04.12.2006

Zwei Engel im Lift

Angelina und Alexis sind gefeuert worden. Auf dem Weg zur Umschulung bleiben die Liebesengel im Lift stecken. Und das ist noch nicht alles: Liftboy Guido ist ein Verführer und Zauberer, der Spannung in die Geschichte bringt. "Mitten drin", Teil zwei einer Trilogie, wird gespielt von Theater Eigenart. Diese Woche in Bern.
Drei im stecken gebliebenen Fahrstuhl: Liftboy Guido hat alle Fäden in der Hand.
Bild: Theater Eigenart Angelina vertieft sich ins Umschulungsprogramm... Fotos: Janosch Szabo ...während Alexis einen Blues zupft.

Die Lifttür geht auf, zwei Engel treten ein, mit Gesichtern als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Tatsächlich geht es den beiden ziemlich dreckig. Der Chef höchstpersönlich hat ihnen gekündet, fristlos. Doch des Unglücks nicht genug: Kaum hat sich die Lifttür geschlossen, bleibt der Lift stecken. Nichts geht mehr, kein Wank, kein Knopfdruck hilft. Jetzt sitzen sie tief in der Patsche die beiden Liebesengel. Selbst das Natel mit den kleinen Flügelchen hilft nicht weiter. Der Herr nimmt nicht ab.

Die Situation verschlimmert sich drastisch: Während Alexis völlig down ist, blättert Angelina im Umschulungsprogramm. „Wie reduziere ich mein Fluggewicht“, wird da als Kurs angeboten, „Flügelwartung“ oder „Karriereplanung für gestandene Engel“. Davon sind die beiden jedoch weit entfernt. Einzig der Satz „Jede Krise ist eine Chance“ aus der Harmonielehre birgt noch etwas Hoffnung.

Ironie im Blues

„Ig wot jetzt äs Schoggichüechli“ trotzt Alexis auf einmal. Und siehe da, schon antwortet eine Stimme. Es ist aber nicht Angelina sondern Liftboy Guido, der sich plötzlich in das Geschehen einmischt. Die Stimmung ist angespannt, vor allem nach dem das Schoggichüechli den beiden Liebesengeln überhaupt nicht geschmeckt hat. Aber Guido, der geheimnisvolle Liftboy mit dem teuflisch fiesen Grinsen, hat so manche Überraschung auf Lager. Zum Beispiel Strom für Alexis Gitarre. Der stimmt dann auch tatsächlich zu einem Blues an und singt mit müder Stimme: „Das isch der Ufsteller Blues. Ig ha nä unheimlichi Presänz.“ Die Ironie ist derart treffend, dass einem aller Tragik in dieser Szene zum Trotz das Glucksen hochkommt.  

Wechselbad und Wechselspiel

Überhaupt befindet sich das Publikum während des ganzen Stücks in einem Wechselbad der Gefühle. Dafür sorgt einerseits das für die Compagnie Theater Eigenart charakteristische Wechselspiel zwischen Hochdeutsch (Ann Klemann) und Mundart (Rolf Brügger und Erich Zbinden), und andererseits die überraschenden Wechsel innerhalb der Geschichte. Deren Verlauf wird zwar eindeutig von Liftboy Guido bestimmt, ist aber gerade deshalb kaum vorhersehbar und darum reich an Spannung. Denn Guido ist eine zwielichtige Gestalt, der sich aufreizend langsam bewegt, ein Verführer, ein teuflischer Kerl mit göttlichen Zauberkräften, einer, der die beiden Engel bald vergessen lässt, dass der Fahrtuhl noch immer keinen Wank tut, der ihnen ganze Welten auftut und sie plötzlich wieder verschliesst, um Illusion und Wirklichkeit klar zu trennen.

Guido – Meister der Verführung

Von der anfänglichen Niedergeschlagenheit der beiden Engel ist bald nichts mehr zu spüren. Mal geht es lustig zu und her, mal wird zu dritt gebechert, mal träumerisch, wenn Guido die Meeresferienwünsche von Angelina und Alexis zumindest in der Illusion wahr werden lässt, und dann auf einmal gar erotisch, wenn der Liftboy sich als Meister der Verführung in Szene wirft. Doch all das nur, um Alexis und Angelina die Augen zu öffnen, um sie von ihren Alltagssorgen abzulenken, ihnen auch mal ein paar Momente Glück, Zufriedenheit und Vergnügen zu schenken.    

Offene Fragen zum Schluss

Und plötzlich geht die Fahrt weiter. Plötzlich? Man wird den Gedanken nicht los, dass alles haargenau so geplant war, und dass hinter all dem dieser geheimnisvolle Guido steckt, der so bodenständig und doch so schwer greifbar ist, der sich nach Aussen als Arbeiter gibt und im Grunde der Herrgott höchstpersönlich ist.

«Dir sid da« meint er schlicht, als der Lift erneut stoppt. Wo da? Teil drei der Trilogie wird es zeigen.

Aufführungen


Theater Eigenart spielt das realpoetische Stück "mitten drin" diese Woche am 7. und 8. Dezember jeweils um 20.30 Uhr im ONO Theater in Bern und am 15. und 16. Dezember auf der Kulturbühne Showtime in Burgdorf. Weitere Tourneedaten auf der Website der Compagnie.

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