Kultur | 01.01.2007

„Lachen ist ein grossartiger Vermittler“

Text von Martin Sigrist
Noch immer tourt Dimitri unermüdlich mit seinen verschiedenen Programmen. So gastierte er auch in Luzern für drei ausverkaufte Vorstellungen im KKL. Tink.ch traf ihn im Hotel Rebstock zum Interview. Dabei erzählte er von den Vorteilen des Künsterseins und der Pantomime.
"Es ist eine ständige Arbeit, die nie fertig wird", sagt Clown Dimitri zu seinem Schaffen. Fotos: Martin Sigrist Reporter Martin mit Dimitri.

Was wollen Sie beim Publikum auslösen?

Wenn ich als Clown auftrete, ist es am wichtigsten, die Leute zum Lachen zu bringen. Daneben steht das Bedürfnis, die Leute zu unterhalten, und zwar auf eine poetische, artistische, künstlerische aber auch persönliche Art. Das ist wohl ein Anliegen eines jeden Künstlers. Ein Maler will die Leute nicht zum Lachen bringen, aber er will die Leute mit seinen Bildern erfreuen und ihnen durch seine Kunst etwas mitgeben.

Erleben Sie bei Ihren Auftritten auch mal enttäuschende Momente?  

Ja, das kommt vor, bei einem Publikum, das nicht gut reagiert. Manchmal braucht ein Publikum länger, bis es aufgewärmt ist und spontan reagiert.

Wir arbeiten immer ohne Mikrofon. Das ist für viele Leute eine grosse Umstellung, da sie an laute Konzerte gewöhnt sind. Wenn sie sich jedoch daran gewöhnt haben, reagieren sie besser, weil die Nuancen stärker zur Geltung kommen. Alles ist viel echter und direkter ohne Mikrofon.

Ist es wichtiger direkt oder nuanciert an die Leuten zu gelangen?  

Das etwas direkt rüber kommt, ist sowieso wichtig, in der Kunst, auf der Bühne und im Leben allgemein, denn man muss die Message verstehen können. Für uns Künstler ist dieses Message zwar ein etwas blödes Wort, da wir nicht mit einer speziellen Mission auftreten. Aber der Draht zwischen Publikum und Künstler soll entstehen und das geht nur, wenn man direkt und ehrlich spielt und mit dem Herzen und Freude dabei ist.  


Sind die Leute überhaupt bereit für so viel Direktheit?  

Nach meinen Beobachtungen sind die Leute immer noch sehr offen, auch für naive, poetische Kunst. Sie sind nicht verdorben oder verschlossen. Ihre Herzen lassen sich öffnen und ihre Freude erwacht. Das Lachen ist ein grossartiger Vermittler. Eigentlich alle diese internationalen, nicht an Worte gebundenen Künste, wie auch die Musik.

Ist es sehr wichtig, dass die Leute Sie richtig verstehen? 

Nein, ich glaube nicht, denn ich spiele ja nicht Theater mit vielen Worten und schweren Themen. Bei uns Pantomimen ist alles sehr einfach, naiv und nonverbal. Auch ein Kind kann es verstehen, denn es geht nicht über den intellektuellen Kanal.

Gibt es noch Sachen, die Sie gerne mal machen würden?

Ich träume schon lange davon, einen Film zu machen. Ich habe mal einen Anfang gemacht, leider ist das Projekt dann an den Finanzen gescheitert. Es ist aber noch immer in meinem Hinterkopf, und ich würde es gerne vollenden.

Was für ein Film?

Eine Geschichte über einen Stationsvorstand, einen etwas kurrligen Typ, der in einem kleinen Bahnhof wohnt und diesen pflegt. Doch dann setzt sich das Auto durch und der Bahnhof wird geschlossen. Der Vorstand darf aber dort bleiben. Er pflegt den Bahnhof weiterhin, mit dem Wissen, dass die Bahn vielleicht wieder kommt, denn die anderen Verkehrsmittel bringen Chaos und Staus. Eines Tages versiegt das Öl, es gibt kein Benzin mehr und alle kommen reumütig auf die Bahn zurück. Das ist die Story. Und der naive Bahnhofsvorstand ist am Schluss der Held.  


Das klingt nach einem politischen Inhalt.  

Man kann vieles politisch deuten. Bei mir ist es aber eher menschlich gemeint. Ich denke an die menschlichen Schwächen und Qualitäten und den Optimismus.  

Die Geschichte hat auch etwas Nostalgisches.

Natürlich, die Clownerie hat immer etwas Nostalgisches, aber auch etwas Zeitloses und Sentimentales. Trotzdem sehe ich in diesem Film auch moderne Seiten. Er spricht an, was auf uns zu kommt, wenn das Benzin versiegt. In diesem Sinne ist das Thema eigentlich ultramodern.  

Sind Sie zufrieden? Sind Sie dort, wo sie hin wollten?  

Ich bin nie wirklich so zufrieden, dass ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft, jetzt bin ich dort angekommen, wo ich hinwollte, und kann mich ausruhen. Es gibt Momente, da habe ich das Gefühl, gut gespielt zu haben. Aber dann bin ich doch immer wieder am überlegen, wie ich mich noch verbessern könnte. Es ist eine ständige Arbeit, die nie fertig wird.

An einem Film lässt sich nichts mehr ändern, wenn er veröffentlich wurde. Im Theater aber schon, da gibt es eine ständige Entwicklung, Verwandlung und hoffentlich auch eine Verbesserung.

Ist dies eine Verbesserung für Sie selbst oder schulden Sie die dem Publikum?  

Es ist beides. Man schuldet sich die Verbesserung selbst, wenn man verantwortungsvoll und sich selber gegenüber anspruchsvoll und fordernd ist. Es muss einem selbst wohl sein, man muss dazu stehen können, was man gemacht hat. Und wenn es nicht so gut ankommt, kann man sich zumindest damit trösten, dass man das Maximum gegeben hat.

Aber man hat natürlich auch dem Publikum gegenüber eine Pflicht. Dieses hat zu Recht Erwartungen an einen Künstler. Da bin ich kaum der Einzige, der dieser Auffassung ist, denn wir Künstler sind privilegiert, wir haben ein interessantes Leben, den Applaus, sind beliebt, sind überall willkommen. Dadurch haben wir auch eine Verantwortung, etwas zu leisten und zu bieten.  

Aber nicht alle Künstler haben ein schönes Leben.  

Ja, klar, da gibt es viele Biografien von tragischen Leben, von Künstlern, die unter widerlichen Umständen schrieben oder malten. In Russland zum Beispiel, wo die abstrakte Kunst verboten war, wo all die fantastischen Sachen heimlich entstehen mussten. Schriftsteller wurden verfolgt und ins Gefängnis gesteckt, weil sie den Staat kritisiert haben. Diese Künstler bewundere ich besonders, da sie trotzdem ihre Kunst weiter verfolgen, versuchten ehrlich zu sein, Wahrheiten und Verbrechen aufzudecken. 

Mich beschäftigt gerade der Fall der russischen Journalistin Poliskofskaja, die ermordet wurde. Ich habe ihr Buch gelesen, das nur im Westen erschienen ist. Poliskofskaja ist eine mutige Journalistin, die ihr Leben riskierte. Auch sie war eine Künstlerin. Wir dürfen glücklich sein, ohne Risiko unsere Kunst ausüben zu können. Dafür werden wir auch noch belohnt und haben ständig ein Echo, Applaus und Anerkennung. Poliskowskaja hat auch viele Preise gewonnen und wurde von vielen Leuten geschätzt und bewundert aber auch von vielen Leuten verhasst und verfolgt.  

Fühlen sie sich selbst eingeschränkt?  

Nein. Bei uns in der Schweiz besteht zum Glück die künstlerische Freiheit. Aber es gibt Grenzfälle wie Hirschhorn, wo man diskutieren kann. Der Staat muss grosszügig sein und die künstlerische Freiheit weit fassen. In der Schweiz ist es soweit gut.

Unsere Kunst hat den Vorteil, dass wir viele Sachen durch Humor sagen können, ohne Worte. Das nutzten viele Künstler in Prag während der Russischen Besetzung. Sie konnten politische Dinge via Pantomime ausdrücken und die Zensoren bemerkten es nicht, weil es ja keine Worte waren. Die Künstler haben eine interessante Art von Pantomime entwickelt, die für sie eine Bereicherung in der schwierigen Situation war. So ist es kein Zufall, dass fast alle grossen Mimen aus Prag kamen.

Ich habe auch von einer Ansagerin in Prag gehört, die zwar gegen das Regime war, aber die Nachrichten lesen musste. Ihre Meinung hat sie dem Publikum einfach über einen bestimmten Blick oder Gesichtsausdruck mitgeteilt. So wusste jeder genau, was sie denkt. Auch ihr konnten die Zensoren nichts anhaben. Diese raffinierte und nuancierte Art habe ich immer bewundert.  

Haben solche Erfahrungen Ihr Schaffen beeinflusst? 
Ja, was ich damals in Prag gesehen und erlebt habe, hat mich schon stark beeinflusst. Es war so umwerfend, so neu und kühn und künstlerisch, und schon fast unheimlich. So ist es in der Kunst: Man wird immer wieder inspiriert, plötzlich elektrisiert. Man lernt, dass man auch auf diese oder andere Weise malen oder schreiben kann. Man kopiert nicht, aber ist beflügelt und will das eigene Schaffen wieder auffrischen und Neues ausprobieren.

Es sind auch Freundschaften entstanden. Einen Freund aus Prag habe ich immer wieder auf Festivals getroffen. Als die Fichenaffäre aufflog, habe ich meine bekommen und dort war jede Begegnung mit ihm aufgelistet. Ein Schweizer trifft sich mit jemandem aus einem kommunistischen Land. Eigentlich ist das jetzt zum lachen. Übrigens, die Fiche von Franz Hohler war noch zehnmal länger.

Also waren Sie doch nicht ganz frei?  

Man hat es damals nicht gewusst, aber nachher war man schon erstaunt, dass man so bespitzelt wurde. Das ist ekelhaft. Gut, dass alles aufgeflogen ist und man sich um Aufarbeitung bemüht hat. Jetzt hat man vielleicht mit dem Spitzeln wieder angefangen und irgendwann fliegt wieder alles auf.

Aber wenn ich an Russland denke, dann geht es uns wirklich gut hier. Wir haben mehr Freiheiten, wir können uns frei äussern, ich kann hier schimpfen und Sie können das im Internet publizieren. Gerade mit Hilfe des Internets ist ja vieles möglich, auch in den Diktaturen. In den USA würden die Menschen ohne Internet und Leute wie Michael Moore wohl nicht so viel über die Regierung wissen.  

Das klingt, als würden Sie sich politisch engagieren wollen.  

In meiner Kunst bin ich nicht politisch, aber in meinem Leben engagiere ich mich. Ich bin für Gerechtigkeit. Wir Künstler werden sehr oft angefragt, ob wir uns da und dort engagieren möchten. Ich finde, dieses Engagement gehört zu unserer Pflicht, wenn wir schon das Glück haben, so bekannt und geschätzt zu sein. Da können wir auch ein wenig positiv beeinflussen. Wenn Leute dann sehen, dass Dimitri oder ein anderer Künstler dafür ist, sind sie auch dafür. Das ist unser kleiner Bonus, den wir ausnützen können. Künstler sind ja mehrheitlich links und sozial eingestellt. Ich kenne keinen SVP-Künstler.  

Woran liegt das?

Ja, das frage ich mich auch. Warum gab es keine guten Künstler bei den Faschisten, bei den Nazis, bei Mussolini oder jetzt bei Berlusconi. Ich habe von einem pro Berlusconi Komiker gehört, der eine Katastrophe war. Benigni und die anderen guten Komiker in Italien waren alle gegen Berlusconi. Das ist kaum anders denkbar.

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