Gesellschaft | 08.01.2007

„Die Unruhen waren voraussagbar“

Als Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt ist Thomas Kessler mit den Ängsten und Sorgen von in- und ausländischen Jugendlichen bestens vertraut. Tink.ch befragte ihn zur Jugendgewalt in den Banlieues von Paris und ob sich solche Szenen auch in der Schweiz abspielen könnten.
Thomas Kessler: Integrationsbeauftragter des Kantons Basel-Stadt. "Gewalt im Kleinen wie im Grossen ist ein wichtiges Phänomen von gescheiterter Integration und fehlender Perspektiven."

Sie waren kurz vor den Unruhen selbst in Paris. Warum?

Die Situation in Frankreich interessiert uns in Basel, auch wegen der Nachbarschaft zum Elsass. Die Probleme mit der Ausgrenzung der randständigen Jugend gibt es in fast allen grösseren französischen Städten. In Paris war ich, weil sich die Probleme schon seit längerer Zeit verschärft haben.

Was haben sie dort erlebt?

Ich habe die Banlieues besucht und auch die Situation in der Innenstadt analysiert. Am stärksten waren die Spannungen in den teuren Modegeschäften der reichen Innenstadt spürbar. Hier hatte es für jeden einzelnen Kunden einen Security-Beamten, da viele arme Leute ihre Sachen nicht bezahlen konnten.

In den Vororten habe ich Perspektivenlosigkeit, gespannte Ruhe, Delikte und allgemeine Angst erlebt. Das Eindrücklichste war die Problematik der Perspektivenlosigkeit und der Arbeitslosigkeit, die sich auf die junge Generation vererbt. Das ist eine wichtige Ursache dieser Explosion.  

Was haben Ihnen die Erlebnisse sonst noch gezeigt?

Die Gewalt als Ausdruck von Frustration und als Missbrauch von fehlender Kontrolle ist ein Dauerthema in der Integrationsarbeit und gilt als Ausdruck gescheiterter Integration. Diese Gewalt zeigt sich in den französischen Vorstädten, zum Beispiel im Abbrennen von Autos an Sylvester.

Wenn der Staat nicht überzeugend präsent ist und keine Perspektiven bietet, führt das schleichend zu mehr Gewaltritualen und zur Ausdehnung der rechtsfreien Räume. In Frankreich hat man diese Entwicklung über Jahre verdrängt und nicht nach effektiven Lösungen gesucht. Deshalb war es für Fachleute klar, dass es irgendwann zu Ausschreitungen kommen wird. Der Auslöser der Unruhen, dass Jugendliche, die von der Polizei verfolgt wurden, zu Tode kamen, ist geradezu klassisch und kommt in anderen Ländern wie den USA häufig vor. Die Solidarisierung mit den „Schwächeren“ führt zu diesen sozialen Flächenbränden. Gewalt im Kleinen wie im Grossen ist ein wichtiges Phänomen von gescheiterter Integration und fehlender Perspektiven.  

Wie haben Sie während den Ausschreitungen reagiert? Was ging Ihnen damals durch den Kopf?  

Ich habe die Bilder gesehen und gedacht: Genau so haben es alle Fachleute vorhergesehen. In Wirklichkeit waren es relativ wenige Jugendliche, die an den Ausschreitungen teilgenommen haben. Die allermeisten Bewohner dieser Stadtteile blieben auch während der Krawalle friedlich. Im Fernsehen hatte man den Eindruck, dass einige hundert Jugendliche, die hunderte von Autos niederbrannten, repräsentativ sind für die gesamte Bevölkerung. Es waren auch keine politisch engagierten Leute, die Feuer legten, das waren ganz einfach Krawall- und Vandalenfreunde. Den Ablauf der Krawalle konnte man vergleichen mit Phänomenen aus den amerikanischen Grossstädten. Über die mediale Verbreitung am Fernsehen gab es eine rasche Ausbreitung auf alle französischen Städte. Auch war es ein Lustgewinn, wenn sich die Jugendlichen am Fernsehen sahen. Daraufhin haben das Fernsehen und die Presse schnell reagiert und nicht mehr das Feuer gezeigt, sondern nur noch die ausgebrannten Autowracks. Soziale Massnahmen, schnelle politische Entscheide und die Reaktion der Medien haben nach wenigen Wochen zum Abflauen der Unruhen geführt.  


Welche Rolle spielte die Religion bei den Unruhen?
Die Vororte, von denen die Rede ist, wurden in den 60er und 70er Jahren für sozial schwache Franzosen gebaut. Die Blöcke waren damals attraktiv, galten als hell und modern. Dann aber wurde wegen fehlenden Arbeitsplätzen für die Bevölkerung und fehlenden Renovationen in den Gebäuden über Jahrzehnte ein sozialer Abstieg mitgetragen und toleriert: Viele Franzosen, die meisten katholisch, zogen in Einfamilienhäuschen um, sozial schwache Migranten aus Nordafrika, grösstenteils Muslime, kamen nach. So haben sich die Quartiere ethnisch und religiös entmischt. Inwiefern das eine Rolle spielt, ist offen und fraglich.

Wenn Probleme auftauchen und ganze Quartiere sozial absinken, besteht die Gefahr, dass im Laufe eines Konfliktes auch religiöse Aspekte eine Rolle spielen. Offiziell wird es verneint aber es ist anzunehmen, dass wenn sich der Staat zurückzieht religiöse Gemeinschaften, wie engagierte Imame, das Vakuum füllen und sich um die Jugend kümmern. Dass die Religion so an Bedeutung gewinnt, positiv oder negativ, ist eine Frage der Betrachtung.  

Wie haben die Jugendlichen mit denen sie hier in Basel Kontakt haben auf die Ausschreitungen in Frankreich reagiert?

Die Jugendlichen haben mit Interesse die Situation analysiert und keine Parallelen gefunden. Einstimmig sind sie zum Schluss gekommen: In der Schweiz besteht kein Boden für solche sozialen Konflikte.
Meine Bekannten aus Frankreich haben unterschiedlich reagiert. Zum Teil mit Verständnis und mit Kritik an der Politik, aber es kamen auch emotionale Reaktionen, von Leuten die sagten, diese Ausschreitungen seien von Kriminellen verursacht worden. Ältere Personen kritisierten die Polizei und die Justiz: Wer Autos anzündet und Steine wirft, begehe schlimme Delikte und müsse härter bestraft werden. Es kamen ganz verschiedene Reaktionen, zwischen nüchterner Analyse und Verurteilung. Ich habe niemanden getroffen, der die Gewalt befürwortet hat, jedoch Leute, die sie zu verstehen versuchten. Einig waren sich alle im Punkt, dass die Politik über Jahre versagt hat.  

Sie haben mehrfach gesagt, in Schweizer Grossstädten könnte es nie zu Ausschreitungen kommen, wie wir sie in Frankreich gesehen haben. Wieso?

In der Schweiz haben wir eine starke Wirtschaft. Die Jugendarbeitslosigkeit von sechs bis acht Prozent ist zwar hoch, aber als Problem als solches erkannt. Die Politik hat reagiert. Die Distanz zwischen Volk und Staat ist in der Schweiz viel kleiner als in andern Ländern. In einem zentralistischen Staat wie Frankreich liegen die Kompetenzen, die Probleme zu lösen, nicht bei den Gemeinden, sondern in Paris. Die Schweiz hat den grossen Vorteil, dass die Städte und Gemeinden ihre Schul- und Sozialprobleme selber angehen können.  

Aber auch in der Schweiz gibt es Jugendliche, die frustriert sind und zu Aggressionen neigen. Weshalb schlägt denn das hierzulande nicht in einen Flächenbrand um?

Die Aggressionen haben meistens soziale Ursachen. Die Analysen zeigen Gründe wie soziale Verwahrlosung in Armut oder fehlende Eltern, Wohlstandverwahrlosung durch zuviel materielle Zuwendung und Formen der Einsamkeit.

Die Mehrheit der Stadtbewohner lebt alleine in ihren Wohnungen, es leben weniger Kinder in der Schweiz als vor einer Generation und durch längere Lebenserwartung und grössere Zeitdistanzen zwischen den Generationen individualisiert sich die Gesellschaft. In dieser Entwicklung stecken viele Probleme. Bei uns ist die Frage der Aggression und der Gewalt viel stärker individualisiert und hat ganz andere Ursachen als in diesen Banlieues, wo fast alle die selben Probleme haben.

Sie werden regelmässig kritisiert, ihre Arbeit wird gar grundsätzlich in Frage gestellt. Was wäre in Basel anders, wenn es sie und ihre Fachstelle nicht gäbe?

Wir sind an Kritik interessiert. Wenn wir dann nachfragen, was genau kritisiert wird, kommen meist Antworten wie: Es brauche diese Stelle nicht, es sei schönfärberisch. Oder: Integration sei Privatsache. Jedoch hat der Staat grosses Interesse daran, dass sozial Schwache, Kinder und alle Zuzieher rasch und gut integriert werden. Dann wird Migration zur chancenreichen Bereicherung. Ohne Integration wird sie für die Schwächeren zur Belastung.

Vor meinem Stellenantritt konnten Probleme mit Segregation nur bruchstückhaft angegangen werden, seither hat Basel-Stadt eine in sich stimmiges Bildungs-, Präventions- und Hilfsangebot, weniger ansteigende Symptomkosten und über höhere Steuererträge von erfolgreichen Migranten auch mehr finanziellen Erfolg. Unsere Stelle leistet den Kontakt mit den Migranten und informiert die Bevölkerung.  

Steckbrief Thomas Kesseler


Thomas Kessler ist seit 1998 Delegierter für Migrations- und Integrationsfragen der Basler Regierung. Er ist ausgebildeter Agronom, vertrat die Grüne Partei im Kantonsrat Zürich. Der 47-Jährige ist verheiratet und Vater eines 14-jährigen Sohnes.

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