Politik | 08.01.2007

Meine Geschichte für Europa

Als Kind hat sie hinter dem Eisernen Vorhang gelebt, jetzt erlebt sie mit Bulgarien den Beitritt zur EU: Ljudmila Ivanova aus Sofia. Auf Tink.ch erzählt die bulgarische Jugendliche ihre Geschichte für Europa und auch ein bisschen von der Geschichte Europas für sie.

Es gab einmal ein grosses Reich. Dieses Reich regierte ein weiser Herrscher. Neue Territorien wurden erworben. Alle Untertanen lebten fröhlich und glücklich bis der Herrscher eines Tages erkrankte.

Kämpfe um Territorien – die Vorgeschichte

Drei Enkel hatte der Herrscher und alle drei waren leider habgierig und wollten alleinige Herrscher sein. Deshalb entschied sich ihr Vater, das grosse Reich in drei Staaten aufzuteilen – Westfranken, Ostfranken und Lothringen.

Die Tage vergingen, die Brüder kämpften gegeneinander, dann kämpften ihre Söhne, dann die Söhne der Söhne und so fort. In dem unendlichen Kampf um neue Territorien, neue Schätze und neue Untertanen, entstanden immer neue Reiche. Diese aber hatten nichts Gemeinsames mehr mit dem einst einheitlichen, grossen Reich, in dem Freude und Ruhe das Leben der Menschen erfüllt hatten. Krankheiten, Kriege und unerträgliche Arbeit wurden zum Alltag. Die bäuerlichen Untertanen wurden in all den Jahren zu freien Bürgern, der Feudalismus zu Absolutismus, der Absolutismus zu konstitutioneller Monarchie und diese zur Republik. Das passierte natürlich auf Kosten des Lebens von Millionen von „Untertanen“, die um ihre Rechte kämpften. Und während diese Menschen für die „Freiheit“ und das „Vaterland“ starben, sagte einer ihrer heiss geliebten Führer: „Was schert mich das Leben einer Million Menschen?“ Irgendwann wurde von dem friedrichschen „Ich bin der erste Diener meines Staates“ das hitlersche „Wenn das Deutsche Volk den Sieg nicht will, dann soll es eben untergehen.“

Neue Kriege für Frieden und Menschenrechte wurden geführt und gewonnen, das grosse Reich wurde nochmals in zwei geteilt: Auf der einen Seite stand der kapitalistische Dschungel, auf der anderen die kommunistische Gesellschaftsutopie, und dazwischen der Eiserne Vorhang.

Hinter dem Eisernen Vorhang – Der Anfang meiner Geschichte

Meine Geschichte beginnt im Jahre 1988 in Bulgarien, hinter dem Eisernen Vorhang. Über das kapitalistische Europa dieser Zeit kann ich nicht viel berichten, da es dem Durchschnittsbulgaren, also auch mir, dem 1-jährigen Baby, damals versperrt war. Auch vom Leben im Rahmen des Warschauer Vertrags kann ich nicht vieles sagen, da ich niemals Jungpionier gewesen bin und mein bewusstes Leben mit der Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Wende in Bulgarien verbunden ist.

Trotzdem weiss ich von meiner Mutter, dass sie vor Weihnachten von fünf Uhr morgens bis am späten Nachmittag im einzigen Laden in unserem Wohnviertel auf Bananen gewartet hat, damit mein Bruder und ich wenigstens einmal im Jahr Bananen oder Orangen essen konnten.

Neue westeuropäische Produkte überfluteten die Märkte in Bulgarien erst nach der Öffnung der Berliner Mauer, als die kommunistische Welt endlich ihre Unfähigkeit zur Verwirklichung der vorgeschriebenen Utopie gestand.

Sturm ins Parlament – Der 10. Januar 1997

Das Ende des Kommunismus nahm ich aber erst 1997 richtig wahr, während der Demonstrationen gegen die regierende sozialistische Partei, deren Abgrenzung von der vorigen kommunistischen Partei mir völlig oberflächlich schien. Ich erinnere mich immer noch an den Tag, als das versammelte verärgerte Volk ins Parlament stürmte. Es war der 10. Januar, der Geburtstag meiner Mutter. Zu dem Zeitpunkt, als ich die Nachricht hörte, war sie auf dem Weg zur Demonstration.

Ich weiss nicht, wie sich jene Millionen von Deutschen auf beiden Seiten der Mauer gefühlt hatten, als sie die Nachricht von der Wiedervereinigung erhörten und die Mauer an einem späten Abend schon überwinden konnten. Waren sie damals so begeistert und verwundert, wie ich an jenem 10. Januar? Wussten sie genau, was diese neu erhaltene Freiheit in wirtschaftlichem und politischem Sinn bedeuten würde? Wussten sie, dass diese Vereinigung, das Einverständnis Deutschlands zur Einführung des Euros als gesamteuropäische Währung und demzufolge den Verzicht auf die eigene Mark bedeuten würde? Oder waren sie einfach froh, dass ihre eigene Geschichte für Europa ein glückliches Ende nahm?

Ich selbst war an diesem 10. Januar einfach begeistert, ohne zu wissen, was die langen bevorstehenden Reformen bedeuten würden. Für mein Kindesbewusstsein war 1997 die Zeit, in der auch die Bulgaren für ihre Rechte und ihre Würde aufgestanden waren. Wie man später aus den Videomaterialien entnehmen konnte, versuchte es der nette Herrscher hier wieder, sich zum erbarmungslosen Despoten zu erheben. „Holt die Panzer!“, hatte ein Regierender geschrien. Glücklicherweise passierte das nicht.

Bombardierungen im Klassenraum – Der Krieg im Kosovo

Die Panzer, oder besser gesagt die Flugzeuge, holte aber die NATO 1999 gegen Milosevic` Serbien im Kosovo. Bulgarien unterstützte die europäischen Grossmächte, was hier selbstverständlich zu neuen heissen Diskussionen führte. Diese fanden auch im Klassenraum meiner Klasse 4E statt, wo wir mit Papierflugzeugen die Bombardierungen in den Pausen vorspielten und kräftig an der Seite der Serben oder der NATO mitkämpften. Damals wusste ich vielleicht noch nicht ganz genau, warum ich mit der Position der Regierung einverstanden war, heute bin ich mir aber sicher, dass dem albanischen Genozid im Kosovo ein Ende gesetzt werden musste. Denn Rache bringt nichts anderes als Gegenaggression. Wer mit Hass gegen den Hass operiert, beginnt allmählich das Menschliche in sich zu verlieren.

Ob der Angriff der NATO nicht wiederum Hass produzierte, wie es in unseren Spielen mit den Papierflugzeugen in der Schule oft vorkam, bleibt eine Frage, die uns nur die Zukunft beantworten kann.

Wiedervereinigung – Das Ende meiner Geschichte

Meine Geschichte für Europa endet aber nicht in der unvorhersehbaren Zukunft, sie endet auch nicht mit den europäischen Konflikten. Zu meiner Geschichte für Europa gehören auch der Beitritt Bulgariens zur NATO und jener zur EU. Denn Europa ist nicht mehr jenes zerstückelte Reich unter den Enkeln Karls des Grossen, während des Mittelalters, der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges. Nein, diese Kriege waren eigentlich niemals Teil „meiner Geschichte für Europa“, sie sind nur ein Teil der „Geschichte Europas für mich“. Meine Geschichte für Europa ist die, die ich selbst schreibe. Und wer hat gesagt, dass sich die Märchen niemals erfüllen? Dann lasst mich bitte meine Geschichte zu Ende schreiben: Eines Tages entschlossen sich schliesslich die Herrscher der vielen kleinen Reiche, sich wieder zu vereinigen und zu versuchen, wieder gemeinsam das einst grosse und herrliche Reich ihrer Vorfahren zu regieren. Es gelang ihnen auch. Und alle ihre Untertanen lebten lange, fröhlich und zufrieden…