Kultur | 05.02.2007

„Hier geht es um Kunst“

Mit ihrem letzten Film "Die Herbstzeitlosen" traf Bettina Oberli ganz unerwartet eine grosse Sehnsucht der Menschen: Den Wunsch, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Die Berner Regisseurin über dumme Fernsehprogramme, die Schweizer Filmkultur und Frauen im Filmgeschäft.
Bettina Oberli, Regisseurin von "Die Herbstzeitlosen: "Ein Film kann die Möglichkeit bieten, 90 Minuten in einer anderen Realität zu leben." Fotos: Johannes Bühler "Es interessiert mich mehr, im Hintergrund zu arbeiten, Regie zu führen."

Können Sie sich an den ersten Film erinnern, den Sie gesehen haben?

Ja. „Bernhard und Bianca“, ein Trickfilm. Ich war etwa sieben Jahre alt. Im Vorfilm war ein junger Esel zu sehen, der seine Mutter verloren hat. Meine Mutter musste daraufhin mit mir hinausgehen, weil ich sehr zu weinen begann. Für mich war das alles real. Von „Bernhard und Bianca“ weiss ich noch jede einzelne Szene.  

War dies entscheidend für Ihre Berufswahl?

Ich liebte Geschichten. Schon als Kind habe ich viel gelesen und selber Geschichten geschrieben. Diese Welt hat mich immer fasziniert. Auch habe ich immer gerne fotografiert, Musik gemacht und Theater gespielt – das alles kommt beim Filmemachen zusammen. Aber als Kind wusste ich nicht, dass man so etwas als Beruf machen kann.  

Sie sind ohne Fernseher aufgewachsen. Wie stehen Sie heute dazu?

Ich empfinde es als sehr positiv. Ich habe deshalb viel gelesen und bin oft ins Kino gegangen.  

Aber jetzt haben Sie einen Fernseher?

Ja, aber meine Kinder schauen nicht fern. Fernseher und Kind ist keine gute Kombination. Mein älterer Sohn hat drei Filme auf DVD: „Der kleine Eisbär“, „Bob der Baumeister“ und sonst noch einen. Die guckt er sich manchmal an. Aber er schaut keine Programme. Ich finde es verheerend, wenn Kinder fernsehen. Bei all diesen Kinderprogramme wie Tele Tubbies oder Disney Chanel geht es nur darum, zu konsumieren – auf eine dumme Art.  

Und wie ist es mit dem Kino?

Filme sind etwas ganz anderes. Wenn man sich einen Film von A bis Z anschaut, so ist das, wie wenn man ein Buch liest. Man kann sich gut darauf einlassen. Ein Film kann die Möglichkeit bieten, zu träumen, 90 Minuten in einer anderen Realität zu leben.  

In Ihrem neuen Film „Die Herbstzeitlosen“ lehnt sich eine Gruppe alter Frauen gegen eine hochkonservative Gesellschaft auf. Eine Abrechnung mit der Realität?

Eher eine Überhöhung, eine Parabel auf Freiheit und Selbstbestimmung. Es hat im Film auch Elemente, die übertrieben oder überzeichnet sind. Ich sage ja nicht: „Genau so ist es in Trub“. Ich sage: „Was wäre wenn…“. Darin sehe ich die Aufgabe eines Spielfilmes.  


Was soll der Film beim Betrachter bewirken?

Ich habe gehört, dass sehr oft am Ende der Vorführung applaudiert wird, obwohl wir Macher ja nicht dort sind. Das kenne ich nicht, so was habe ich noch nie erlebt. Wahrscheinlich sind die Leute glücklich, weil der Film so emotional ist. Sie freuen sich für die alten Frauen und empfinden Lebensfreude. Damit ist bereits ein grosses Ziel erreicht.


Schweizer Filme sind entweder lebensfreudige Komödien oder sehr depressive Streifen. Wieso ist das so?

Weil in der Schweiz und auch im übrigen Europa der Autorenfilm gepflegt wird, was bedeutet, dass die Filmemacher sowohl das Drehbuch schreiben als auch die Ideen haben und Regie führen. Die gesamten Werke sind somit von der ersten Idee an sehr persönlich. Nebst diesen oft eher depressiven Filmen gibt es noch die Genre-Filme. In Europa sind dies meist Komödien. In Hollywood ist es anders. Dort gibt es einen Drehbuchautor, einen Regisseur und einen Produzenten. Film in Hollywood ist keine Kunst, sondern ein Exportartikel. In Europa hingegen steht die Kasse nicht an erster Stelle. Hier geht es um ein Kulturgut, um Kunst.

Ein Film ist also etwas sehr persönliches. Wie gehen Sie mit negativer Kritik um, ohne diese persönlich zu nehmen?

Man kann einen Film nicht so machen, dass er allen gefällt. Meistens weiss ich bereits wenn der Film fertig ist, was negativ angestrichen wird. Kritik gehört dazu und kann auch zu einer Reflektion anregen.  

Als Regisseurin stehen Sie immer im Hintergrund und haben kaum Kontakt zum Publikum. Stört Sie das nicht?

Für mich ist das in Ordnung. Ansonsten wäre ich Schauspielerin geworden.

Sie wären nicht gerne Schauspielerin?

Nein. Erstens wäre es schwierig, mit mir zusammen zu arbeiten, weil ich alles immer besser wüsste. Und zweitens ist das Schauspielen ein sehr schwieriger Beruf, der eine grosse Portion Narzissmus verlangt, wo Kritik sehr schnell persönlich wird und wo man sich viel weniger hinter seiner Arbeit verstecken kann.  

Verstecken Sie sich gerne?

Ich verstecke mich nicht. Aber es interessiert mich mehr, im Hintergrund zu arbeiten, Regie zu führen. Man kann viel kreativer sein.

Wie erklären Sie sich, dass es immer mehr Frauen gibt, die Filme machen?

In der Schweiz ist das zurzeit tatsächlich der Fall, was vor allem an den beiden Leiterinnen der Filmschule in Zürich liegt. Ihnen ist es wichtig, auch Frauen einen Platz zu geben, weil das Filmgeschäft ansonsten sehr männerdominiert ist. Eine allgemeine Tendenz, dass mehr Frauen Filme machen, bemerke ich aber nicht. Hollywood zum Beispiel ist Business, knallhartes Ellbogengeschäft. Dort haben eher Männer die Fähigkeiten, sich zu behaupten.  

Wie sehen Sie die Zukunft des Filmemachens in der Schweiz?

Wenn mehr Geld zur Verfügung gestellt wird, so könnte sich der Schweizer Film durchaus steigern. Ansonsten bleibt es eine Wellenbewegung. Denn der Markt ist sehr klein. In der Schweiz ist das Filmemachen durchsubventioniert – ein Verlustgeschäft. Kein einziger Film spielt seine Kosten wieder ein. Ich kann zwar gut davon leben, aber wenn man viel Geld verdienen will, muss man in der Schweiz nicht Filme machen.  


Bettina Oberli


Die Schweizer Filmregisseurin Bettina Oberli, geboren 1972, drehte unter anderem den Kassenschlager "Die Herbstzeitlosen", (Oktober 2006). Ihr erster Kinofilm hiess "Im Nordwind" (2005), war aber wesentlich weniger erfolgreich. Bettina Oberli lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Zürich.