Kultur | 28.12.2006

Milad

Text von Rahel Bachmann
Ein Märchen für Erwachsene in der Tradition von 1001 Nacht. Eine Rahmenerzählung führt uns ins heutige Damaskus und lässt uns eintauchen in eine vergessene orientalische Welt mit Feen, Zauberern und Freudenhäusern.

Milad erhält von einer Fee das Versprechen, einen Schatz zu kriegen, wenn er es schafft 21 Tage in Folge satt zu werden. Da dies in seiner Heimatstadt Malula nicht möglich ist, macht er sich auf um in Damaskus sein Glück zu versuchen. Unterwegs verdingt er sich bei verschiedenen Herren, einer verschrobener als der andere, mehrmals gelingt es ihm mehrer Tage lang statt zu werden, aber den 21ten Tag erreichte er nie. Seine Herren rennen ins Verderben und Milad muss immer zusehen wie er sich retten kann. Plötzlich aber schrie einer:« Sein Gehilfe! Wo ist sein Gehilfe? Fasst ihn den räudigen Hund, er darf nicht entkommen!« Mir gerann das Blut in den Adren. Mit einem Satz sprang ich in den Garten und verschwand in der Dunkelheit. Ich rannte die ganze Nacht, und bei jedem Geräusch wähnte ich mich verloren.

Ein andermal stiehlt er einem reichen Händler gold und mietet sich für 21 Tage im einzigen Bordell von Damaskus ein Zimmer, doch auch hier erreicht er sein Ziel nicht, dafür verbringt er einige lustvolle Tage mit der Hure Nariman. «Wer zum Teufel hat dich geritten?« tadelte mich die Fee, « du warst jeden Tag imstande, den Schatz zu bekommen, und hast statt dessen deine Zeit und Kraft vergeudet.« «Lass das. Davon verstehst du nichts. Du bist ein Luftgeschöpf. Und nur wer Fleisch auf den Knochen hat, verspürt den Hunger nicht bloss im Magen«, erwiderte ich trotzig. Sie schwieg. Dann sagte sie: «Mag wohl sein, Milad, aber ein bisschen Vernunft hätte dich gerettet.«

Der Autor Rafik Schami, 1946 in Damaskus geboren, schriebt voll Ironie, aber mit einer grossen Liebe zu seiner Heimatstadt, heute lebt er in Deutschland und wird auch als deutschsprachiger Autor geachtet. Mit Milad ist ihm ein schönes Märchen gelungen, voll Hoffnung und Charme, voll Farben und Düften – mit einer unterwarteten, hübschen Wendung zum Schluss. Ein Roman, den man an einem Wochenende in der Badewanne oder in der Hängematte verschlingt.

Viel Spass beim Lesen.


Milad, Von einem, der auszog um einundzwanzig Tage satt zu werden

Rafik Schami erschienen 2000 im dtv Verlag, München