Kultur | 04.12.2006

Spiel des Lebens

Text von Karim Abouelela
Alles scheint klar zu sein. Wir essen um zu leben, arbeiten um Geld zu verdienen und schlafen miteinander um Kinder zu kriegen. In der Schule erklärt man uns die Grammatik und auf der Strasse halten wir das Tempo. Verletzt man die Regeln wird man bestraft. Was, wenn niemand die Regeln kennt?
Gottesanbeterin: frisst ihren Geliebten nach dem Akt!

Mit dem Leben beginnt ein Spiel, ein Spiel dessen Regeln zu verstehen manchmal ein Leben lang dauert. Die Natur treibt uns immer wieder an, Erfahrungen zu machen und sie in traditioneller Form zu behalten. Sozusagen als Erinnerung oder als Vorzeigeobjekt. Was machen, wenn es sich in diesem Spiel jedoch nicht um Anzahl Augen der Würfel, Schnellste Rundenzeit oder Treffsicherheit geht; sondern wenn es um die Liebe, den Menschen in seiner natürlichsten und verletzlichsten Form geht, der Begierde oder der reinen Freude, dem Leid und der sinnlichen Welt?

Jeder Mensch sehnt sich nach Wärme, nach einem anderen Menschen, den man begehren darf um sich in extatischer Weise miteinander zu verschmelzen. So einfach es aus klingt, so genau jeder weiss wovon die Rede ist, es zu erreichen ist wohl das leidvollste, freudvollste und schwierigste Spiel, das die Menschen geschaffen haben. Eine Frage stellt sich hier nun jeder skeptischen Person, egal welche Erfolge oder Enttäuschungen sie erlebt haben mag.

Haben die Menschen selbst die Regeln für das Spiel des Lebens geschaffen, oder folgt es in natürlicher Art einem Naturgesetz. Ein unausgesprochenes Gesetz zwischen Mann und Frau, Weiblein und Männlein, Vater und Mutter, Tochter und Sohn? Unausgesprochen vielleicht, aber nicht unbekannt. So heisst es zum Beispiel, dass man als Mann eine Frau eher erobern kann, wenn man sie im Glauben lässt nicht ganz zu haben zu sein. Spielen andere Frauen im Leben des einen Mannes eine Rolle, so wird er erst recht interessant. Die Ergebnisse sind dann aber doch individuell: Kommen der einen diese Beschreibungen gar fremd vor, so findet die andere gefallen daran. Mag die Frau den Mann, kann ein plötzlicher Wutausbruch mit einer heissen Nacht vergessen werden.

Wird die Beziehung durch Verlust einer gewohnten Handlung, wie etwa der Unfähigkeit sich mitzuteilen oder fehlendem Sex gestört ist ein Ende der Beziehung möglich. Nicht zwingend, da wie gesagt jede Seite individuell aus der Erfahrung heraus handelt. Was jedoch klar zu sein scheint ist die Tatsache, dass in unseren Breitengraden die Anzahl der gelebten Beziehungen mit Lebenserfahrung gleichgestellt wird.

Tragischerweise ist dies nicht überall so. Es gibt Länder, deren Kultur in poetischer und literarsicher Sprache die Liebe über die Lust stellt, sie jedoch vom Verlangen nicht trennt. Kulturen, die in ihren Liedern von Liebe, dem Schmerz, der sie verursacht und der Sehnsucht singen. Die Regeln dort scheinen besser bekannt zu sein als die Regeln bei uns. So stehen sexuelle Erlebnisse gar nicht zur Diskussion, solange nicht ein Liebesbeweis erbracht wurde. Steht hier die sexuelle Revolution vor der Fähigkeit zu lieben ist dort sexuelle Lust oft für die Gesellschaft und die Frau ein Tabu, etwas Verdorbenes, was nicht geduldet wird. 1001 Nacht für eine liebende Frau sind nicht genug wenn sie körperlich nicht mehr im Stand ist Lust zu empfinden. Die Auslegung von Regeln bekam also in Arabischen Ländern eine Form von grausamer Verstümmelung.

Unsere Kultur wie auch die Arabische haben beide etwas Verlogenes. Will ich bei uns die Frau meiner Wünsche erobern, hängt der Erfolg von bisherigen Erfahrungen ab. Liebe kann hier anfangs keine Rolle spielen, sich jedoch entwickeln. Im Wissen nicht definitiv sicher sein zu müssen eine Frau zu lieben, steht die nächste schon vor der Tür. Habe ich in Arabischen Ländern die Frau meiner Träume gefunden, spielen sexuelle Erfahrungen keine Rolle, sondern die Gewissheit, dass es Liebe sein muss, die meine Lust antreibt. Kann die Frau dann keine Lust empfinden, wird die Liebe in Frage gestellt, dies ohne je dem Mädchen die Wahl gelassen zu haben zu entscheiden Lust empfinden zu können oder nicht.

Beide Kulturen nähren sich durch gemeinsame Elemente, der Unwissenheit und der Verlogenheit sowie dem Durst nach Liebe. Welche Kriterien erfüllt sein müssen, Liebe zu empfangen, ist reine Definitionssache. Hier steht die Antwort in der Sexualität. Dort in der Frage selbst was Liebe ist. Beide Antworten führen nirgends hin, solange nicht die Regeln klar scheinen. Und diese sind so kompliziert wie der Mensch selbst. Was sich jede und jeder nun fragen kann ist Folgendes: Will ich mich den Regeln unterwerfen oder sie missachten? Falls jemand Regeln kennt die unausgesprochen sind, so zögert nicht sie zu erzählen, denn was uns jetzt noch hilft ist wohl nur noch Wissen über die Liebe und den Verantwortungsvollen Umgang mit ihr.


Ideen zu diesem Text lieferten mir eigene Erfahrung im Umgang mit Sexualtität hier und in Ägypten sowie ein aktueller Film zum Thema Liebe und Verlangen in der Arabischen Kultur.
"Dunja" Ägypten 2005