Politik | 12.02.2007

Befürchtungen, Erwartungen, Hoffnungen

Der 1. Januar 2007 war für ganz Bulgarien ein lange erwarteter Tag, der Beitritt zur Europäischen Union ein Ereignis. Nun wagt man bereits grössere Pläne für die Zukunft zu schmieden. Welche Erwartungen und Hoffnungen die jungen Leute haben, zeigt eine Umfrage unter Schülerinnen und Schülern in Sofia.

Welche Erwartungen und Hoffnungen verbindest du mit dem Beitritt Bulgariens zur Europäischen Union?  

Dessislava (17): Ich hoffe innigst, dass ich meine Eigenschaften in einer besseren Welt entfalten kann, dass ich wettbewerbsfähiger werde und am meisten, dass ich mich hier in meinem Heimatland verwirklichen kann, und nicht irgendwo im Ausland.

Ljubomir (18): Der Beitritt bedeutet eine Statusänderung, was unumgänglich mit Erwartungen verbunden ist. Ich persönlich hoffe, dass unter dem Einfluss der EU in Bulgarien bessere Gesetze verabschiedet werden, insbesondere in Bezug auf die Strafen gegen Prostitutionzwang und ähnliches, so dass unsere Justiz effizienter arbeiten kann. Das Problem besteht aber darin, dass wir selbst diese Veränderungen hin zu einer besser strukturierten und disziplinierten Gesellschaft einleiten müssen und nicht einfach darauf warten können, dass uns diese Veränderungen von aussen aufgezwungen werden. Die EU kann uns den gesetzlichen Rahmen geben und gute Beispiele auf vielen Gebieten zeigen. Diese an unsere Bedürfnisse anpassen und die Veränderungen durchführen, die uns angeboten werden, müssen aber wir.

Diana (17): Ich erwarte mehr Möglichkeiten bei der persönlichen Entwicklung. Ausserdem hoffe ich, dass durch unseren Beitritt neue Bedingungen für die berufliche Entwicklung entstehen, da wir aus der Erfahrung der anderen Mitgliedstaaten schöpfen können.

Stanislav (17): Aus meiner Sicht als Schüler freue ich mich, dass ich an Hochschulen in Europa studieren und die Vorteile eines EU-Bürgers geniessen kann. Ausserdem hoffe ich, dass die europäischen Investoren ihren Blick nach Bulgarien richten und dass dadurch unsere Wirtschaft einen Wachstum verzeichnet. Ich glaube, dass nicht Irland, sondern Bulgarien der „Wirtschaftstiger Europas“ wird.  

Martin (17): Bulgarien hat den richtigen Weg eingeschlagen. Ich rechne mit einem erhöhten Interesse der ausländischen Investoren an unserem Land und mit grossem Zufluss von Kapitalien in unsere Wirtschaft. Der Lebensstandard steigt, die Leute werden das bald auch in ihren Kühlschränken merken.

Hast du irgendwelche Ängste oder Befürchtungen im Zusammenhang mit der EU-Mitgliedschaft Bulgariens?  

Dessislava: Ich will mich nicht der Illusion hingeben, dass unser Beitritt der Zauberstock aus dem Märchen von Aschenputtel ist und dass Bulgarien ab sofort mit seiner majestätischen Pracht glänzen wird. Ich glaube, dass wir das Schöne zuerst alleine erreichen müssen und es nicht auf dem silbernen Tablett bekommen.

Alexandrina (15): Meine Befürchtungen beruhen darauf, was wir jeden Tag um uns herum hören. Viele Menschen aus meiner Umgebung sprechen über Preiserhöhung, über neue Verbote und Regeln, auf die wir vielleicht noch nicht vorbereitet sind. Meine Befürchtungen gehen dahin, dass es möglich ist, dass Bulgarien als ein kleines und armes Land und ohne einen wirklichen Einfluss auf das Weltgeschehen sich in eine östliche Provinz der EU verwandelt. Ich fürchte, dass die EU-Bürger uns als Menschen zweiter Hand annehmen könnten. Ljubomir: Grundsätzlich fürchte ich mich davor, dass jetzt die „Gehirnabwanderung“ aus Bulgarien viel leichter wird. Und weil in jedem anderen Land hochqualifizierte Leute gefragt sind, hilft der Fall der Grenzen zur EU, dass Bulgarien total ausblutet, weil die qualifizierten Fachleute bessere Bedingungen in anderen EU-Ländern finden.

Julia (16): Momentan habe ich keine Befürchtungen. Mit der Zeit wird sich das auch noch zeigen, wenn unsere Beziehungen mit den anderen EU-Staaten ihren Lauf nehmen.

Martin: Ich fürchte, dass 2007 ein sehr schwieriges Jahr für Bulgarien sein wird. Das Land zahlt bereits seinen Mitgliedsbeitrag an die EU und die europäischen Mittel kommen erst gegen Ende des Jahres. Das wird die Regierung in eine schwierige finanzielle Lage bringen, und unsere Infrastruktur und das Gesundheitssystem brauchen dringend Investitionen. Weiter befürchte ich, dass die bulgarischen Behörden und unsere Geschäftsleute nicht ganz bereit sind, die europäischen Mittel richtig einzusetzen.    


Findest du den Beitritt als Ganzes ein positives Ereignis?  

Dessislava: Ja, weil einfach jeder neue Anfang an und für sich etwas Positives  mit sich bringt. Unsere Generation steht zweifellos vor vielen Türen, die zu etwas Gutem führen.

Alexandrina: Ich hoffe, dass wir richtige Mitglieder der grossen europäischen Familie werden können.

Julia: Ja, ich freue mich, dass wir diese Stufe in unserer Entwicklung erreicht haben. Ich hoffe, dass die neuen Regeln, die eingeführt werden, in einigen Bereichen des staatlichen Lebens mehr Ordnung schaffen werden. Ich glaube, dass wir nach einer bestimmten Zeit der Anpassung zeigen können, wozu wir fähig sind.

Stanislav: Ich bin positiv eingestellt gegenüber der EU. Ich freue mich, dass die Bulgaren die Rechte aller anderen Europäer haben und denke, dass wir das maximal nutzen müssen.

Martin: Für mich persönlich ist der EU-Beitritt ein positives Ereignis, dank dieser Tatsache kann ich meine Ausbildung an berühmten Hochschulen in der EU machen zu einem viel niedrigeren Preis als zuvor. Ausserdem ist unser EU-Beitritt ein konsequenter Schritt, Bulgarien befindet sich schliesslich seit ewig in Europa. Im Rahmen des Förderprogramms für zurückgebliebene Regionen der EU und dem Nach-Beitrittsfonds bekommt Bulgarien Summen von Milliarden Euros.