Politik | 08.01.2007

„Niemand wird freiwillig kriminell“

Rhäzüns, Steffisburg und Seebach machen uns Sorgen. Die Täter werden immer jünger, die Delikte immer härter. Auf der Suche nach Erklärungen sprach Tink.ch mit SP-Nationalrätin Jaqueline Fehr. Sie empfiehlt "eine Politik, die Chancen schafft anstatt vermindert und integriert anstatt ausschliesst."
SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr: Ausbildung und Schule, sowie genügend Lehrstellen haben für sie oberste Priorität.
Bild: www.parlament.ch Reporter Wanja Knausz im Gespräch mit Jacqueline Fehr. Fotos: Julian Perrenoud "Gründe für Kriminalität sind fast immer ein Abbruch der Schule, fehlende Lehrstellen oder ein kriminelles Umfeld", hält die Zürcher Politikerin fest.

50 Prozent aller Gewaltstraftaten werden von Ausländern begangen, tönt es aus dem politisch rechten Lager, und prompt reichte die SVP am 14. Dezember  2006 im Nationalrat elf Vorstösse zur Verschärfung der Ausländergesetze ein, welche die Schweiz sicherer machen sollen. Jaqueline Fehr hält Verschärfungen im Strafrecht aber nicht für die richtige Lösung. Sie sagt: „Gründe für Kriminalität sind fast immer ein Abbruch der Schule, fehlende Lehrstellen oder ein kriminelles Umfeld. Kurz: Es fehlt die Aussicht auf eine positive Zukunft. Niemand wird freiwillig kriminell.“

Warum immer wieder Ausländer?

Dass jede zweite Jugendstraftat von ausländischen Jugendlichen begangen wird, können und wollen aber auch die Linke und Jaqueline Fehr nicht bestreiten: „Dass Ausländer laut Statistik gewalttätiger sind als Schweizer, liegt daran, dass Ausländer die schwächste und ärmste Schicht in der Schweiz sind. Die schwächste Schicht ist immer die gewalttätigste. Die Jugendlichen vom Balkan sind ein besonderes Problem. Man darf nicht vergessen, in welchem Umfeld sie aufgewachsen sind: Ob sie Gewaltbereitschaft mitbringen ist eine Frage der Verarbeitung dessen, was sie im Balkan erlebt haben. Wenn ein Teil das nicht verarbeiten kann, ist das nicht ihre Schuld. Wer Gewalt erlebt hat, übt auch öfter Gewalt aus.“  

Gewalt in Videos und PC-Spielen

Die Gewaltdelikte in der Schweiz haben sich in den letzten Jahren zwar nicht sonderlich vermehrt, jedoch fällt auf, dass die Täter immer jünger und die Delikte immer härter werden. 15-jährige Vergewaltiger gab es früher nicht, heute leider immer öfter. Gewaltvideos und Pornographie im Internet sind für jeden zugänglich. Auch PC- und Konsolenspiele wie Counter Strike gibt es dutzende. Sie sind öfter als man denkt, eigentlich für die Ausbildung von Soldaten entwickelt worden. Die Kriegssimulationen wirken deshalb extrem realistisch. Kein Wunder also, gibt es immer brutalere Fälle von grundlosen Schlägereien, meint manch einer. Jaqueline Fehr sagt dazu: „Wenn Kinder sich schon sehr  früh Gewaltvideos anschauen, machen sie nach, was sie gesehen haben.“ Amokläufe in Schulen gab es lange Zeit nur in den USA. Jetzt aber ist die Gefahr plötzlich viel näher: Im letzten Jahr schockte ein Jugendlicher mit einem Amoklauf in Deutschland. Könnte das auch in der Schweiz passieren?  

Chancen schaffen anstatt vermindern

„Amokläufe sind immer ein Risiko, zum Glück passieren sie nur sehr selten. Wir hatten einen in Zug im Parlament, in Deutschland traf es eine Schule. Wichtig ist vor allem, dass Drohungen ernst genommen werden. Leute, die mit einem Amoklauf drohen, sind meistens verzweifelt. Ich glaube jedoch nicht, dass unsere Jugend dieses Problem hat. Man muss Politik machen, die Chancen schafft anstatt vermindert und integriert anstatt ausschliesst. So kommen die Menschen nicht in verzweifelte Situationen, in denen sie sich zu einem Amoklauf entscheiden“, erklärt die Nationalrätin. Sie ist Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit.  

Jaqueline Fehr will bei gewalttätigen Jugendlichen und Kindern schon möglichst früh eingreifen und nicht warten bis etwas passiert. Kindern in gewalttätigen Familien soll mit Hilfe von Fachpersonen geholfen werden. Im Notfall kommen sie in ein Jugendheim, wo sie lernen müssen, mit der Gesellschaft klar zu kommen. Für eine bessere Zukunftsperspektive dürfen keine Kosten gescheut werden. Ausbildung und Schule, sowie genügend Lehrstellen haben für die Nationalrätin oberste Priorität.  

Steckbrief Jaqueline Fehr:  


Geboren: 1963 in Wallisellen

Zivilstand: Verheiratet, 2 Kinder

Ausbildung: Sekundarlehrerin, Organisationsberaterin.

Politische Karriere: Gemeinderätin von 1990 bis 1992. Kantonsrätin von 1991 bis 1998. Nationalrätin seit 27. April 1998.

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