Gesellschaft | 29.01.2007

„Die Abfälle existieren ja schon“

Die Standortfrage zur endgültigen Lagerung radioaktiver Abfälle in der Schweiz bleibt aktuell und wird nun auch mit der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Ein Interview mit Michael Aebersold, Leiter der Sektion Entsorgung radioaktiver Abfälle beim Bundesamt für Energie.
Stahlbehälter mit abgebrannten Brennelementen im Würenlinger Zwischenlager.
Bild: BFE Modell eines geologischen Tiefenlagers Auch die raumplanerischen und sozioökonomischen Auswirkungen eines Tiefenlagers sollen im Auswahlverfahren berücksichtigt werden. Vor der Anhörung wurde der Sachplan Geologische Tiefenlager in Workshops und Foren diskutiert.

Das Bundesamt für Energie (BFE) führt derzeit eine breit angelegte öffentliche Anhörung zum Sachplan geologischer Tiefenlager für radioaktive Abfälle durch. Wenden Sie diese Methode der Mitsprache zum ersten Mal an?

Ja, das ist richtig. Und ich würde sagen, dass eine solche Anhörung auf nationaler Ebene in dieser Breite und mit diesem Aufwand zum allerersten Mal stattfindet und einzigartig ist. Das Raumplanungsgesetz schreibt eigentlich vor, dass die Bevölkerung angemessen angehört werden soll. Aber in dieser Form ist es zweifellos ein Pilotprojekt. Natürlich sind einzelne Instrumente wie Workshops oder Fokusgruppen bereits auf lokaler Ebene und in anderen Fragen angewendet worden. Aber insgesamt hat es nach meinen Kenntnissen noch nie eine solche Mitsprachemöglichkeit für Bürgerinnen und Bürger gegeben.

Die Bevölkerung des Kantons Nidwalden hat nur schon den Bau eines Sondierstollens zweimal abgelehnt. Wuchs aus diesen Niederlagen die Erkenntnis, dass Widerstände aus der Bevölkerung gegen die Lager radioaktiver Abfälle möglichst früh aufgenommen und angegangen werden müssen?

Ja, das ist ein zentraler Punkt. Die Erfahrung aus dem Wellenberg spielt ganz sicher eine wichtige Rolle. Bundesrat Moritz Leuenberger hat bereits mehrmals darauf hingewiesen.

Was sind in Bezug auf das Bewilligungsverfahren weitere Erkenntnisse aus dem gescheiterten Standort Wellenberg?

Man darf nicht nur den Wellenberg anschauen. Wichtig ist zum Beispiel auch der Entsorgungsnachweis von Benken im Zürcher Weinland. Auch da haben wir wichtige Erkenntnisse in Bezug auf das Verfahren gesammelt. Jetzt wollen wir verbindliche Regeln festlegen, wie wir zu möglichen Regionen und schliesslich zu passenden Standorten kommen.

In welchen Punkten unterscheidet sich das neu entworfene Verfahren für die Standortwahl überhaupt vom bisherigen?

Bisher hat es dafür gar kein institutionalisiertes Verfahren gegeben. Zwar existieren internationale Standards, aber die sind primär sicherheitstechnischer Natur. Sozioökonomische Faktoren werden da beispielsweise nicht berücksichtigt. Doch gerade diese werden immer wichtiger. Diese Entwicklung widerspiegelt unseren gesellschaftlichen Wandel. Man kann so grosse Projekte wie die Standortsuche für ein Endlager nicht mehr gleich realisieren wie früher. Und wir müssen dieser Veränderung gerecht werden.

Sind Sie wirklich der Ansicht, dass damit der spätere Aufschrei von Atomgegnern sowie der lokal betroffenen Bevölkerung gedämpft werden kann?

Es ist zunächst wichtig zu wissen, dass es vereinfacht gesagt drei verschiedene Meinungen zur Entsorgungsfrage radioaktiver Abfälle gibt: Erstens, es darf keine Lösung geben, solange Kernenergie aktiv genutzt wird. Zweitens, die Abfälle sind bereits vorhanden, also braucht es dafür auch eine sichere Lösung. Und drittens, Kernenergie ist eine gute Sache, das Entsorgungsproblem muss deshalb möglichst rasch gelöst werden und es sollen neue Atomkraftwerke entstehen. Bezogen auf Ihre Frage bedeutet das, dass wir Extrempositionen nicht mit ins Boot nehmen können. Das sind wir uns bewusst. Aber uns ist wichtig, einen grossen Teil der Bevölkerung abholen zu können. Wir möchten zudem aufzeigen, dass ein Tiefenlager für den Standort auch Vorteile bringt. Und wir wollen im Vorfeld mehrere Regionen finden. Diese brauchen nicht gleich in Begeisterung auszubrechen, aber sie sollen sich konkrete Standorte vorstellen können.

Den Aufschrei der Atomgegner wird es ganz sicher geben. Das können wir nicht vermeiden. Aber wir wollen, dass wir eine Region finden, die die konkrete Umsetzung mitgestalten will. Eine, wo die Leute mitreden und sich halt auch davon überzeugen wollen, dass es ein sicheres Lager gibt. Dank der regionalen Mitwirkung ist für die Standorte auch eine gewisse Flexibilität in Bezug auf die Ausgestaltung, Erschliessung und andere Gesichtspunkte des Lagers möglich.

Mit welchen kritischen Stimmen aus der Bevölkerung in Bezug auf das Verfahren rechnen Sie konkret?

Die öffentliche Anhörung ist bereits die dritte Runde nach intensiven Diskussionen mit den Kantonen, zwei Workshops mit politischen Organisationen und nach dem Treffen von Fokusgruppen mit ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern. Insofern enthält der vorgelegte Sachplan schon sehr viele Meinungen. Aber ein Streitpunkt bleibt nach wie vor der Zeitplan. Für manche findet alles viel zu langsam statt, für andere geht es viel zu schnell. Und ein zweiter Streitpunkt ist die Abfallmenge. Auch da prallen zwei gegensätzliche Interessen aufeinander. Soll es ein grosses Lager geben, das auch auf die Abfallmenge künftiger Atomkraftwerke ausgerichtet ist oder gilt es sich auf das heutige Volumen zu beschränken?

Der Sachplan umfasst 79 Seiten, die leichter lesbare Informationsbroschüre immerhin noch 20 Seiten. Wie viele Stellungnahmen erwarten Sie von Bürgerinnen und Bürgern?

Ich weiss es nicht, habe überhaupt keine Ahnung, ob es eher 10’000 oder 1 Million sein werden. Wir haben zumindest schon sehr viele Sammlungseingaben von Organisationen gekriegt, die die Meinungen einzelner Personen vereinen.

Was passiert mit den Einsendungen?

Wir prüfen jedes Argument auf den Inhalt. Ein Argument hat allerdings nicht einen grösseren Wert, wenn es hundert Mal eingesandt wird.

Ist das wirklich so? Wenn beispielsweise für Etappe zwei die Auswahl von mindestens drei statt nur zwei Standorten gefordert würde, wäre es dann tatsächlich egal, ob nur eine Person oder mehrere tausend Leute so was wollen?

Das ist eine sehr abstrakte Frage. Relevant wäre das, wenn es auch die Kantone verlangen würden. Die haben ein besonderes Gewicht. 1’000 Einzelpersonen würden hingegen kaum reichen.

Zum Schluss noch eine hypothetische Frage: Angenommen, es kommt in einem Tiefenlager zum unwahrscheinlichen Grossunfall und dadurch zur Freisetzung massiver radioaktiver Strahlung. Spielt es da überhaupt eine Rolle, ob man direkt vor dem Eingangsstollen wohnt oder in einer 50 km weit entfernten Stadt?

In einem geologischen Tiefenlager kann es nicht zu einem Grossunfall kommen, weil die gelagerten Abfälle gar nie die so genannte nukleare Kritikalität erreichen können. Es fehlt die treibende Kraft für eine massive Freisetzung. Die geologische Lagerung ist langfristig die einzige sichere Lösung zur Entsorgung der radioaktiven Abfälle. Mit dieser Frage hat man sich schon intensiv beschäftigt. Das Konzept sieht auch vor, dass das Tiefenlager mindestens 50 Jahre über den eigentlichen Betrieb hinaus überwacht wird. Es wird also nicht einfach schnell ein Loch geöffnet, gefüllt und wieder verschlossen. Immer wieder zur Diskussion gestellt wird das Risiko beim Transport radioaktiver Abfälle. Es besteht natürlich das Risiko eines Unfalls. Es gelten aber sehr strenge Auflagen für die Transporte. Bis heute ist es bei der zivilen Nutzung der Kernenergie zu keinem Transportunfall mit nennenswerten radiologischen Auswirkungen gekommen. Wir dürfen schlussendlich nicht vergessen, dass die Abfälle zu einem grossen Teil schon existieren. Sie werden zum Beispiel in Würenlingen zwischengelagert und warten dort auf eine endgültige Lösung. Das müssen die Leute wissen.

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