellseherischen Zwecken, dar. Sie tragen Namen wie Magier, Gerechtigkeit, Eremit, Tod oder Wiedergeburt und sind Symbole für die Bedingungen der menschlichen Existenz. Mit dem Abbruch des Grenzzauns und der Errichtung der Skulpturen werden mehrere Ziele verfolgt: Einerseits sollen die beiden Nachbarstädte näher zusammen rücken, die „Grenze im Kopf“ soll verschwinden. Andererseits soll auch das Areal, das direkt am See liegt, stärker belebt werden. Spaziergänger sollen die Möglichkeit haben, die Grenze zu überqueren, ohne den Umweg über den Zoll machen zu müssen. Johannes Dörflinger sagt dazu: „Kunst überwindet Grenzen.“  


Damals und heute

Der Verlauf der Grenzen zwischen der Schweiz und ihren Nachbarstaaten hat sich zwar über die Jahrhunderte immer wieder ein bisschen verändert. Er wurde aber schon immer überall, wo er nicht von natürlichen Gegebenheiten wie Flüssen gebildet wurde, markiert. Meistens geschah dies mit grossen Steinen, die – je nach vorherrschender Ideologie – verschiedene Funktionen hatten. Sie trennten steuerliche Hoheitsgebiete, markierten die Punkte, an denen Zölle eingefordert wurden und bildeten letztendlich die Linie, die die Armee zu verteidigen hatte. Heute dienen Grenzmarkierungen kaum mehr militärischen Zwecken. Auch die Personenkontrolle hat seit der Annahme der bilateralen Verträge an Bedeutung verloren.  

Die Gelegenheit, die Grenze schnell und ohne Formalitäten zu überqueren, wird noch nicht sehr häufig genutzt, obwohl die Tarotfiguren nun schon seit ein paar Monaten stehen. Das mag aber auch am trüben Winterwetter liegen. Die beiden Städte erhoffen sich jedenfalls, dass sich die Kunstgrenze mit der Zeit zum Treffpunkt entwickelt.

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