Kultur | 18.12.2006

Von Zotterln und Märkterln

«Wien ist anders". So wirbt die Marketing-Abteilung der Stadt Wien, und es stimmt tatsächlich. Sogar die üppigen Christkindlmärkte tragen mit ihrer Besonderheit in der Vorweihnachtszeit dazu bei. Teil vier der Serie Wiena Gschichtln.
Fotos: Jonas Häfele und Bernhard Braun

An den schönsten Orten Wiens hat sich bereits Mitte November das Chriskind niedergelassen, um durstige Studenten und fröhliche Touristen zu verköstigen. Auf dem Rathausplatz beispielsweise tummeln sich seither tägöich tausende Menschen um den erleuchteten Weihnachtsbaum, betrachten die Auslagen der mehr als 120 Ständchen und geniessen die kulinarischen Spezialitäten.

Die Wiener verstehen es, an ihren Ständen die Ware zuckersüss zu präsentieren. So darf neben den Zuckerln (Süessigkeiten) das Handytascherl (Nateltäschli) genauso wenig fehlen wie das Häferl (Tasse). Das alles hat nichts mit dem Erlkönig zu tun, sondern ist eine typische Wiener Ausdrucksform: Überall wird anstelle des Schweizer „li“ ein „erl“ gesetzt. So trifft sich Alt und Jung auch beim Schloss Schönbrunn oder im Unicampus und prostet sich an den beleuchteten Standerl mit Punsch oder Glühwein zu. Um die meist schön verzierten Tassen behalten zu dürfen, muss übrigens ein Häferleinsatz von zwei Euro bezahlt werden.  

Unserer Ansicht nach ist der Christkindlmarkt am Spittelberg der geheimnisvollste und bezaubernste. In den engen, gepflasterten Gassen erzählt uns ein Verkäufer die Geschichte seines einzigartigen Honigbrotes, das es weder in Kopenhagen, noch in London, noch in Zürich gibt, denn es ist ein hauseigenes Geheimrezept, das seit Generationen in der Familie weitergegeben wird. Beim Häuschen nebenan staunen wir über die aussergewöhnliche Auswahl an Schokoladensorten. Die Zotter-Schokoladen, mit dem Fairtrade-Gütesiegel ausgezeichnet und in Österreich hergestellt, gibt es in einzigartigen Geschmacksrichtungen: Fenchel-Orange, Ananas und Paprika, BioBier, Bergkäse-Walnüsse-Trauben, Hanf und Mocca, Kandierte Preiselbeeren mit Steinpilzen, Kürbiskerne und Marzipan, Rose und Basilikum, Paradiesäpfel und flüssige Oliven, Sellerie-Trüffel-Portwein, Zitronenpolenta…

Als wir weiter spazieren finden wir neben einem Maroni- und Kartoffelpufferhäuschen einen Stand, der sein Blunz’ng’röst’l anbot. Blunz’ng’röst’l? Richtig – zu Deutsch würde das Blutwurst mit Rösti heissen. Wien isst und ist nun mal doch anders. In diesem Sinne – Mahlzeit und frohe Weihnachten.