Kultur | 15.01.2007

Meine kleine Farm

Text von Anina Peter
Vor zwei Monaten bin ich zur Farmerin mutiert. Irgendwo im Nirgendwo verbringe ich meine Tage umringt von Kühen, Ziegen, Hirschen, einem aggressiven Kakadu und vielen Spinnen. Langsam beginne ich mir jedoch Sorgen zu machen - ich kenne mich selbst nicht mehr. Teil fünf der Serie Im Land der Kiwi.
Aninas Kabine auf der Te Kouma Farm Fotos: Anina Peter Das Meer ist ganz nah: Aussicht von der Farm. Rasenmähen auf diesen Hügeln ist nicht leicht, schon nur der schönen Landschaft wegen. Natur pur: Der Strand lädt zum Sonnebad ein... und der Busch hinter der Farm zum Streunen.

Da ich es mir leider nicht leisten kann sechs Monate nur herumzureisen und in Hostels zu übernachten, hatte ich die glorreiche Idee, auf einer Farm zu arbeiten. Da bin ich nun, mitten im Niemandsland, um mich herum nur grüne Hügel, Wald und Sumpf. Die nächste grössere Ortschaft – Coromandel Town – ist zwar mit dem Auto in 15 Minuten erreichbar, aber auch nur wenn man den Führerschein hat. Was solls, so kann ich meine Zeit mit vollem Einsatz dem Farmerleben widmen. Naja, Farmerleben ist es auch nicht unbedingt. Ich bin wohl eher Putzkraft, Gärtnerin, Receptionistin und Handlanger in einer Person. Meine Farmerhöhepunkte waren das Zusehen als der liebe Onkel Doktor Ponys kastriert hat, der Besuch einer Viehauktion und das Schären von zwei – nein, nicht Schafen – sondern riesigen Hundemonstern.

Polieren, bügeln, falten

Die Te Kouma Farm ist Tierparadies und Gästeunterkunft in einem. Während sich die Kühe, Hirsche, Ziegen und Ponys auf riesigen Wiesen, mit romantischen Waldstücken und gurgelnden Bächen tummeln können, werden die Touristen in kleine Kabinen gepfercht. Doch begeistert sind sie alle, die Häuschen sind jedes Wochenende ausgebucht. Für mich heisst das: WC’s putzen, Betten machen und Böden schrubben im Akkord. Ich, einer der grössten Chaoten und Schmutzfinken, die dieser Planet je gesehen hat, putze für andere. Und das Schlimmste ist: Es macht mir nicht mal etwas aus, ich beginne sogar Gutes daran zu finden. Was gibt es schon Zufriedenstellenderes als ein dreckiges Waschbecken auf Hochglanz zu polieren? Da sieht man wenigstens, was man gemacht hat. Ich wünschte nur, dass ich diese Einstellung für mein eigenes kleines Reich auch hätte. Auch waschen, bügeln und Kleider falten war mal etwas, dass ich nur auf Druck meiner Mutter oder dem leeren Kleiderschrank wegen gemacht habe. Jetzt stehe ich täglich hinter dem Bügelbrett, falte Bettanzüge und sortiere fremde Unterhosen. Da ich so schnell und gut putzen gelernt habe, wurde ich gleich noch zur Receptionistin befördert. Was aber leider mehr ein Titel ohne Arbeit dahinter ist.

Unkraut vergeht nicht

Wenn ich nicht mit dem Putzlappen unterwegs bin, werde ich in den Krieg geschickt, gegen das Unkraut soll ich kämpfen. Und weil es so schön heisst „Unkraut vergeht nicht“, bleibt immer genug zu tun. Zudem sind die Gärten hier eher Felder, kilometerlange Gartenbeete mit vielen Disteln und irgendwo dazwischen einige Blümlein. Tagelang habe ich mich durch den Dreck gearbeitet,  mit Hände voller Dornen und der Gewissheit, dass, sobald das Beet zu Ende ist, das nächste auf mich wartet. Ich beginne mit Sehnsucht an Muttis Garten zu denken, klein und übersichtlich. Wenn ich zu Hause das nächste Mal zum Jäten verdonnert werde, tu ich das mit Erleichterung und Freude. Versprochen. 

Der Rasenmäher zieht

Auch mein zweiter Feind lauert in den Gärten. Bekannt ist er unter dem Namen Rasenmäher. Eigentlich ein gutmütiger Geselle, der in den neuseeländischen Hügeln jedoch zum Berseker wird: Mich mit aller Kraft gegen den Abhang stemmend, versuche ich Gras um Gräschen einen Kopf kürzer zu machen. Doch Mr. Rasenmäher hat andere Pläne: Er will weg, den Hügel hinab, und ich, ob ich will oder nicht, muss hinterher.
Das Mähen fiele mir um einiges leichter, wäre die Aussicht nicht so schön. Immer wieder muss ich staunend um mich blicken und träumen, bis mich ein Rucken und Ziehen wieder in die Realität zurückholt.

Ich bin nicht mehr ich

Die Zeit hier verging wie im Fluge. Beim Überdenken meines Alltags fällt mir erschreckenderweise auf, dass ich nicht ich sein kann. Putzen, bügeln, waschen, jäten, mähen: All das habe ich bisher immer übellaunig oder mit einer Wut im Bauch erledigt, jetzt ist es normal geworden. Ich freue mich sogar, wenn es heisst, dass ich heute, anstatt jäten, putzen darf. Absurd ist das.

Das Merkwürdigste aber geschieht seit etwa einer Woche jeden Morgen. Ich wache regelmässig unbeabsichtigt um halb sieben auf. Zwar nicht beim ersten Hahnenschrei, dafür beim fünften Moorhuhnkrächzen.

Wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke: Acht Uhr, der Wecker quängelt seit über einer Stunde ununterbrochen und ich schnarche immer noch.

Was soll nur aus mir werden, eine solche Persönlichkeitsveränderung kann nicht normal sein. Zum Glück verabschiede ich mich morgen für einige Wochen vom Farmleben. Vielleicht werde ich ja auf meiner Reise kreuz und quer durch die Südinsel meine wahre Persönlichkeit wieder finden. Aber eines ist gewiss: Ich werde zurückkommen. Denn nicht nur die Familie, die Hunde und der Kakadu, der es auf meine Füsse abgesehen hat, sind mir ans Herz gewachsen, auch die Umgebung ist wie mein zweites Zuhause geworden. Innerhalb von Minuten kann ich am Meer entlang streunen, Kayak fahren, durch den Busch spazieren oder in den Swimmingpool hüpfen. Was wünscht Mensch sich mehr?