Gesellschaft | 25.12.2006

Was bisher geschah

Text von Marina Lienhard
Dank Jahreshoroskopen können wir uns in Ruhe auf kommende turbulente Liebesaffären einstellen. Bis Ende Jahr sind aber die Prophezeiungen längst vergessen. Zum Glück gibt es das Internet, das uns den Blick zurück ermöglicht.
Dieses Jahr ging es für den Skorpion auf und ab. Zum Beispiel durch die Wüste Thar. Fotos: Marina Lienhard Der November sollte lustvoll werden, trotzdem bereist Reporterin Marina Lienhard London erst mal allein. Während des Praktikums in Zürich muss schnell der Wunsch der Wirklichkeit angepasst werden. Vor dem leidenschaftlichen Beginn des neuen Studiums eine Auszeit auf dem Ätna.

„Hochs und Tiefs, auf und ab – von einem Extrem ins andere“, meint Radio DRS 3 zum 2006 der Skorpione. Rein statistisch gesehen lässt sich diese Aussage meinerseits kaum bestreiten. Ich bin 2006 sechsmal geflogen und glücklicherweise ebenso oft gelandet. Breitet man das Auf und Ab etwas aus, liegt es nahe, die 115 Stunden zu erwähnen, die ich von Januar bis April in indischen Bussen verbracht habe, und die wahrscheinlich noch mal so viele Stunden in indischen Rikshaws oder die zweieinhalb Tage auf dem Kamel.

Rein geografisch gesehen bin ich wirklich von einem Extrem ins andere, von Zürich nach Delhi, von dort bis nach Trivandrum runter, wieder zurück nach Zürich, dann weiter in kleinere Extreme wie Paris, London, Köln und Sizilien.

Auch emotional lässt sich unschwer das Gefälle zwischen Füssen im Osmanischen Meer und Füssen im nassen Schnee, Frühstück bei Harrods und Mittagessen in der Unimensa oder tobende Menge am Summerjam in Köln und schlafende Menge in der Einführungsvorlesung erkennen.

Wunsch und Wirklichkeit

Was den Beruf angeht, zeigt sich DRS 3 nicht so euphorisch. „Hoch fliegende Pläne und ehrgeizige Projekte“ sollen den „realen Begebenheiten“ angepasst werden. Auch das muss ich unterschreiben, wenn man bedenkt, dass ich in mich in den ersten paar Wochen meines Praktikums in einer Medienagentur wie die neue Susan Sontag fühlte und anschliessend rasch feststellen musste, einen ernsthaft psychisch gestörten Chef und zwar viel Verantwortung, aber keine kreative Freiheit zu haben.

Auch in der Liebe sollen „Wunsch und Wirklichkeit“ nicht zusammenpassen. Der Skorpion verliebe sich schnell und heftig und werde dabei enttäuscht. „Schnell und heftig“ klingt für mich nach Hollywood der Dreissiger- und Vierzigerjahre, nach Cary Grant und Ingrid Bergmann, aber nicht wirklich nach meinem Leben. Es lässt sich höchstens der Anflug von Verliebtheit erwähnen, der in meinen Sommer gehaucht wurde und mit dem ersten Herbstblatt auch wieder verschwunden war, und in der mangelnden Heftigkeit dieser Sommerbrise liegt vermutlich auch die Enttäuschung.

Lustvoller November

„Im November“, so DRS 3,“treffen sich Mars und Venus zu einem leidenschaftlichen Date im Skorpion“. Das freut mich natürlich für die beiden, in meinem Leben lässt sich allerdings nur die Leidenschaft für mein neues Studium und meine leidenschaftliche Abneigung gegenüber Weihnachten erkennen. Aber wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, ganze sechs Tage bleiben ja noch vor dem neuen Jahr und spätestens im Herbst 2007 werde ich laut der Zeitschrift Glamour glücklicher als je zuvor. Nicht nur für die Liebe sieht es rosig aus. Wie es scheint, werde ich trotz unabgeschlossenen Studiums und mangelnder Kenntnisse keine Mühe haben mein eigenes Geschäft zu eröffnen. Wer weiss, vielleicht erstelle ich nächstes Jahr Horoskope.

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