Gesellschaft | 04.12.2006

Jugendkulturfestival will vorsorgen

Text von Andreas Renggli
Mit seiner ersten Nachhaltigkeitsstudie nimmt das Basler Jugendkulturfestival in der Schweiz eine Pionierrolle ein. Allerdings nicht ganz freiwillig. Tink.ch präsentiert die Resultate und Überraschungen.
Das Jugendkulturfestival bietet nicht nur Bands, sondern auch Sprayern Zugang zu einem breiten Publikum. Die Veranstalter wollen auch künftig ihre Bühnen in der Innenstadt Basels aufbauen.

Im letzten Jahr lockten 1’500 junge Künstlerinnen und Künstler 70’000 Personen an das Jugendkulturfestival (JKF) in der Basler Innenstadt. Eine Veranstaltung, die für seine Grösse Respekt verdient und in ihrer Art für die Schweiz zweifellos einmalig ist. Trotzdem geriet das Festival kurz nach der letzten Durchführung in die Kritik. „Zwei Wochen lang gab es wirklich Zweifel, ob das JKF wieder stattfinden würde“, gibt Festivalleiter Tobit Schäfer zu.

Es war die Zeit, als sich einige Anwohnerinnen und Anwohner, insbesondere aber auch Wirte und ihr Verband massiv gegen das Festival stellten. Bereits kurze Zeit später glätteten sich die Wogen und die Veranstalter erhielten von Seiten der Bevölkerung, der Politik sowie der Verwaltung klare Signale zur Fortsetzung des Festivals. Tobit weiss, dass das Festival mitunter für unangenehme Nebenerscheinungen sorgt, räumt jedoch ein: „Wir halten alle gesetzlichen Vorschriften ein. Für uns ist deshalb klar, dass wir sowohl am Zweijahresrhythmus wie auch an den Standorten in der Innenstadt festhalten wollen.“

Die am Donnerstag präsentierte Nachhaltigkeitsstudie ist im Zusammenhang mit den Ereignissen vom letzten Jahr ganz klar als eine Massnahme zur gesteigerten Akzeptanz des Festivals zu sehen. Die Untersuchung, durchgeführt und gesponsert von der Firma Carbotech AG, besteht aus einer Umweltbilanz sowie einer Analyse verschiedener Interessensgruppen aus dem Umfeld des Festivals.

Fleischkonsum trübt Umweltbilanz

Neben dem erwartet hohen Umweltanteil des Verkehrs von Besucherinnen und Besuchern (55 %) gab es eine grosse Überraschung: „Ich hätte nie gedacht, dass das Essen eine so wichtige Rolle spielt“, gesteht Beni Pfister, der beim JKF für die Kommunikation verantwortlich ist. Die Verpflegung verursacht rund 30 % aller Umweltauswirkungen. Schuld daran sind sämtliche Gerichte mit Fleisch, die Aufgrund ihrer Veredelung gegenüber vegetarischen Lebensmitteln einen viel höheren Energieeinsatz verlangen.

Dieses Problem ist zwar kein hausgemachtes, dennoch kündigt Beni Verbesserungen an für die nächste Festivalausgabe Ende August 2007: „Wir wollen Anreize für ein vergrössertes fleischloses Angebot machen. Zum Beispiel indem wir der Gruppe mit dem kreativsten Konzept die Standkosten erlassen. Allerdings können wir nicht nur vegetarisches Essen anbieten.“

Zweifelhaft bleibt nämlich, wie das vorwiegend jugendliche Publikum auf die erhöhten Preise für ein konsequent regionales und biologisches Verpflegungsangebot reagieren würde. Die Leute könnten auf kostengünstigere Fast-Food-Alternativen ausweichen. Aufgrund der zentralen Lage des Festival alles andere als eine Herausforderung.

Vergleichszahlen fehlen

Insgesamt findet Beni Pfister, dass die globalen Aspekte der Umwelt für das Festival selber weit weniger wichtig sind als die lokalen Einflüsse durch verschiedene Interessensgruppen. Dennoch wollen die Veranstalter an den von der Studie vorgeschlagenen Prioritäten (siehe unten) festhalten. Damit nimmt das Jugendkulturfestival in der Schweiz eine Vorreiterrolle ein. Das bestätigt Fredy Dinkel, der bei der Carbotech AG für die Studie verantwortlich zeichnete: „Ich kenne kein anderes Festival in der Schweiz, das eine solche Analyse durchgeführt hat. Deshalb fehlen uns auch die Vergleichsmöglichkeiten.“


JKF versus Basler Fasnacht

Fredy Dinkel möchte denn auch einer Gegenüberstellung mit der Basler Fasnacht lieber ausweichen, lässt sich dann aber doch eine Prognose entlocken: „Die Belastung durch Lärm und Abfall würde wohl ähnlich ausfallen. Ebenso der Aufwand für das Essen. Bestimmt höher wären die Auswirkungen der Fasnacht jedoch bei der Infrastruktur.“ Da kommt dem Festival zugute, dass sämtliche Infrastruktur gemietet wird. Allerdings hinkt dieser Vergleich, weil die Kosten für den Unterhalt öffentlicher Plätze bei den Kosten des Jugendkulturfestivals nicht eingerechnet sind. Das gibt auch Fredy Dinkel zu.

Die Frage, ob das JFK den erzürnten Anwohnerinnen und Anwohnern sowie den Wirten einen grösseren Schaden als die Fasnacht zufügt, kann demnach nicht abschliessend beantwortet werden. Beni Pfister ist allerdings überzeugt, dass das Jugendkultur einen solchen Entscheid nicht zu scheuen braucht, zumal sich seine Organisation nun eben mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt und sich für einen ständigen Verbesserungsprozess entschieden hat.


Prioritäre Massnahmen im Überblick


Abfall

Ein Team sammelt während des Festivals den Müll auf dem Boden laufend ein. Als Vorbild dienen die Trash Heroes am Gurtenfestival. Genügend gut sichtbare Abfallcontainer platzieren.

 

Sanitäre Anlage

Mehr WC-Anlagen bereitstellen und gut markieren.

 

Publikumslärm

Nach Programmende das Festival in Klubs ausserhalb der Innenstadt verlagern.

 

Essen

Die Essensstände aufgrund des Angebots besser auswählen. Die Standbetreiber auffordern, beim Einkauf vermehrt auf Bio- und regionale Produkte zu setzen. Ein Wettbewerb für besonders kreative Verpflegungsstände durchführen.

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