Gesellschaft | 18.12.2006

Mit Glacé an der Christmas Parade

Text von Anina Peter | Bilder von Anina Peter
Reporterin Anina Peter von Tink.ch ist in Neuseeland. Wirft sie einen Blick aus dem Fenster, so sinkt ihre weihnächtliche Stimmung auf den Nullpunkt. Draussen ist es sommerlich warm. Und doch begegnet sie erstaunlich vielen Samichläusen, Schneemännern und Weihnachtsbäumen.
Sonne, blauer Himmel und Palmen: Da kommt kaum Weihnachtsstimmung auf.
Bild: Anina Peter

Vor einigen Tagen habe ich blöderweise meinem Gastgeber verraten, wie gerne ich Weihnachtsguetzli backe. Ist doch wirklich was Schönes, finde ich: Draussen ist es bitterkalt, der Himmel mit grauen Wolken und Nebelschleiern verhangen und du kannst gemütlich deine Guetzli machen, ein bisschen Teig naschen und die Hände am Backofen wärmen.

Dank meiner Geschwätzigkeit stehe ich nun seit drei Tagen in der Küche, wäge Mehl und Zucker ab, schmettere Eier in die Schüsseln und steche aus dutzenden Teigfladen Sterne und Herzen aus. „Great, please make some Swiss biscuits for us. Ow, and could you make some for our friends – we’ll give these as presents to them at Christmas.“ Wieso können die guten Leute nicht einfach unbeliebt sein und keine Freunde haben? Mailänderli, Brunsli, Zimtsterne, Totenbeinli, Spitzbuben en masse. Ich mag die Namen nicht mal mehr hören. Schweissperlen laufen mir über das mehlverschmierte Gesicht und auch die angeblich glücklichmachende Zuckerzufuhr per Teig essen hilft nicht, um in die richtige Stimmung zu kommen. Kein Wunder. Draussen ist es 25 Grad Celsius warm, Palmen wiegen sich im Wind und der Swimmingpool glitzert verlockend. Oh du fröhliche…

Als Entschädigung laden mich die guten Leute in die nahegelegene Stadt ein. Christmas Parade, erklären sie mir, das dürfe ich auf keinen Fall verpassen. Gemütlich unter dem Sonnenschirm eines Cafes sitzend, haben wir beste Sicht auf den Umzug. Riesige Wagen, Traktoren und Kutschen holpern die Strasse hinab. Die Fahrer haben sich gütigerweise in dicke Santa-Claus-Kostüme gemummelt – mein Beileid haben sie. Vehikel samt Anhänger sind gefüllt und geschmückt mit Christbäumen, Engelchen, Eiszapfen, Schneemännern und Schneeflocken. Verwirrt wandert mein Blick von den Styroporflocken zum blauen Himmel, auf meine kurze Hose und den Sonnenbrand, dann wieder zurück zu den weissen Winterboten. Irgendwas stimmt hier nicht. Kopfschüttelnd wende ich mich wieder dem einzigen eiskalten Objekt in meiner Umgebung zu, der Glacé vor mir. Da haben die guten Neuseeländer Sommerzeit, das schönste Wetter, Zeit für Sonne, Strand und Meer und was machen sie? In den Schaufenstern Schneemänner aufstellen, weiss angesprayte Tannenbäume auf die Strassen pflanzen, und der gute alte Santa Claus, dick eingepackt in Handschuhen, Fellstiefeln und Zipfelmütze, singt Jingle Bells in den Shops. Auch im Fernsehen jagen Schneeflöckchen, Rudolph das Rentier mit seinem Schlitten und der weisse Mann mit Karottennase ununterbrochen von Werbung zu Werbung. Einzige Unstimmigkeit: Der lustige sprechende Schneemann preist Badetücher und Sommerkleidung an, um kurz darauf zu Weihnachtsgeklimper im Schneegestöber zu verschwinden.

Für mich ist es Sommer, der Monat sollte hier nicht Dezember sondern August heissen, Weihnachten kann mir gestohlen bleiben. Ich weiss sowieso, dass ich nächstes Jahr schon anfangs November die Nase voll von Weihnachtsliedern, Samichläusen und Company haben werde und auf das Ende der heiligen zwei Nächte hoffe.

Frohe Weihnachtszeit wünsche ich euch auf der anderen Seite der Erdkugel.