Gesellschaft | 01.01.2007

„Wir sollen uns über Pannen freuen“

Mike La Marr moderiert bei DRS1, frisch und frech, als hätte er immer gute Laune. Im Interview verrät er, wie er das macht, warum er bei Pannen nicht in Panik gerät, was er mit positiver und negativer Kritik anfängt und dass es auch für ihn als Radiomoderator "grausam" ist, die eigene Stimme zu hören.
Mike La Marr moderiert bei DRS1 unter anderem die Rätselsendung "Knack und Nuss". Fotos: Fabio Blaser "Der Mensch hinter dem Mikrofon ist beim Radio der springende Punkt."

Haben Sie heute gute Laune?

Ja, heute habe ich wirklich gute Laune, denn ich habe die nächsten drei Tage frei, was nicht heissen will, dass ich nicht gerne arbeite.  


Wie schaffen Sie es am Radio immer gute Laune zu haben?

Ich habe nicht immer gute Laune. Als Moderator macht man einen Balanceakt zwischen, seine schlechte Laune nicht zeigen und nicht übertrieben fröhlich sein. Natürlich darf ich zwischendurch auch mal durchschimmern lassen, dass ich nicht die beste Laune habe. Es darf den Hörer jedoch nicht mit runterziehen. Ich muss beim Betreten des Studios einen Teil meines Privatlebens draussen lassen, was mir persönlich nicht schwer fällt.  

Sind Sie als Moderator dieselbe Person wie im Privaten? Oder spielen Sie den Moderator nur fürs Radio?

Diese Frage müssten eigentlich Personen aus meinem Umfeld beantworten. Ich denke, ich versuche möglichst authentisch zu sein, denn man darf den Moderator nicht spielen. Andererseits gibt es viele Moderatoren, mich eingeschlossen, die im Privaten ein bisschen anders sind, als wie sie beim Radio rüberkommen.  

Wie haben Sie zum Radio gefunden?

Wenn man als Dolmetscher arbeitet, ist die Stimme etwas sehr wichtiges. So gingen wir in Radiostudios zum Vorsprechen. Man sagte mir, ich hätte eine geeignete Stimme für das Radio. Zwei Jahre später sah ich ein Inserat und bewarb mich. Zufällig sandte ich meine Unterlagen gleich noch an Radio Zürisee und bekam prompt eine Antwort. Fortan arbeitete ich als Konzertkritiker für den Zürcher Sender und kam dann von Radiojob zu Radiojob, bis ich hier bei DRS1 landete. 

Bereiten Sie sich auf Ihre Sendungen vor?

Ja sehr. Normalerweise brauche ich für vier Stunden Moderation auch vier Stunden Vorbereitung. Bei Sendungen, wie „Knack und Nuss“ brauche ich für die eine Stunde etwa drei Stunden Vorbereitung. Vorbereitungen finden sehr stark im Team statt.  

Am Radio sprechen Sie zur ganzen Schweiz. Was ist das für ein Gefühl?

Beim Moderieren denke ich praktisch nie, dass ich zur ganzen Schweiz spreche. Ich spreche mehr zu einem Hörer oder einer Hörerinnen, die ich in meinem Kopf habe.  

Sie spielen oft mit Ihren Anrufern, indem Sie sie ein wenig verunsichern. Machen Sie das gerne?

Ja, das mache ich sehr gerne. Dabei ist es sehr wichtig, dass man sie respektvoll behandelt. Das kann man auf DRS1 gut machen, obwohl man manchmal das Gefühl hat, dass die eher älteren Menschen das nicht so schätzen. Es macht ihnen aber genauso viel Spass wie den Jungen.  


Wie reagieren Sie bei einer Panne in einer Live-Sendung?

Unser Coach sagt immer, wir sollen uns über Pannen freuen, die Ruhe bewahren und unseren Zuhörern erzählen, was geschehen ist. Ein Moderator hat einmal laut geflucht und super positive Feedbacks erhalten, denn die Zuhörer merken so, dass es doch auch nur Menschen sind. Das finden sie sympathisch. Deshalb sollte man bei Pannen nicht in Panik geraten, sondern etwas Cooles daraus machen. Mir kommen die passenden Sprüche leider immer erst fünf Minuten später in den Sinn.

Bekommen Sie Rückmeldungen von Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern?

Ja, ich bekomme Briefe, oder auch immer mehr E-Mails, direkt ins Studio. Diese Feedbacks sind für mich sehr wichtig. Als Moderatoren sind wir privilegiert, da wir sehr viele positive Rückmeldungen von Hörern bekommen. Negative kommen dann eher von unserem Team oder von den Vorgesetzten, die gewisse Dinge bemängeln oder kritisieren.  

Aber manchmal kommt auch Kritik von Hörerseite. Wie gehen Sie damit um?

Man muss unterscheiden. Steckt ein gewisser Frust hinter der Kritik, sollte man einen freundlichen Antwortbrief schicken und sie vergessen. Ist die Kritik aber berechtigt, so reagiere ich darauf. Da wir so viel positive Kritik bekommen, geschieht es jedoch, dass schlechte Kritik einen verunsichert und man übertrieben darauf reagiert.  

Wie sehen Sie die Zukunft des Radios in Zeiten von Internet und MP3- Playern?

Eine Frage, die unsere Chefs beschäftigt. Radio kann kaum bestehen, wenn es nur darum geht, die beste Musik zu spielen, denn die Musik kann sich jeder selber runterladen. Die junge Generation ist sich gewöhnt, das zu hören, was sie will. Radio muss inhaltlich etwas Spannendes bringen, wie zum Beispiel die Livesendung „Knack und Nuss“. Zudem ist es wichtig, dass die Leute mitmachen können, per E-Mail, SMS, oder über das Telefon. Solche interaktive Sendungen und Quizshows sind jedoch teurer als normale Musiksendungen. Das bekommen vor allem die Lokalradios zu spüren. Ich bin froh, dass ich mich nicht mit solchen Fragen befassen muss. Aber es ist ganz klar: Es findet ein Kulturwandel statt. Der Mensch hinter dem Mikrofon ist beim Radio der springende Punkt. Wenn ich eine Person hören will, so kann ich Radio hören. Wir von DRS1 haben da gute Karten, da bei uns Musik eher im Hintergrund spielt.  

Viele Personen kennen Sie vom Radio, aber auf der Strasse werden Sie nicht erkannt, weil man Ihr Gesicht nicht kennt. Was ist das für ein Gefühl?

Es ist ein wunderbares Gefühl. Ich bin auf eine Art prominent, aber im Tram muss ich nicht das Gefühl haben, dass mich zehn Leute kennen und zu mir herüber schauen. Das ist das Schöne daran. Bei mir kommt noch dazu, dass ich Mischling bin. Das brachte mir schon als Kind viel Aufsehen ein. Nicht das ich gelitten hätte, aber ich brauche nicht noch mehr davon. Deshalb ist für mich das Fernsehen sehr abschreckend und das Radio perfekt, weil die Prominenz keine negativen Folgen hat. Ich bleibe lieber anonym.  

Für die meisten Leute ist es sehr komisch, die eigene aufgenommene Stimme zu hören. Wie ist das für Sie?

Grausam. Auch ich als Radiomoderator habe immer dieses unangenehme Gefühl, wenn ich meine eigene Stimme höre. Wir machen regelmässig Airchecks, bei denen wir uns durch Abhören selber testen. Die Allerwenigsten machen das von Herzen gerne, denn irgendwie ist es extrem schräg. Aber man gewöhnt sich daran. Am schlimmsten war es natürlich am Anfang, als ich meine ersten Sendungen hörte. Da dachte ich: „Nein, das tönt ja furchtbar“.  

Kennen Ihre Kinder Sie nur vom Radio?

Nein, nein, ich habe schon noch Zeit für meine Familie. Meine Kinder kennen mich lustigerweise nicht vom Radio, denn erstens hören sie immer NRJ, wenn sie überhaupt Radio hören, und zweitens ist für sie der Papi am Radio nichts Spezielles, oder dann verstecken sie es sehr gut.

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