Sport | 26.02.2007

„Der Sport steht im Zentrum“

Text von Janosch Szabo
Blindspot ermöglicht sehbehinderten, blinden und sehenden Jugendlichen gemeinsame sportliche Abenteuer. Die Kletter- und Snowboardlager sind beliebt. Vereinspräsident und Lagerleiter Jonas Staub über natürliche Integration, Angst und das hinderliche Helfen aus Mitleid.
Tandem auf der Piste: Ein Sehbehinderter mit seinem Blindensnowboardlehrer. Fotos: BlindSpot Jonas Staub, Initiator und Vereinspräsident von BlindSpot: "Es ist schön, dass eine Idee funktioniert und sich entwickeln kann." Spass im Schnee beim Schlitteln. Die Gruppe trifft sich, aber nicht für künstliche Gesprächsrunden zum Thema Integration. Die geschieht auf natürliche Art und Weise. Im Herbst findet jeweils das Kletterlager statt. Im Oktober 2007 im norditalienischen La Traversella.

Blindspot fokussiert auf Abenteuer und Sport. Warum?

Weil es genau in diesem Bereich ein Lücke gibt. Auch sehbehinderte und blinde Jugendliche wollen sich auf etwas stürzen, wollen Action und Abenteuer. Von den Sehenden werden sie aber oft gebremst, aus Angst…  

…die sie selber nicht haben?

Genau. Sie haben ein anderes Angstverständnis als Sehende, fürchten sich oft weniger vor dem, was auf sie zukommt, gerade weil sie es nicht sehen.

Ist das nicht gefährlich?

Nein, eher eine Chance, denn Angstlosigkeit führt schneller zu Sicherheit und zu den Grenzen der eigenen Möglichkeiten, während Angst hemmt und gar zu Unfällen führen kann. Aber natürlich brauchen die Sehbehinderten und Blinden sehr wache und professionelle Begleiter. Diese müssen mit einem viel breiteren Horizont als gewohnt arbeiten, die ganze Situation auf der Piste im Blickfeld haben und gleichzeitig voll auf die Person, mit der sie den Hang hinunterfahren, konzentriert sein. Schliesslich übernehmen sie von ihr den ganzen Bereich der Sicherheit.  

Ihr geht also gemeinsam auf die Piste. Und dann?

Der Sport steht im Zentrum, jeder Teilnehmende soll etwas lernen und seine Fahrkünste weiterentwickeln können. Die Sehbehinderten haben ihre Snowboardlehrer, wie die Sehenden auch. Und auch wenn sich die Gruppe mal teilt, treffen wir uns immer wieder, zum Beispiel zum Aufwärmen, zum Essen und zum Heimfahren.  

Es geht um Integration, oder?

Ja, wir wollen das Gefälle zwischen den Behinderten und den Nichtbehinderten abbauen. Das erreichen wir durch eine gemeinsame Aktivität, den Sport. Und wir machen das Angebot bewusst für beide Seiten attraktiv, auch die Sehenden müssen profitieren können. Denn würden wir uns, wie in so manchen Integrationsprojekten, nur auf die Behinderten konzentrieren, so wäre es für die Sehenden zwar immer noch ein Erlebnis, aber eher unter dem Aspekt des Helfens. Und gerade das Helfen ist für die Integration nicht förderlich. Das Gefälle bleibt dann bestehen, so wie es auch bei blosser Sensibilisierung bestehen bleibt, wenn zum Beispiel eine Blinde in einer Klasse im Gymnasium von ihrem Leben erzählt.

In unseren Lagern vermeiden wir deshalb künstliche Integration in Form von Gesprächsrunden zum Thema. Wir setzen viel mehr auf natürliche Integration, die entsteht, wenn emotionale Erlebnisse gemeinsam erlebt werden. Das bringt die Jugendlichen zusammen.  


Ist denn nie ein Helfen aus Mitleid zu spüren?

Doch, am Anfang schon, aber dann werden im Lager Freundschaften geschlossen, Sehbehinderte und Sehende vermischen sich. Und wenn dann sehende Jugendliche mit dem Wunsch zu mir kommen, selber mal eine nicht sehende Person auf der Piste zu begleiten, steckt mehr Motivation als nur der Wunsch zu Helfen dahinter. Als dieses Bedürfnis beim letzten Lager das erste Mal aufkam, haben wir es ernst genommen und den sehenden Jugendlichen niederschwellig beigebracht, was es heisst, einen blinden oder sehbehinderten Kollegen zu begleiten. Schliesslich konnten sie zusammen auf den Lift und auch gemeinsam auf der Piste fahren. Das war für beide ein tolles Erlebnis.  

Im Jahresbericht 2006 schreibst du: „Die Begriffe „behindert“ und „nicht behindert“ rücken in den Hintergrund. Was meinst du damit?

Dass sich in den Lagern etwas ergibt, was eigentlich ganz normal ist, nämlich, dass zwei Menschen zusammen Spass haben und alles andere, wie Religion, politische Ausrichtung, Beruf und Lebenshaltung, in den Hintergrund rückt. Für Nicht-Behinderte ist das leicht, weil sie all das verstecken können, wenn sie auf neue Leute zugehen. Behinderte aber können das nicht, man merkt ihnen die Behinderung an und weil die in unserer Gesellschaft meist auf irgend eine Art bewertet wird, lastet sie oft schwer auf den Betroffenen.

Wir wollen die Leute nicht unbehindert machen, aber erreichen, dass sie als gleichwertig erkannt werden, nach dem Motto: „Du hast andere Voraussetzungen – na und.“  

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Den Behinderten gibt das ein starkes Selbstwertgefühl und die Nicht-Behinderten nehmen die Gewissheit mit, auch in anderen Lebenssituationen mit Behinderten umgehen zu können. Das geschieht aber eher auf unbewusster Ebene.

Was nehmen sie denn sonst noch mit aus den Lagern?

Das Erlebnis vom gemeinsamen Sport treiben, Freundschaften und Kollegschaften. Im besten Fall treffen sie sich wieder, nach dem Lager oder im nächsten Jahr.  

Kommen manche mehrmals ins Lager?

Ja, auch dieses Jahr kommen wieder sieben, die schon im Vorjahr dabei waren. Und einige waren so begeistert und motiviert, dass wir sie in die Vorbereitungen zum heurigen Lager mit eingebunden haben. Sie waren bei den Vorbesprechungen dabei und haben Aufgaben übernommen, Teile des Sponsorings, das Rahmenprogramm im Lager und die Mitarbeit an einem ausgiebigen Lagerbericht. Auch während des Lagers bauen wir sehr auf Selbstverantwortung.  

Wie erlebst du persönlich die Lager?

Es ist schön, dass eine Idee funktioniert und sich entwickeln kann, durch das Mitwirken der Jugendlichen. Ihre Reaktionen sind für mich jeweils ein Highlight, sie motivieren mich und bringen uns weiter.  

Wie soll es denn weitergehen?

Wir wollen ganz klar mehr Angebote schaffen, weil das ein Bedürfnis ist, wie wir von Sehenden und Sehbehinderten wissen. So soll im Sommer 2008 nebst dem Snowboard- und dem Kletterlager auch noch eine Sommersportwoche mit Tanz, Kampf- und Wassersport stattfinden. Zudem planen wir kürzere aufs Jahr verteilte Angebote, damit die Jugendlichen nicht ein Jahr warten müssen, um wieder miteinander Sport treiben zu können. Ein Fernziel ist es, andere mitzureissen. Denn auch wenn der Weg zur Akzeptanz beispielsweise bei geistig Behinderten länger sein mag, das Grundprinzip ist das gleiche. Ich möchte die Leute zusammenführen können, weil es nichts gibt, was dagegen sprechen würde.  

Lagerdaten 2007


Das Snowboardlager findet vom 11. bis 17. März in Saas Fee statt, das Kletterlager im Herbst vom 7. bis 13. Oktober in La Traversella in Norditalien. Für letzteres Angebot können sich sehende, sehbehinderte und blinde Jugendliche im Alter zwischen 12 und 20 Jahren noch bis am 31. August 2007 beim Verein BlindSpot anmelden.

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