Kultur | 28.01.2007

Gestern, morgen und irgendwo dazwischen

Am Abschlussabend der Filmtage durchzog ein Hauch Nostalgie das Programm des Landhauses. Bereits der zweiminütige Animationsfilm "Chargé pour Soleure" bestach durch seine Machart. Die folgenden Filme rückten Geschichten ins Rampenlicht, die das Publikum auf Anhieb zu begeistern vermochten.
Bild: www.solothurnerfilmtage.ch

Villi Hermanns „Greina“ befasst sich mit dem Leben eines Alpenkäsers und ist eine Hommage an seinen verstorbenen Arbeitspartner. Hermann komponierte die halbstündige Dokumentation praktisch nur aus Bildern, die vor dessen Tod einem gemeinsamen Projekt im Rahmen der Expo 02 entstanden waren. Entstanden ist ein Werk, das die rohe Schönheit der Bündner und Tessiner Berge klar und einfühlsam wiedergibt. Seine Realitätstreue hebt die Eigenarten ihrer Bewohner besonders hervor: Sogar in der italienischen Originalfassung werden Untertitel eingeblendet, da der Dialekt der Porträtierten für Aussenstehende nur schwer verständlich ist. „Greina“ widerspiegelt jene Hindernisse, die den Bergbauern Tag für Tag in den Weg gelegt werden. Denn auch auf jener Hochebene, wo die Zeit still zu stehen scheint, hält der Fortschritt erbarmungslos Einzug. Hermann versteht es, Kritik an den heutigen Lebensformen zu üben, ohne zu werten oder in Pathos abzudriften. Er gewährt Einblick in eine Welt, die, nah und fern zugleich, ihrer Zeitlosigkeit beraubt wird. Dies macht „Greina“ nicht nur zu einem ästhetisch sondern auch gesellschaftlich wertvollen Film, der unweigerlich zum Nachdenken anregt.  

Erschwindeltes Glück

Der Hauptfilm des Abends, die Premiere von „Briefe und andere Geheimnisse“ von Judith Kennel, ist deutlich leichtere Kost. Die Protagonistin Ruth leitet das Postamt ihres Vaters in einem abgeschiedenen Dörfchen. Ihr Leben besteht hauptsächlich daraus, mit dem Mopet durch die Gassen zu tuckern, sich den Sticheleien ihres alten Herrn auszusetzen und die Katze ihrer neureichen Jugendfreundin Karolin zu füttern. Als diese durch eine Kontaktanzeige den sympathischen Alfred kennen lernt, wagt das „Poscht-Ruthli“ endlich, die Ketten ihres öden Alltags zu sprengen: Sie bricht das Briefgeheimnis und schlüpft in die Rolle der Witwe Karolin, um Kontakt zu ihrem Traumprinzen zu knüpfen.  

Besame mucho, Ruthli

Es entsteht eine zarte Freundschaft, die Ruth in eine neue Welt entführt. Wiesenblumen werden zu Rosensträussen und plötzlich erfüllen die heissen Rhythmen argentinischen Tangos die Berner Nächte. Doch – wie könnte es anders sein – das junge Glück währt nicht lange: Bald stellt sich heraus, dass Ruth nicht die einzige ist, die ein Geheimnis bewahrt. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. Auch diese Geschichte behandelt die Konflikte, die die heutige Zeit aufwirft. So wird beispielsweise deutlich, was die drohende Schliessung der Poststelle für Ruths Familie bedeutet. Viel rührender ist jedoch die Entwicklung der liebenswerten Antiheldin, was nicht zuletzt Mirjam Zbinden bemerkenswertem Hauptrollendebüt zu verdanken ist. Spielerisch meistert Zbinden, welche zurzeit am Zürcher Schauspielhaus zu bewundern ist, die Gratwanderung zwischen Ruthlis Naivität und der Sehnsucht nach einem Funken Exotik.  

Direkt aus dem Leben gegriffen

Diese Natürlichkeit ist es auch, was diesen Film so sehenswert macht. Die Dialoge sind schlicht und direkt. Sie deswegen als platt zu bezeichnen, wäre jedoch ein Irrtum. Der Film wirkt nicht gekünstelt, sondern in höchstem Mass selbstironisch. Reihenweise rechnet er mit Klischees ab, lacht über sich selbst. Seine Liebe zum Detail ist bemerkenswert und erinnert an Filme wie „Amélie de Montmartre“ oder „Keeping Mum“. Der unaufdringliche Humor macht sogar die etwas gezwungen und unbeholfen wirkenden Liebeszenen wett. Praktisch jede Sequenz trumpft mit einem kleinen Leckerbissen auf. Judith Kennel scheut nicht davor zurück, mit Stilmitteln zu jonglieren: Die animierte Comicfliege, die während des ganzen Filmes den Hauptpersonen um den Kopf surrt, wird zum originellen Running Gag. „Briefe und andere Geheimnisse“ – würden alle Filme so gekonnt daherkommen, dürfte das Schweizer Kino in diesem Jahr noch mehr Erfolge feiern, als im vergangenen.