Gesellschaft | 19.02.2007

„Die Drogen, meine Begleiter“

Text von Lailo Sadeghi
«Ich rauche, trinke hin und wieder Alkohol, nehme ab und zu ein bisschen Amphetamine. Vor eineinhalb Jahren hab ich das letzte Mal MDMA genommen. Und gekokst habe ich das letzte Mal vor fünf Minuten." Protokoll eines Süchtigen, der versucht, die Kontrolle zu behalten.
Kokain. Fotos: Lailo Sadeghi Zigarette. Pilze.

Ja, ich hab schon so ziemlich alle möglichen Drogen und Rauschmittel probiert und getestet. Ausser Heroin. Das würde ich nie anrühren.  

Das ganze Programm

Angefangen hat das alles, als ich vierzehn Jahre alt war. Da hab ich begonnen zu kiffen. Ich war neugierig und es hat mich gereizt. Bis ich sechzehn Jahre alt war, habe ich nur gekifft, dann nahm ich Pilze, später, so ungefähr mit achtzehn oder neunzehn, auch Amphetamine und MDMA. Und schliesslich das ganze Programm. In dem Alter kam ich mit mir selbst nicht klar. Ich habe angefangen Drogen zu nehmen, damit ich abschalten konnte und um mich zurück zu ziehen. Ich hab mich einfach zugedröhnt.  

Die Droge hat mich kontrolliert

Es gab Zeiten, da habe ich jedes Wochenende gekokst und Amphetamine genommen. Eigentlich wollte ich das gar nicht, ich hatte Angst so viel zu nehmen. Aber ich war halt süchtig. Die Droge hat die Kontrolle über mich gewonnen. Das war schon eine heftige Zeit. Dann hab ich einmal ein Jahr lang Pause gemacht. Ausser Alkohol habe ich gar keine Drogen genommen. Da habe ich aber jeden Tag gesoffen und das war auch nicht gut. Ich bekam körperliche Probleme und habe deswegen auch wieder aufgehört, zumindest für einen Monat, dann ging es wieder. Jetzt trinke ich nicht mehr regelmässig. Ab und zu unter der Woche ein Bier, aber sicher nicht jeden Tag. Allgemein hat sich meine Einstellung zu Drogen verändert. Ich konsumire nicht mehr so häufig. Manchmal frage ich mich, wie ich damals überhaupt so viel vertragen konnte.  

Der Reiz etwas herauszufordern

Warum ich überhaupt Drogen nehme? Keine Ahnung. Drogen sind gemütlich. Ich nehme sie einfach gerne. Vielleicht weil ich früher so viel genommen habe. Aber ich muss schon aufpassen, dass ich nicht wieder mehr nehme und abstürze. So lange ich sie nicht brauche, darf ich sie nehmen. Wenn ich bemerke, dass ich sie wirklich brauche und ohne sie nicht sein kann, muss ich wieder aufhören. Das ist immer ein Spiel mit mir selbst. Eine Gratwanderung sozusagen. Drogen zu nehmen ist für mich der Reiz etwas herauszufordern.

Natürlich werde ich es wieder nehmen

Das schönste Erlebnis mit Drogen hatte ich, als ich zum ersten Mal MDMA genommen habe. Das ist der Grundstoff von XTC. Es schüttet Glückshormone aus. Davor war ich total verklemmt und mit MDMA fühlte ich mich plötzlich sehr glücklich, ich war zufrieden mit mir selbst. Das gab mir sozusagen die Kraft in das kalte Wasser zu springen und einen Schritt vorwärts zu gehen, mir Sachen anzusehen, vor denen ich vorher immer Angst hatte. Ohne Drogen wäre ich vielleicht jahrelang in diesem Zustand geblieben. Und nachdem ich das erste Mal MDMA genommen habe, war ich einfach glücklich, noch eine ganze Woche lang hab ich dauernd gestrahlt. Ich konnte es kaum fassen, so glücklich war ich. Es ist definitiv meine Lieblingsdroge. Wenn man es aber jede Woche nimmt, lebt man nur noch für diesen Moment, alles andere wird scheissegal. Das gibt Depressionen, schlimme Depressionen. Darum nehme ich es heute nur noch sehr selten. Denn es dauert lange, die Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten. Mindestens ein Jahr. Natürlich werde ich es wieder nehmen, zuerst muss ich aber wieder meine Mitte finden.  

Kokain – und alles ist klar und kontrolliert

Auch Kokain ist eine schöne Droge. Das macht einem einfach leistungsfähig und man fühlt sich zufrieden. Also ich finde Kokain gemütlich. Als ich das erste Mal Kokain nahm, konnte ich für eine Stunde meinen Liebeskummer vergessen, obwohl ich sonst jede Sekunde daran gedacht habe. Es fährt nicht wirklich ein, man hat nicht eine Scheibe vor den Kopf. Alles ist klar und kontrolliert, aber es hat schon eine heftige Wirkung. Und weil es so fein, so angenehm ist, ist es auch so heimtückisch, man unterschätzt die Wirkung, darum wird man auch so schnell süchtig. Wenn man es einmal probiert hat, ist es verdammt schwierig nein zu sagen. heute kokse ich aber nur noch sehr selten, vielleicht zwei Mal im Jahr. Und nur wenn es wirklich gutes ist.

Am Bahnhof kostet ein Gramm Kokain etwa hundert Franken, das ist aber kein Kokain, das ist Mist. Gestreckt mit allem Möglichem. Das Flash, das man von dem Zeugs bekommt, ist nie so angenehm und fein wie bei richtigem Koks. Also, ich nehme lieber gutes und bezahle dafür auch das Doppelte. Was auch sehr schön ist, ist LSD. Das ist richtig heftig. Unbeschreiblich. Vielleicht zehn Mal hab ich schon genommen. Habe aber nicht vor, in nächster Zeit wieder zu nehmen.

Gift ist eine Frage der Dosierung

Ein Hauptnachteil an den Drogen ist sicher, dass, wenn man es einmal probiert und erlebt hat, immer eine grosse Versuchung bleibt. Denn die Kraft zu finden, solch schöne Erlebnisse auch ohne Drogen zu haben und etwas dafür zu tun, ist schwierig. Und auch wenn man weiss, dass es mit Drogen viel schöner wäre, muss man lernen, dass es auch ohne schon schön genug ist und einem eigentlich gar nichts fehlt. Früher oder später muss man das einfach einsehen, sonst zerstört man sein Leben. Klar, viele zerstören ihr Leben mit Drogen, doch Gift ist eine Frage der Dosierung. Und jedes Gift ist auf eine Art auch ein Medikament. Natürlich hatte ich auch unschöne Erlebnisse. Erlebnisse, die nah am Tod vorbeigingen. Oder Horrorflashs. Schlimme Halluzinationen. Totenköpfe, die in den Bäume hängen und mich anlächeln, und solche Sachen. Gar nichts Schönes.

Ich würde nie einen Porno drehen

Aber ich habe nicht vor ganz mit den Drogen aufhören, das ist gar nicht mein Ziel. Mein Ziel ist es, dass ich auch ohne Drogen auskommen kann, aber ab und zu trotzdem etwas nehme. Ganz ohne kann und will ich nicht. Aber ich will die Kontrolle behalten und mich nicht von den Drogen beherrschen lassen. Es gibt auch Dinge, die würde ich nie tun. Ich würde zum Beispiel nie einen Porno drehen, was Menschen, die ich kenne, schon gemacht haben um an Geld zu kommen. Es gibt auch Leute, die blasen jedem eins, um noch ein Gramm zu bekommen. Da hab ich meine Prinzipien und kenne Grenzen, die ich nie überschreiten würde.

Die porträtierte Person ist 22, lebt im Kanton Solothurn und möchte anonym bleiben.