Gesellschaft | 22.01.2007

„Wenn ich nüchtern bin, lese ich ein Buch“

Text von Alain Bopp
Das bekannte Original stellte sich auf einer Zugreise in sein geliebtes Land Österreich den Fragen von Alain Bopp. Vor kurzem erschien im Verlag Zytglogge sein neuestes Buch «Die Krümmung der Gurke - Menschen nicht stapelbar».
Jürg Jegge im Zug nach Österreich. Fotos: Johannes Dietschi

Wie schaffst du es immer wieder bei Situationen die richtigen Worte zu finden und dich mit diesen aus dem Problem raus zu winden?

Es ist gar nicht klar, wie und ob ich die geeigneten Worte finde. Meistens findet man die falschen, vor allem wenn man lange genug sucht. Die besten kommen mir dann in der Nacht in den Sinn – oder fünfzehn Minuten später. In gewissen Situationen findet man die richtigen Worte durch das Einfühlen und Eindenken in die andere Person. Durch den Sichtwechsel in den anderen Menschen.

Wie würdest du dich und deine Aktivität am Märtplatz beschreiben?

Mir gefällt, dass ich nie zwei gleiche Tage erlebe. Manchmal muss ich um etwas betteln, an einem anderen schlichten. Oder Berichte schreiben, von denen ich den Nutzen und Sinn nicht immer verstehe. Besonders gefällt mir, dass ich vielen verschiedenen Menschen zusammenkomme, angefangen bei den Lehrlingen, dann weiter mit Künstlern und anderen spinnenden Typen. Mich fasziniert der Kontakt mit spannenden Personen.

Welche Motivation oder Inspiration bewegte dich zu diesem Buch?

Das waren zwei Sachen. Zum einen sind seit meinem ersten Buch «Dummheit ist lernbar» 30 Jahre vergangen. Ich hatte gute Rückmeldungen, viele Menschen sprachen mich an, mein Buch hätte ihnen geholfen. Ob sie danach auch handelten und das Buch langfristig konstruktiv und positiv dazu beigetragen hat, ist wieder eine andere Frage. Nach diesen Jahren wollte ich für mich eine Bilanz ziehen, was sich verändert hat, und ob Dummheit immer noch lernbar ist. Ich kam zum Schluss, dass sich nichts verändert, und dass Dummheit immer noch lernbar ist und bleibt. «Dummheit ist lernbar» war ein Bestseller, der sogar am Kiosk zu kaufen war. Die Unangepassten, Sonderschüler und andere Mühevolle haben sich nicht verändert. Verändert hat sich das Wissen über diese, welches besser geworden ist und genauer erforscht wurde. Aber geändert hat sich nichts. Der zweite Punkt war, dass ich vor allem für mich selber versuchte zu erklären, wie der Märtplatz in Beziehung zur Aussenwelt beziehungsweise Arbeitswelt steht.

Wie beschreibst du den Erfolg deiner Fernsehauftritte?

Es war eine glatte Erfahrung. Nach dem vierten und letzten Auftritt ruhte ich in der Nacht gemütlich aus. Und als ich am nächsten Tag erwachte, ging ich wie gewöhnlich meinen Briefkasten leeren. Mir fiel auf, dass alle Leute schrecklich nett zu mir waren. Von einer Person wurde ich auf einen Bericht im Blick über den gestrigen Auftritt aufmerksam gemacht. An diesem Morgen habe ich einen solchen zum ersten und einzigen Mal mir selbst gekauft. Darin stand, was ich für eine Pfeife sei. Auch muss ich ernsteshalber erwähnen, dass ich die ganze Fernsehgeschichte von Anfang an nicht ernst nahm. Ich hatte damals auch keinen Fernseher. Vor zwei Jahren ging an meinem vor rund zehn Jahren gekauften Fernseher die Fernsteuerung kaputt, weshalb ich ihn auch nicht mehr benutze. Wenn ich nüchtern bin, lese ich lieber ein Buch.  


Was glaubst du, mit deinem neuen Buch bewirken zu können?

Man darf sich keine Illusionen machen. Mit Bücherschreiben ist die Welt noch nie verändert worden. Man kann einzelnen Menschen Mut machen und solche Gedanken stärken, die in eine Aktivität geraten und realisiert werden. Aber das kommt sowieso nur bei jenen an, die sich bereits gedanklich beschäftigen. Und wenn jene mit diesem Buch zu weiteren Gedanken geführt werden, die seelisch auch hilfreich sind, ist das schon viel.

Welche Aussicht hast du für den Märtplatz nach deinem Ende?

Ich lasse ihn patentieren und die Gewinneinahmen der Patente einsammeln. Nein, ernsthaft: Der Märtplatz sieht dann vielleicht anders aus, vielleicht auch gleich. Daran habe ich nicht zu viele Gedanken verschwendet. Das sollen die machen, die nachher dran sind. Ob und wie der Märtplatz nach mir geführt wird, überlasse ich denen, die ihn dann führen müssen. Ich habe nicht im Sinn, das anderen vorzuschreiben.


Wie definierst du das Mitspracherecht der Lehrlinge und an welchem Punkt hört es auf?

Es ist auf jeden Fall wichtig, dass Lehrlinge mitreden können, weil sie auch betroffen sind. Aber es hört dort auf, wo es sich mit dem Märtplatz im Ganzen nicht mehr verträgt. Das zeigte eine aktuelle Geschichte um einen Lehrmeister, dem nach länger dauernden Unterredungen erstmals in dem seit mehr als 20 Jahren existierenden Märtplatz eine Kündigung ausgesprochen wird. Die meisten gegenwärtigen Lehrlinge – innerhalb wie ausserhalb seiner Werkstatt – finden ihn einen ganz Tollen, aber die meisten Lehrmeister – wie eine interne Umfrage zeigte – finden ihn nicht so toll. Die Lehrlinge sind nach drei Jahren wieder weg. Die Lehrmeister sind dann alle immer noch da. Wenn ein Lehrmeister mit einem anderen Lehrmeister nicht klarkommt, auch wenn Lehrlinge eventuell darunter leiden, sind die Fragen, ob ein Lehrmeister bleibt oder nicht bleibt, kommt oder geht, keine Fragen, welche die Lehrlinge entscheiden.  

Aus welchen Quellen finanziert sich der Märtplatz?

Mit dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) haben wir so genannte Tarifvereinbarungen. Das Geld kommt hauptsächlich aus der IV, zum Teil von der Jugendanwaltschaft und von Spenden. Etwas Zusätzliches sind die Erträge der einzelnen Werkstätten, was aber relativ wenig ist. Das ist, weil unsere Lehrlinge die Zeit, während der Lehrlinge an einem gewöhnlichen Arbeitsplatz produzieren, für Kurse und zumSspinnen erhalten.  


Um deinen sozialpolitischen Ideen Nachdruck zu verleihen, erzählst du auch oft dir anvertraute Lebensgeschichten. Erzählst du diese faktengetre  und wie hast du das mit den einzelnen Personen geregelt?

Wenn ich etwas von einer Person erzähle, verfremde ich es dermassen, dass es für Personen die diese nicht kennen, nicht erkenntlich ist, um welche Person im Realleben es sich dabei handelt. Natürlich nicht für Menschen, die diese sehr gut kennen. Ansonsten frage ich vorher bei dieser Person und zeige ihr die Geschichte schriftlich. Wenn sie einverstanden ist, verwende ich sie. Und wenn sie nein sagt, darf ich sie nicht verwenden. In früheren Büchern was es oft der Fall, dass die einzelnen Personen zuerst zusagten, und als sie das Beispiel ihrer Geschichte zu Gesicht bekamen, doch nicht dabei waren. Menschen können sich ganz verschieden entwickeln und das betrachte ich als etwas vom Schönsten in meinem Beruf. Aber einzelne laufen auch in die Scheisse. Die Vielfalt ist es, die mir gefällt. Und die Entwicklungen.

Hast du bereits ein weiteres Buch in Planung?  

Ja, wirklich. Letztes Jahr war ich mit der Journalistenwerkstatt in der Viechtau in Österreich wo wir Rezepte sammelten, welche armen Leute das Überleben sicherten. Als ich diese der Volkskundlerin Gertraud Liesenfeld zeigte, sagte sie, im burgenländischen Mönchhof erzählten sie ihr – wie zum Beispiel die Wassersuppe – dieselben Geschichten und Rezepte. Und Jürg Bingler fiel auf, dass im Berner Oberland ähnliche Gerichte und Gerüchte vorzufinden sind. Die Gemeinsamkeiten waren so gravierend, dass wir beschlossen, jetzt zu viert, mit Andrea Casalini, über das Koch- und Lebensverhalten von armen Menschen zu berichten. Offenbar essen die wirklich armen Leute fast überall das gleiche, und die ganz Armen essen nichts. Zum Beispiel ist Sauerkraut ein Arme-Leute-Essen. Und so lange man noch kein Sauerkraut gegessen hat, kann man hoffen, es gibt vielleicht wieder eine Sau oder so. Wenn man dann einmal Sauerkraut gegessen hat, weiss man, im nächsten Jahr läuft wieder die gleiche Scheisse wie vorher: Ich bin immer noch gleich arm wie früher. Daher sagt man: Wenn man Sauerkraut gegessen hat, nützt es nichts, jemand anderem ein gutes Jahr zu wünschen, weil es nicht besser wird, sondern halt gleich bleibt.