Gesellschaft | 22.01.2007

Ans Ende der Welt

Text von Anina Peter
Was kann man tun, wenn einem die kleine, übersichtliche Schweiz endgültig zum Hals heraushängt? Ganz einfach: Los, ans andere Ende der Welt!
Wie wunderschön... Fotos: Anina Peter Wie zauberhaft... Wie paradiesisch...

Mitte August, gegen Mitternacht – statt im Bett zu liegen, sitze ich vor dem Laptop. Verzweifelt bin ich auf der Suche nach Möglichkeiten, mein Geld auf andere Weise zu verdienen als tagelang in einem verdunkelten Callcenter zu sitzen und Leute durchs Telefon zu nerven. Es scheint mir, ich surfe seit Monaten durch das ach-so-nützliche Internet. Ein Klick hier, ein Klick da.Ooops, falscher Link. Na ja mal sehen was kommt. Ein Foto wird geladen – im Schneckentempo, kennt ihr ja. Zentimeter um Zentimeter entfaltet sich eine froschgrüne Landschaft vor mir, im Hintergrund ein schneeweisser Strand undglitzerndes Meer. Eine Wohltat für meine Jobangebot geschändeten Augen. Ich kann den Blick nicht vom Foto lösen. DAS muss das Paradies sein – und wie esscheint wurde die Menschheit noch nicht aus diesem Garten Eden verbannt. Neuseeland, steht in dicken, schwarzen Buchstaben darunter – da muss ich hin!

Sieben ungeduldige Wochen später, stolziere ich mit etwas wackligen Knien in Zürich Kloten herum. Vor lauter Nervosität vergesse ich an der Passkontrolle meinen Ausweis zu zeigen und renne wortwörtlich am Beamten vorbei. Dieser bellt mir nun hinterher, mustert mich vernichtend und kontrolliert nun alles über genau, kann aber glücklicherweise nichts beanstanden. Ein letzter Blick zurück, winke-winke meine Lieben, bis in sechs Monaten! Ich fühle mich als würde ich für immer und ewig von hier verschwinden. Doch das Gewusel und übergeschäftige Treiben um mich herum bringt mich schnell auf andereGedanken. Kaffee in der Hand und Duty-Free Zigaretten im Gepäck, beginne ichden Tumult zu geniessen. Ein Kribbeln im Bauch, die Ferne ruft, ein breites Grinsen schleicht sich in mein Gesicht. Dieses macht sich jedoch schnell ausdem Staub, als ich mich an meinen Fensterplatz geschnallt habe und die Stewardessen mit Heliummasken und Schwimmwesten herum zu wedeln beginnen. Hallo Flugangst, lange nichts von dir gehört. Beim Gedanken insgesamt einen ganzen Tagin dieser fliegenden Blechbüchse zu verbringen, beginnt mein Gehirn zurotieren. Wie soll ich das durchstehen?! Bitte, bitte lieber Gott, lass mich am Leben!

Mitternacht, unter mir glitzern die Lichter von Dubai. Das Flugzeug setzt zur Landung an und holpert kurz darauf gemütlich gegen das Flughafengebäude zu. Luft, Bewegung und natürlich eine Zigarette – alles was ich im Moment will. Ich kriege von allem genug. Tag Zwei meiner Reise beginnt ungewollt früh. Da ich vor Müdigkeit vergessenhabe die Vorhänge zuzuziehen, erwache ich schon bei Sonnenaufgang um 6 Uhr. Rauchend und träumend beobachte ich das in Oranges Licht getauchte Dubai, wo trotz der frühen Stunde schon tausende Autos, Menschen und Flugzeuge unterwegs sind. Das selbe euphorische Weg-geh-Freude- Kribbeln kommt wieder auf und begleitet mich bis ins Flugzeug. Der schlimmere – da längere – Teil des Weges erwartet mich jetzt. 18 Stunden bis Auckland, nur ein kurzer Zwischenhalt in Melbourne. Nach ewig dauernden Stunden ist endlich Australien im Blickfeld und die Startbahn Melbournes unter den Rädern. Übermüdet und genervt renne ich durch den Flughafen auf der Suche nach einer Raucherzone. Vergeblich. Schlussendlich informiert mich ein Flughafenangestellter, alles rauchfrei hier. Abwechselnd meine Sucht und dann den Flughafen verfluchend, verkrümle ich michin eine ruhige Ecke und schmolle vor mich hin.

Noch vier Stunden trennen mich von meinem Ziel und erwartungsfroh rutsche ich auf meinem Sitz herum. Vier Stunden bis Auckland, schön und gut, ich habe jedoch nicht damit gerechnet nochmals zwei Stunden am Flughafen zu verbringen. Die Zollbeamten scheinen mich für verdächtig zu halten oder machen schlicht einen Spass daraus, mir Fragen zu Bankkonto, Beruf, Freunden und Reisezielen zustellen, zu verschwinden und 15 Minuten später nochmals genau dieselbe Prozedur zu vollziehen. Irgendwann habe ich es jedoch geschafft die guten Leute zu überzeugen, dass ich wirklich ganz harmlos bin und sie lassen mich ziehen. Meinen tonnenschweren Koffer im Schlepptau fliehe ich aus ihrem Blickfeld. Neuseeland, ich komme!