Gesellschaft | 08.01.2007

„Wir möchten gerne Brückenbauer sein“

Sie ist auf drei Kontinenten gross geworden, hat früh viele Sprachen gehört und sorgt seit 20 Jahren dafür, dass anderssprachige Botschaften bei Französischsprechenden richtig ankommen: Yve Delaquis, diplomierte Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin. Ein Interview über ihren Beruf.
Yve Delaquis: Dolmetscherin und Übersetzerin mit Diplom. "Man kann nicht alles wissen, aber man kann nachfragen."
Bild: Mirjam Banholzer

Dolmetschen bedeutet ja „von einem Ufer zum anderen eine Brücke bauen“. Sehen Sie sich als Brückenbauerin?

Nicht mehr. Unser Beruf hat sehr viel an Verständnis und Prestige verloren. Früher waren Dolmetscher nicht gerade Exoten, aber doch Leute, die man respektierte für die Fähigkeit, sehr schnell das gesprochene Wort weitergeben zu können.

Wir möchten gerne Brückenbauer sein, weil wir hoffen, somit zur Verständigung beizutragen. Heute aber empfindet man Dolmetscher nicht selten als ein notwendiges Übel. Immer häufiger wird bei der Organisation von Kongressen erst ganz am Schluss gedacht: „Mist, unsere Tagung ist mehrsprachig, dann müssen wir ja noch Linguisten organisieren.  “

Das klingt ja gar nicht gut.

Nein. Und zudem ist der Graumarkt in unserem Beruf leider sehr gross: Die Berufsbezeichnungen des Übersetzers – Er macht die schriftliche Arbeit – und des Konferenzdolmetschers – Sein Gebiet ist die mündliche Tätigkeit – sind juristisch nicht geschützt, weshalb sich jeder Dolmetscher oder Übersetzer schimpfen kann. Also auch nicht-professionelle Linguisten, die eine ganze Palette von Sprachkombinationen annehmen und anbieten, anstatt – wie es die zwei Ausbildungen verlangen – nur in ihre Muttersprache zu übersetzen oder zu dolmetschen.  

Sie selber beherrschen auch eine ganze Palette von Sprachen. Wie kommt das?

Ich bin ein Kind von niederländischen Eltern mit europäischen Wurzeln, „fabriziert“ in Paris und zur Welt gekommen in Amsterdam. Holländisch war also automatisch da, das haben wir zu Hause gesprochen und ich besuchte auch eine Zeit lang in Holland die Schule.

Aber schon früh wurden weitere Sprachen ein wichtiger Teil meines Lebens. Mein Vater war internationaler Wirtschaftsberater und er nahm mich und meine Schwester überall hin mit, wo er ein Mandat hatte. Dort steckte er uns jeweils in die erstbeste Schule an der nächsten Strassenecke. So haben wir verschiedene Sprachen aufgesaugt, in Lagos in Nigeria zum Beispiel Englisch, später in Lateinamerika Spanisch und wegen der vielen deutschen Einwanderer, die dort lebten, auch Deutsch.

Musik, Essensarten, Hautfarben, Religionen, Lebensweisen, andere Sprachen: Das alles habe ich passiv aufgenommen, sie wurden mir und meiner Schwester auf den Weg gegeben. Ich betrachte das viele Herumreisen auch heute noch als ein Riesenglück.  

Haben Sie keine Nachteile erfahren?

Doch. Der Nachteil des vielen Umziehens war, dass wir, in ein neues Land eingetroffen, zuerst immer dessen Sprache erlernen mussten und deshalb mit dem Schulprogramm nicht viel weiter kamen. Das bewog dann unsere Eltern irgendwann mal dazu, das Herumreisen mit den Kindern aufzugeben.

Und dann?

Meine Eltern entschieden also, dass wir Kinder die Schule in einer einzigen Sprache abschliessen sollten. So kam ich mit neun Jahren nach Fribourg, wo wir zwei Schwestern zum ersten Mal eine Sprache richtig lernten, in diesem Fall Französisch. Bis dahin hatten wir eigentlich nie eine Sprache konsequent richtig gelernt. Es passierte automatisch, wie das Gehen – man ahmt etwas nach, wird auch immer wieder von anderen korrigiert, und kann es irgendwann „so ungefähr“, dank ständigem Wiederholen.  

Wann ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, Konferenzdolmetscherin zu werden?

Erst sehr spät. Mein Vater hoffte, dass ich sein internationales Beratungsbüro übernehme. Er hatte einen exzellenten Ruf im Ausland. Aber ich wollte nicht bloss „Tochter von …“ sein und Zahlen waren auch nicht mein Ding, weshalb ich die Überlegung, Wirtschaft zu studieren, wieder aufgab. Überhaupt: Mein Vater und ich im gleichen Büro – das wäre wohl nicht so gut gegangen, denn wir haben beide einen starken Kopf und ein grosses Maul.

Ich versuchte mich auch noch kurz als Balletttänzerin. Daraus wurde aber auch nichts und so schienen Sprachen nun die logische Alternative zu sein. Von der Universität Fribourg habe ich dann, auf Empfehlung meines damaligen Deutschprofessors, an die DOZ in Zürich, heute Hochschule Winterthur, gewechselt, vor allem weil ich gerne – und angeblich gut – schrieb und mich in erster Linie als Übersetzerin sah. Als ich nach viereinhalb Jahren das Übersetzer-Diplom in der Tasche hatte, konnte ich in der Dolmetscher-Abteilung schnuppern. Erneut waren es dort Dozenten, die mich dazu brachten, weiter zu studieren. Im Herbst 1981 schloss ich an der DOZ mein Konferenzdolmetscherdiplom ab.  

Beim Dolmetschen spricht man ja in der Ich-Form. Wie ist das für Sie, wenn Sie etwas dolmetschen müssen, hinter dem Sie überhaupt nicht stehen können? 

Ich empfinde es nicht als Selbstbetrug, wenn ich dann sage: „Ich denke, …“ und danach etwas kommt, was nicht mit meiner Meinung zu tun hat. In dem Sinne sind wir schon eine Brücke. Ich bin in dem Moment nicht ich selbst, sondern die Stimme des Redners. Aber wir schützen uns natürlich auch ein bisschen, indem wir gewisse Aufträge ablehnen. Ich habe nie und werde nie für eine SVP arbeiten.  


Wie ist das, wenn über die Migros gesprochen und für Amerikaner gedolmetscht wird?

Genau in solchen Fällen sind wir Brückenbauer: Wir müssen den Zuhörern helfen, indem wir ihnen gleichwertige Referenzen geben, die für sie Sinn machen. Wenn zum Beispiel jemand aus der Deutschschweiz sagt: „Der Giacobbo hat mich zum Lachen gebracht“, macht es wenig Sinn den Romands im Saal zu erklären, wer Giacobbo ist. Vielmehr muss man den Zuhörern Vergleiche anbieten können, wissen, dass er eine Art Marie-Thérèse Porchet oder François Silvant ist. In unserem Beruf ist also eine sehr breite Allgemeinbildung lebenswichtig. Diese sollte auch Themen umfassen, die uns möglicherweise sonst privat nicht gross interessieren.

Das schwierige an solchen Situationen ist natürlich, dass wir die Redner nicht unterbrechen können, wenn wir unseren Zuhörern helfen wollen, den Gedanken hinter einer Aussage zu verstehen oder einen Vergleich zu ziehen.  

Wie gehen Sie vor, wenn Ihnen in einer Übersetzung Fehler passieren?

Ein Profilinguist muss dazu stehen. Bei guten Kunden korrigiere ich dann zum Beispiel den Irrtum am Telefon, verrechne aber meine Zeit nicht. Es kommt auch vor, dass wir in einem Text interne Abkürzungen oder anderen „Hausjargon“ nicht verstehen. Dann wird ein Fragezeichen hinter der Stelle angebracht und der Auftraggeber gebeten, die Frage selber mit französischen Berufskollegen abzuklären und die Lösung dann einzusetzen.  

Wie machen Sie es denn beim Dolmetschen, wenn alles direkt übertragen wird?

Seit einiger Zeit liegt das Hauptproblem darin, dass wir die Redner immer schlechter verstehen, weil sie gezwungen werden, sich in einer Fremdsprache, vor allem in einem Möchtegern-Englisch, auszudrücken. Dann kommt es vor, dass alle Konferenzdolmetscher – jeder in seiner Muttersprache – den zuhörenden Teilnehmern sagen: „Tut uns leid, wir verstehen den Referenten nicht, folgen Sie ihm bitte in der Originalversion.“

Meistens sind wir aber gut vorbereitet, da wir für jeden Kongress Unterlagen vom Tagungsorganisator erhalten, um uns in die Thematik einzulesen. Problematisch wird es, wie schon erwähnt, bei schlechten Rednern, die 40 Seiten in Top-Geschwindigkeit runterleiern, auch weil sie sich kaum für ihr Publikum interessieren. In solchen Fällen informieren wir die Teilnehmer, dass wir unsere Mikrofone schliessen werden, bis vielleicht im Saal Protest aufkommt. Da aber eben viele unseren Beruf und unsere Arbeitskriterien gar nicht mehr kennen, werden die Konferenzdolmetscher als „problematisch“ oder „vielverlangend“ eingestuft.  

Was machen Sie, wenn Ihnen gerade ein Wort nicht einfällt?

Ich beuge dem vor, indem ich mich in die Thematik einlese und ganz klassisch Vokabularlisten lerne. Natürlich weiss kein einziger Dolmetscher spontan, wie zum Beispiel eine Hochdampfdüsendreikolbenmaschine in seiner Muttersprache heisst. Aber wir bereiten uns ja vor, damit solch spezifische Fachwörter sofort  in der Kabine abgelesen werden können. Da wir ja immer zu zweit pro Zielsprache arbeiten, kommt es auch vor, dass der Berufskollege das Wort gerade weiss und es dann auf einen Block krizzelt.

Ansonsten werden bei technischen Kongressen oft Bilder gezeigt, auf die der Dolmetscher verweisen kann. Dann wird zwar der Name nicht genannt, aber die Leute im Saal sind ja meistens Fachleute und wissen, von welchem Maschinenteil zum Beispiel gerade gesprochen wird.

Und: Wir lernen auch zu mogeln.  

Werden bei Streitereien oder heftigen Diskussionen Schimpfwörter gedolmetscht?

Der Körperausdruck jedes Redners ist sehr wichtig. Man sieht, dass eine Person sich aufregt, rot und laut wird, auch wenn man die Sprache nicht versteht. Es braucht nicht jedes Wort gedolmetscht zu werden. Wenn wir zum Beispiel während einer Scheidung in einem Gerichtssaal als Dolmetscher eingesetzt werden und das Sprachniveau absackt, dann sind wir manchmal etwas zurückhaltender mit unserer Wortwahl und sagen vielleicht: „Monsieur hat Madame mit eher unfreundlichen Wörtern begutachtet.“

Bei Kongressen mit mehrheitlich männlichen Teilnehmern kann es vorkommen, dass gegen Schluss einer Tagung manche Witze immer billiger und vulgärer werden. Ich nehme mir dann das Recht heraus, zu sagen, dass ich nicht gebucht wurde, um mich mit solchen Themen abzugeben. Wir müssen uns auch schützen, weil es sonst vorkommen kann, dass Dolmetschern alles angelastet wird.

Warum ist Dolmetschen so ermüdend?

Konferenzdolmetscher werden manchmal mit Piloten verglichen. In Pilotenkabinen ist man auch zu zweit, sogar zu dritt, man löst sich ab. Teamwork ist extrem wichtig. Wenn ich einen Hustenanfall habe, dann übernimmt mein Berufskollege oder meine Berufskollegin mitten im Satz.

Nach maximal einer halben Stunde muss man eine Pause machen. Dann setzt die Müdigkeit ein und es kann passieren, dass man dies oder jenes beim Dolmetschen fallen lässt. Wenn man selber einmal erleben will, was Dolmetschen sein kann, dann rate ich folgendes: Einen Radiosender der eigenen Muttersprache – keinen Dialektsender – einschalten und während mindestens drei Minuten alles wiederholen, also nachsprechen, was man hört.

Anstrengend ist für uns auch, dass Redner ihre Gedanken oft nicht richtig strukturieren und formulieren. Rhetorik wird an Hochschulen und in Firmen kaum noch unterrichtet, und somit sind wir Linguisten darauf angewiesen, das schlecht Geschriebene und Gesprochene zu dekodieren, bevor wir überhaupt als Brückenbauer der Sprache tätig sein können.  

Sie kritisieren den Verfall der Sprache in den Medien.

Ja. In der Suisse romande bin ich – sowie mein Lebenspartner – ein bisschen als Sprachnörglerin bekannt. Wenn ich als Linguistin die Medienleute kritisiere, dann geht es vor allem darum, dass sie heute kaum noch richtig abklären und kontrollieren, wenn sie ihrer Sache nicht sicher sind. Das nennt man fehlende Disziplin und Professionalismus. Eigennamen von Sportlern, Künstlern, Politikern, Städten und Traditionen werden regelmässig falsch ausgesprochen. Dabei würde ein Telefonat oder eine E-Mail genügen, um das Problem abzuklären. Das gleiche gilt bei Grammatik- und Syntaxunsicherheiten: Man kann nicht alles wissen, aber man kann nachfragen, das gilt in jedem Beruf. Wir tun es täglich.

Denken Sie manchmal ans Aufhören?

Die Frage ist heutzutage, wie in vielen Gebieten: Braucht der Markt uns noch? Mittlerweile finden sehr viele Tagungen ohne Dolmetscher statt. Von ursprünglich fünf bis zehn Aufträgen pro Monat sind wir mittlerweile auf dem Privatmarkt bei durchschnittlich vier bis fünf angelangt – davon lebt man nicht. Dass es mit den Aufträgen rückwärts geht, liegt auch daran, dass Tagungsteilnehmer sich irgendwie schämen, zu zeigen, dass sie Kopfhörer, also den Sprachdienst von Profilinguisten, benötigen. Die Organisatoren stellen dann fest, dass viele Teilnehmer keine Kopfhörer nehmen und fragen sich dann, warum sie überhaupt Dolmetscher gebucht haben. 

Die Tendenz, immer öfters Tagungen auf Misch-Englisch anzubieten, trägt auch zu diesem Rückgang bei. Sogar bei internationalen Organisationen werden nicht mehr so viele Zielsprachen angeboten, wie noch vor einigen Jahren, was auch heisst, dass weniger Konferenzdolmetscher gebucht werden. Solange Teilnehmer und Referenten sich nicht dagegen wehren, dass immer öfters nur in einer „Halbsprache“ getagt wird, wird sich die Lage kaum ändern. Und da auch die Presse, die Öffentlichkeit, diese Lage kaum wahrnimmt, sieht es für uns nicht besonders rosig aus.

Aufhören also eher „par la force des choses“, eines Tages. Ich hoffe aber, dass für Übersetzungen und Vertonungsaufträge weiterhin eine Nachfrage besteht.


Haben Sie als Sprachfrau zum Schluss noch einige Tipps für Leute, die Sprachen lernen wollen oder müssen?

Für mich steht eines fest: Man soll nicht machen, was man nicht gerne tut. Aber wenn es Sprachen sein müssen, sind Auslandaufenthalte immer die beste Möglichkeit, sie zu lernen, mit Privatunterricht vor Ort, wenn möglich. Vorzüglicherweise sollten an unseren Schulen, ganz allgemein, Fremdsprachen von Muttersprachlern unterrichtet werden. Nur ist dies leider, auch in der Schweiz, oft nicht der Fall. Wichtig ist aber vor allem, dass Kinder von früh an diverse Sprache hören können. Die Schulung des Ohrs ist und bleibt ein ganz wichtiger Punkt.

Links