Kultur | 15.01.2007

Zum Reden schüchtern, zum Singen nicht

Nina Dimitri ist leidenschaftliche Sängerin, ihre Stimme unglaublich. Sie singt südamerikanische Lieder und begleitet sich dabei abwechselnd mit Charango und Gitarre. Tink.ch sprach mit ihr über ihre Heimat, ihre musikalischen Anfänge und über das Singen auf der Strasse und im Auto.
Nina Dimitri: "Da ich eher ein schüchterner Mensch bin, kommt beim Singen viel hervor, was sonst nicht hervorkommen würde." Fotos: Jamuna Schläfli Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Türen, ohne Fensterscheiben, ohne Toilette, ohne Licht: Nina lebte drei Jahre in einer Lehmhütte in Bolivien. "Das Mikrofon wirkt auf mich wie eine Barriere, ich kann nicht das geben, was ich sonst gebe."

Ist Bolivien Ihre musikalische Heimat?

Ja, das kann man so sagen. Bereits als 5-jähriges Kind hat mich die bolivianische Musik mitgerissen und inspiriert. Ich hatte schon immer den Wunsch nach Bolivien zu gehen.  

Alles begann also, als Sie noch sehr jung waren.

Ja, sehr früh. Im Theater meiner Eltern trat eine bolivianische Gruppe auf. In diesem Moment hat es mich einfach gepackt: Die Musik und das Charango, ein kleines Saiteninstrument, ähnlich einer Ukulele oder Mandoline. Es war wie Liebe auf den ersten Blick.

Ist es eine Liebe zum Land oder zur Musik?

Es war zuerst eine Liebe zur Musik und dann eine Liebe zum Land. Die Menschen sind sehr herzlich und gastfreundlich, obwohl sie in sehr ärmlichen Verhältnissen leben. Als ich mit 19 nach Bolivien kam, lebte ich drei Jahre in einer Lehmhütte, zusammen mit dem Vater meines Sohnes Samuel, Julio Lavayen. Ohne Strom, ohne Wasser, ohne Fensterscheiben, ohne Toilette, ohne Licht, ohne Türen. Es war praktisch alles offen. Waschen konnten wir nur im Fluss. Vielleicht kann ich mich auch deswegen so gut in diese Musik hineinfühlen, in das Leben der Menschen.

Wie war es, wieder in die Schweiz zurückzukommen?

Ich kam während diesen drei Jahren mehrmals zurück in die Schweiz. Und jedes Mal hatte ich eine Krise: Der ganze Überfluss, in dem wir hier leben, machte mir zu schaffen. Ich spürte, dass so viel gar nicht nötig ist. Um eine Dusche war ich, hier angekommen, aber schon froh.

Es ist verhext: Bin ich in Bolivien, so vermisse ich Dinge aus dem Leben in der Schweiz – und umgekehrt. Zusammen mit meinem Sohn kam ich einmal zurück in die Schweiz und habe mir vorgenommen, hier zu bleiben. Zwei Wochen später sass ich bereits wieder im Flugzeug. Ich wusste einfach nicht, wo ich hingehöre.

Sie singen in Ihren Liedern viel von Liebe, auch von unerfüllter und von Enttäuschungen. Verarbeiten Sie damit persönliche Erlebnisse?

In Bolivien machte ich solche Erfahrungen, darum kann ich das wohl auch so gut nachfühlen in den Texten. Es sind sicher auch die melancholischen Melodien, die speziellen lateinamerikanischen Tonfolgen, die mich zum Singen inspirieren.

Sie treten ohne Mikrofon auf, was heute ja eher unüblich ist. Wie sind Sie darauf gekommen?

Mit 15 Jahren ging ich in Basel am Rhein in die Steiner-Schule. Anstatt die Schulbank zu drücken, war ich aber oft auf der Strasse und habe musiziert. Sehr wahrscheinlich kommt es von dort, dass ich so laut singe, da man auf der Strasse beinahe Schreien muss, damit einen die Leute hören. Am liebsten singe ich in Kleintheatern oder einfach an kleineren Anlässen. Manchmal aber auch mit Mikrofon, was aber einfach nicht dasselbe ist.  

Was ist anders?

Das Mikrofon wirkt auf mich wie eine Barriere, ich kann nicht das geben, was ich sonst gebe. Meine Musik gelangt dann nicht direkt von mir zum Publikum, sondern geht zuerst durch den Strom und kommt schliesslich aus den Lautsprechern.  

Singen Sie auch für sich selber?

Ja, ich singe in der Badewanne und unter der Dusche – und vor einem Konzert oftmals auch im Auto. Da hört mich keiner. Ich mag es nämlich nicht, wenn ich mich an meinem Auftrittsort auf der Bühne erst noch mit „ohohoh“ einsingen muss.


Könnten Sie sich vorstellen, nicht mehr zu singen?

Nein, im Moment kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen, das wäre eine Katastrophe für mich. Da ich eher ein schüchterner Mensch bin, kommt beim Singen viel hervor, was sonst nicht hervorkommen würde. Zum Singen bin ich nicht schüchtern, zum Reden aber schon.

Mit 17 Jahren wollte ich die Dimitri-Schule besuchen, bestand aber zweimal die Aufnahmeprüfung nicht. Es hiess, ich sei noch zu unreif. Weil ich immer schon im Hinterkopf hatte, Musik zu machen, sah ich das als Zeichen, diesen Weg zu gehen.  


Und Sie haben bis jetzt nie bereut, dass Sie den gegangen sind?

Nein. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass ich von dem leben kann, was ich gerne mache.  

Ihr Gästebuch ist voll von dankbaren Einträgen. Was löst es bei Ihnen aus, wenn Sie sehen, dass Sie die Menschen im Publikum glücklich machen?

Ich freue mich immer sehr über solche Rückmeldungen und weiss wieder, dass ich auf einem guten Weg bin. Denn manchmal bin ich mir nicht sicher, wie meine Auftritte ankommen.  

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Ich bin kein Mensch, der viel im Voraus denkt und plant. Ich nehme es so, wie es gerade kommt. Im Moment mache ich eine Family-Show mit meinem Vater, meinen Geschwistern und meinem Schwager. Durch die gemeinsame Arbeit am Projekt sind wir uns alle wieder näher gekommen. Wir haben uns sonst nicht so oft gesehen.

Ich würde auch gerne mal wieder etwas mit einer guten Band auf die Beine stellen. Trotzdem werde ich das Alleine-Singen nicht aufgeben und eine neue CD aufnehmen.

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