Kultur | 22.12.2006

Revolutionäres Feuer aus der Hiphop-Szene

Dass die Hiphop-Szene an Quantität zugenommen und an Qualität abgenommen hat, ist allgemein bekannt. Dies ist auch in der Schweiz nicht anders, was jedoch nicht dazu führen sollte, dass neue, junge Acts keine Beachtung verdienen.

Tink.ch befasst sich deshalb mit der Berner Crew INC-Incorrupt, welche vor ein paar Wochen im Ifluss ihre CD «Dr Afang vom Ändi« tauften. Das Publikum ist zahlreich erschienen und konnte sich über ein Angebot von 10 Franken für das Konzert plus ein Street-Album freuen.  

INC versprechen uns einen anspruchsvollen Erstling mit revolutionärem Inhalt. Leider war es am Konzert akustisch nicht möglich viele Inhalte aufzunehmen. Zum Teil war auch zu beobachten, dass ihre Körperhaltung nicht immer mit den eigentlich selbstbewussten Texten übereinstimmt. Schiebt man die CD jedoch in einen Player, spürt man die Überzeugung deutlich. Bereits im Intro ist die Mischung aus politisch motiverten und sozialkritischen Texten zu erkennen.

Einerseits

Zusammenfassend könnte man sagen, die Jungs haben dem Street-Album einen zweifarbigen Anstrich verpasst. Auf der einen Seite nehmen sie mit viel Ironie die Widersprüchlichkeit der Welt auf den Arm. Auf der anderen Seite fällt die rote Farbe der kommunistischen Revolution auf. Bereits ihr Logo, welches sie praktisch eins zu eins von der linksterroristischen Gruppierung RAF übernommen haben, erkennt man ihre Faszination für Widerstandskämpfer. Trotz der ernstgemeinten Kritik an unserem System geht die Ironie nie verloren. Ein gutes Beispiel dafür ist Track 17, „Wunderschön“: „Ke Fluglärm u trotzdäm i d‘ Ferie reise, ke Strahlig u trotzdäm geng Kollege erreiche. […] Fröid am Wohustand, profitiere u trotzdäm Stüürä sänkä, i fahre Merz, doch Havelaar isch mir ztüür, chasch dänkä!-

Andererseits

Weniger revolutionär ist ihr Battle-Rap, denn auf die altbekannten Wörter unterhalb der Gürtellinie kann einmal mehr nicht verzichtet werden. Der Einwand, in der Hiphop-Szene sei die Gürtellinie sowieso erst Richtung Knie anzusetzen, verliert durch die kleidungsmässig eher erwachsen wirkenden Rapper seine Gültigkeit. Wie dem auch sei, dieses im Rap oft verwendete Stilelement ist ausgeleiert und raubt dem Album einiges an Originalität.

Revolutionär wäre es, auch hier Normen zu sprengen. Auffallend sind die teils ausgefallenen Wortkombinationen. Dahinter muss Fantasie und aber auch Freude an der Sprache stecken. Glücklicherweise holen sich die Jungs ihre Inspiration nicht nur in Übersee, sondern auch im Nachbarland Frankreich, in welchem systemkritische, melancholische Texte einen hohen Stellenwert geniessen. Somit hat auch der Satz „Je veux que tout le monde lève son troisème doigt en l’air contre ce putain de système“ als Ausschnitt aus einem Fonky-Family-Konzert am Ende des dritten Tracks seinen Platz.  

Die Gruppe besteht aus fünf jungen Rappern: Mephisto, Mik, Nius, Boom-Boom- Boris, Muff-Muff-Moike und wird durch die Jungs von 2BN (Josa & MQ und DJ Rapaze) ergänzt. Nebenbei weist die Crew bemerkenswerte Features auf, wie beispielsweise mit Tommy Vercetti, Dezmond Dez oder Gaugehill.

Angefangen hat alles vor etwa fünf Jahren. Von einem kleinen Zimmer bei MQ landeten sie unterdessen im Studio von Low Flex, wo sie auch ihr aktuelles Album fertigten. Wer sich das Album anhören möchte, der kann sich gerade bei der Crew persönlich melden unter inccrew@hotmail.com. Wer nicht genug bekommt, kann sich auf das im nächsten Frühling erscheinende Album von MQ und Mik freuen. Oder natürlich die INC-Crew bei einem ihrer nächsten Auftritte erleben, zum Beispiel im Gaskessel oder im Dachstock.  

INC können stolz auf sich sein. «Dr Afang vom Ändi« ist ein gelungenes Album und die junge Crew besitzt viel jugendliches Feuer. Es bleibt zu hoffen, dass sie dies nicht verlieren und im Gegenteil, dass es sie weiterhin inspiriert zu protestieren und natürlich auch persönlich zu handeln.

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