Kultur | 15.01.2007

„Erinnerungen färben deine Welt“

Text von Martin Sigrist
Mit ihrem neuen Album "Damaged" zeigen Lambchop eindrücklich, wie sich Country-Elemente, ein Streicherensemble und zahlreiche weitere Musiker zu einem Ganzen vereinen lassen. Mit Tink.ch sprach Sänger Kurt Wagner viel rauchend und lachen über sich und seine Musik.
"Ich habe mich an vieles gewöhnt": Kurt Wagner, Sänger von Lambchop. Fotos: Martin Sigrist Reporter Martin von Tink.ch mit Kurt Wagner.

Wie hast du die verschiedenen Sprachregionen in der Schweiz erlebt?

Hm, wir kommen ja schon eine ganze Weile in die Schweiz. Früher fühlte ich  mich immer etwas verloren zwischen den so verschiedenen Kulturen in einem Land. Das bemerke ich jetzt nicht mehr. Ich habe mich an viele Unterschiede gewöhnt, an verschiedene Länder, Sprachen und Autos. Nach so vielen Touren fühlt sich alles heimisch an.  

Die Konzerte auf eurer aktuellen Tour sind ja etwas anders als üblich?

Ja, wir wollten eine Show ohne Unterbruch, um zu zeigen, wie unsere Musik eigentlich aufgebaut ist. Mit diesem Ablauf können wir vor den Augen des Publikums unsere Band, unsere Musik zusammensetzen. Zuerst spielen Hands Off Cuba, dann das Dafo String Quartett und zum Schluss kommen wir alle auf die Bühne. So kann man die einzelnen Teile und den Zusammenhang unserer Musik besser erleben, und die anderen Bands werden nicht einfach als Vorgruppen präsentiert.  

Wie ist dieses Konzept bis jetzt angekommen?

Wunderbar, weil es anders ist als das, was sich die Leute gewohnt sind. Die Zuschauer werden zu Beginn vielleicht ein bisschen verwirrt, aber irgendwann können sie sich entspannen.  

So viele Musiker und dazu noch Projektionen auf die Bühne. Nimmt euch das nicht jegliche Spontaneität während der Konzerte?

Klar, wir müssen etwas mehr planen als sonst, müssen in einem gewissen Rahmen bleiben. Aber wir können noch immer spontan sein, wir müssen es uns gegenseitig einfach früh genug ankündigen.

Ist es tatsächlich so, dass eure Musik für Amerikaner zu komisch ist?  

Ich finde unsere Musik sehr amerikanisch, vor allem die Einflüsse sind amerikanisch. Vielleicht ist es denen damit einfach zu langweilig.


Ein paar Beschreibungen für eure Musik: Alternativer Country, Suizidpop, Sonntagmorgen-nach-dem-Sex-Musik…

Ja, es gibt viele Möglichkeiten, Musik zu beschreiben oder sie in Worte zu fassen. Menschen brauchen Musik aus ganz verschiedenen Gründen, das ist das tolle an der Musik. Sie ist allgegenwärtig, sogar jetzt, hier, eigentlich die ruhigste Zeit in einem Club, wird unser Flügel gestimmt, mein täglicher Aufstehsoundtrack. Das finde ich sehr spannend. Und damit gibt es immer diesen Wunsch, die Musik mit Begriffen zu beschreiben, um über Musik zu kommunizieren, ohne die Musik selbst.

Bist du nostalgisch?

Ich weiss nicht wie sehr ich nostalgisch bin, aber das ist wohl eine Nebenerscheinung des Älter-Werdens, dass man in all diesen Erinnerungen gefangen ist. Was willst du da machen? Es ist nicht einfach, Erinnerungen zu löschen. Du kannst es versuchen, oder sie halt einfach reflektieren. Du sammelst Erinnerungen über die Zeit. Das färbt deine Welt.  

Du bist viel getourt, mit vielen Musikern. Immer wieder gab es grosse Wechsel in eurer Band. Ist es nicht unglaublich anstrengend, immer wieder neu anfangen zu müssen?

Es ist gut so. Ich habe mit Leuten über viele viele Jahre hinweg gespielt. Das ist schon schön, aber auch diese Wechsel gehören zu uns. Wir wachsen und verändern uns stetig.

Wirst du in Europa als Amerikaner oft kritisiert?

Nein, bis jetzt nicht. Wir haben hier oft darüber gesprochen, welche Situation die USA für die Welt geschaffen haben. Es ist für die Leute hier wichtig zu sehen, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht hinter dieser Politik steht, gerade die letzten Wahlen haben das gezeigt.   


Wirst du aufgefordert, als amerikanischer Künstler politisch zu sein?

Ich verstehe, warum Leute das erwarten, aber ich will das nicht. Ich komme als Musiker hier her und nicht als Staatsmann. Ich repräsentiere niemanden. Ich hoffe, dass ich mit der Musik etwas ganz Unpolitisches tue. Ich weiss nicht warum man von Musikern immer erwartet, dass sie politisch werden. Ich sehe nicht, dass unsere Zuschauer Belehrungen in Sachen Politik brauchen. Ich glaube auch nicht, dass man als Künstler besonders viel Einfluss hätte. In den 60er Jahren war das anders, da war alles wirklich spontan, aus einem Drang heraus, sich auszudrücken. Aber jetzt klingt das wie eine Formel, dass man in schwierigen Zeiten kreativ und spontan werden muss. Aber Formel und Spontaneität, Formel und Kreativität, das geht für mich nicht zusammen.

Wenn jetzt die Leute im Madison Square Garden vor einem Haufen Menschen auftreten, steht da vor allem der Gedanke dahinter, sich selbst zu promoten. Das ist doch keine coole Motivation.  

Okay, letzte Frage: Magst du Interviews?

Nein, nicht so wirklich. Ich habe Interviews immer als Möglichkeit gesehen, über Dinge zu sprechen, über die ich sonst nicht sprechen würde. Es sollte ein kreativer Prozess sein, dass ich mir über Dinge klar werden könnte. Damit könnte ich auch etwas daraus gewinnen, vielleicht eine Einsicht. Aber nach so vielen tausend Interviews geht das nicht mehr, obwohl ich immer noch versuche, etwas Kluges zu sagen. Das ist unglaublich anstrengend. Aber heute ist es ganz gut gelaufen, du bist ja der einzige.

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