Kultur | 04.02.2007

„Integration ist eine vielseitige Sache“

Text von Lena Tichy
Die Ausstellung "Blickwechsel" zeigte vom 18. Januar bis 2. Februar das Leben von jungen Migrantinnen und Migranten von einer neuen Seite und gab Luzerner Schulklassen die Chance, interaktiv an der Ausstellung mitzuwirken. Tink.ch sprach mit zwei der Organisatorinnen, Ylfete Fanaj und Veronica Antonucci, beide 24 Jahre alt.
"Heimat ist dort, wo ich mich verwirklichen kann."

Diese Ausstellung wurde vom Politforum Zentralschweiz organisiert. Welche Rolle habt ihr bei der Vorbereitung und der Organisation eingenommen?
Ylfete: Ich bin seit eineinhalb Jahren beim Politforum und kurz nachdem ich dort angefangen hatte, begannen wir, diese Ausstellung vorzubereiten. Das Kernteam besteht aus sieben Leuten, die von Anfang an dabei waren. Insgesamt waren an dieser Ausstellung aber 45 Personen beteiligt, nur sieht man die nicht alle, weil die meisten von ihnen im Hintergrund wirkten.
Veronica: Ich bin erst seit Oktober 2006 beim Politforum dabei und  studiere ebenso wie Ylfete Soziale Arbeit an der HSA (Hochschule für Soziale Arbeit) in Luzern. Ich hörte von diesem spannenden Projekt und habe mich gemeldet.

Wie seid ihr mit der Ausstellung zufrieden?
Ylfete: In unserem Gästebuch, wo sich die Besucherinnen und Besucher eintragen konnten, stehen viele positive Rückmeldungen. Und dafür, dass es unsere erste grosse Ausstellung ist, sind wir ganz zufrieden. Etwa 1000 Personen haben sie gesehen, das heisst, unser Ziel ist erreicht.
Veronica: Das Besondere an „Blickwechsel“ ist ja, dass die Ausstellung junge Migrantinnen und Migranten zeigte, die auch ungewöhnliche Positionen einnahmen. Wir stimmen dem Sprachobligatorium zu oder sind der Ansicht, dass muslimische Mädchen in den Schwimmunterricht sollen, weil wir finden, dass sie gleich behandelt werden sollten wie Schweizer Mädchen. Viele Leute fanden diese Aussage erfrischend und es freut uns, dass wir die Besucherinnen und Besucher überraschen konnten.

Für die Ausstellung haben zwei Luzerner Schulklassen zusammen mit dem Künstler Bosko Providzalo Bilder zum Thema Heimat gemalt. Was bedeutet Heimat für euch?
Ylfete: Ich schliesse mich einem Jugendlichen an, der in unserer Ausstellung zu Wort kam. Er sagte: „Heimat ist dort, wo ich mich verwirklichen kann.“ Das finde ich sehr schön, denn meiner Meinung nach ist Heimat nicht an einen Ort gebunden.
Veronica: Es ist ein Ort, wo man sich wohlfühlt, denke ich. Aber wie Ylfete schon sagte, das kann überall auf der Welt sein. Ich bin zwar in Italien geboren, dort sind meine Wurzeln und viele Traditionen wurden mir mitgegeben. Aufgewachsen bin ich in der Schweiz, oft fühle ich mich Heimatlos oder eben überall zu Hause. Ich kann Heimat nicht definieren. Ylfete und ich sind moderne Nomadinnen, denke ich.

Die Ausstellung befasst sich mit Migrantenjugendlichen aus der Zentralschweiz. Welche Herausforderungen ergaben sich daraus für die Organisation und die Durchführung von «Blickwechsel«?

Veronica: Die Ausstellung beinhaltete mehrere Podiumsdiskussionen und Referate mit Politikern, Jugendlichen, Expertinnen oder Sozialarbeiterinnen. Das Publikum hat oft rege mitdiskutiert, doch gerade beim Thema „Sexuelle Multimoral und Aufklärungsherausforderungen bei migrantischen Jugendlichen“ war es eher zurückhaltend. Wir hätten uns zum Teil etwas kritischere Stimmen gewünscht.
Auch hatten wir zu Beginn trotz grossem positivem Medienecho weniger Besucher als erwartet. Und das, obwohl wir 10000 Flyer verteilt und verschickt haben.

Denkst du, dass ihr unterschätzt wurdet?

Veronica: Ja, das denke ich. Die Leute schienen den Eindruck zu haben, dass wir aus der Mulitkulti-Ecke kommen und eine harmlose Ausstellung über verschiedene Kulturen organisiert haben.
Ylfete: Dabei ist das Gegenteil der Fall. Wir wollen Diskussionen anregen und auch heikle Themen aufgreifen, deswegen haben wir uns zum Beispiel auch ganz kurzfristig noch entschieden, Referate zum Thema „Warum sind Tamilen am schlechtesten integirert?“ und „Sexuelle Multimoral und Aufklärungsherausforderungen bei migrantischen Jugendlichen“ zu organisieren.

Ein Wort, welches im Zusammenhang mit Migration immer wieder fällt, ist „Integration“. Was versteht ihr unter diesem Begriff?
Ylfete: Integration ist für mich in erster Linie nicht eine zweiseitige Sache, sondern eine vielseitige. Allgemein herrscht der Glaube, dass es nur darum geht, dass sich Ausländer und Schweizer besser verstehen. Aber man darf nicht vergessen, dass auch die Ausländergruppen untereinander lernen müssen, sich anzupassen und Vorurteile abzubauen. Für mich ist Information der erste Schritt zur Partizipation und ermöglicht Integraton. Und genau das versuchten wir mit dieser Ausstellung zu erreichen.

Was wünscht ihr den jungen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz?
Veronica (lachend): Wie sagte doch Immanuel Kant so schön? Sapere Aude!
Beide: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
Ylfete: Integration ist ein langer Prozess und davor darf man nicht zurückschrecken. Ausserdem sollte man klug genug sein, sich Hilfe zu holen, wenn man sie braucht. Denn alleine schafft es wohl niemand.