Kultur | 18.12.2006

„Ich will sie alle gewinnen!“

Text von Marina Lienhard
Gleich drei Poetry Slams hat er in drei Tagen gewonnen, der 21-jährige Renato Kaiser. Der Erfolg ist ihm aber noch nicht zu Kopf gestiegen. Im Interview mit Tink.ch zeigt er sich ganz offen und unkompliziert.
Renato Kaiser: Der 21-jährige überzeugt derzeit mit frischen Texten und räumt an Poetry Slams die Whiskeys ab. Fotos: Partyguide.ch/Michael Schmid und Fabio Di Lorenzo "Ich bin im Alltag nicht so, wie auf der Bühne, aber auch nicht der ruhige, stille, unauffällige Schreiberling nach Klischee."

Gelassen nimmt Renato den Siegerwhiskey im Schiffbau entgegen. Er hat wieder einmal ein Publikum mit seinen frischen Texten überzeugt, und das bei einem Zuschauerrekord von 400 Personen. Der junge Goldacher moderiert in Fribourg seine eigenen Slams und kam bei den diesjährigen internationalen Slam Poetry Meisterschaften in München ins Halbfinale. Gibt es noch unerreichte Ziele? Viel Erfolg bringt Fragen mit sich. Für Tink.ch hat Renato einige beantwortet.  

Was ist besonders am Schiffbau-Slam?

Ganz eindeutig die Grösse der Halle und die Besucherzahl. Ich bin noch nie vor so vielen Leuten aufgetreten, das war unglaublich. Dafür fehlt aber bei grossen Slams die Nähe zum Publikum: Ich kann die Reaktionen nicht von den Gesichtern ablesen, wie an kleineren Slams. Das bringt eine gewisse Anonymität und einen Verlust der Slam-Atmosphäre mit sich. Aber die kann ich mir dann ja wieder an anderen Slams holen.  

J. K Rowling hat sich Harry Potter im Zug ausgedacht, Astrid Lindgren hat ihrer kranken Tochter „Pippi Langstrumpf“ am Bett erzählt. Was wird man sich in zwanzig Jahren über deine schriftstellerischen Anfänge erzählen?

Werden die sich denn in 20 Jahren überhaupt noch was über mich erzählen? Also wenn sie es tun, können sie sich von mir aus erzählen, dass der Ursprung meiner Texte im Sprung aus der Dusche liegt, den ich mache, um die Ideen, die mir dort gekommen sind, zu notieren. Die Ideen habe ich immer dann, wenn ich sehr entspannt bin, also ein Bad nehme, dusche oder Musik höre.  

Wann hast du das erste Mal was von Slam Poetry gehört?

Irgendwann im Sommer 2004. Da hat ein Schüler meiner Klasse im Gymnasium in St. Gallen einen Vortrag über Slam Poetry gehalten und damit mein Interesse geweckt. Im November des gleichen Jahres habe ich mir in Schaffhausen zum ersten Mal einen Slam angesehen und war begeistert. Ich habe Leute gesehen, wie Patrick Armbruster, Matze B. und Gabriel Vetter und mir gesagt: „An die komm ich nie ran“. Doch gab es noch andere Teilnehmer, bei denen ich gedacht habe: „Das krieg ich auch hin.“ Und so habe ich angefangen, Texte für Slams zu schreiben.  

Wie war dir an deinem ersten Slam zumute?

Das war ein sehr kleiner Slam im März 2005 in Sirnach im Hinterthurgau. Ich war natürlich unglaublich nervös und konnte es nicht glauben, dass ich selbst gleich ans Mikro musste. Es hat dann aber ganz gut geklappt, die Leute fanden mich irgendwie gut und haben mich ins Finale „gevotet“, wie man heute so schön sagt.  

Wie lange hat es gedauert bis du von der Slam-Gemeinde, sprich den erfahreneren Slamern wie Patrick Armbruster und Etrit Hasler, akzeptiert worden bist?

Die fanden mich, glaube ich, am Anfang ganz okay, aber bis ich ganz akzeptiert war, hat es schon ein Weilchen geauert. Auf den Slam in Winterthur im November 2005 hin hab ich einen Text geschrieben, der hiess „Ich will einmal nen Slam gewinnen“ und hab dann damit tatsächlich meinen ersten Slam gewonnen. Das war zwar gut, aber die Slammer hatte ich wohl noch nicht ganz überzeugt. Vor allem mit Etrit verband mich damals so eine kleine Hass-Liebe. Er versuchte von da an ständig, als Moderator meine Siege zu vereiteln. Er hat wohl meine Masche billig gefunden, von wegen „ich will mal nen Slam gewinnen“. Das ging einmal sogar so weit, dass er, obwohl mein Sieg per Applaus schon feststand, dem Publikum anbot: „Entscheidet euch: Klatscht dafür, dass ihr den Whisky bekommt, oder klatscht dafür, dass Renato ihn kriegt.“ Ich hab ihn dann doch gekriegt. Seither haben wir immer eine lustige Zeit zusammen, wohl auch, weil wir uns immer besser kennen gelernt haben. Kleine Nettigkeiten bleiben mir aber natürlich keineswegs erspart, so als junges Küken neben einem alten Hasler, äh Hasen. Ich habe auch das Gefühl, dass die neueren Texte, die einen ein bisschen ernster gemeinteren Hintergrund haben, ihm besser gefallen, sodass er nicht mehr so viel gegen einen Sieg meinerseits hat.  

Entsprichst du dem Literaten-Klischee: Im Alltag ruhig und unauffällig, auf dem Papier – oder in deinem Fall auf der Bühne – bissig und selbstbewusst?

Ich glaube nicht. Ich bin im Alltag nicht so, wie auf der Bühne – ich schreie zum Beispiel niemanden grundlos an – aber auch nicht der ruhige, stille, unauffällige Schreiberling nach Klischee. Ich glaube ich bin im Alltag wie jeder andere – nämlich anders.  


Mal beschreibst du das herausquellende Fleisch zwischen Miss-Sixty Hosen und kurzen Tops, mal eine gesprächige Zeugin Jehovas oder einen nervigen Call-Center-Job. Übst du in deinen Texten Rache an der Gesellschaft?

Klar, Scheissgesellschaft! Nein, ich würde es nicht Rache nennen, eher so was wie Spiegel vorhalten. wobei ich mir den Spiegel auch selbst vorhalte. Vielleicht sind es Vorwürfe an die Leute da draussen, aber auch an mich selbst.

Musik hören, Whiskey trinken oder Katze streicheln: Wie kämpfst du gegen das leere Blatt?

Ich kämpfe nicht. Momentan kommen ständig Ideen. Die schreib ich dann auf und mach irgendwann was draus, oder halt auch nicht. Es war bis jetzt selten so, dass ich mich vor den leeren Laptop gesetzt und was erzwungen hätte. Ich hoffe natürlich, das bleibt so. Und im Notfall hat ein Gläschen Rotwein noch nie geschadet.  

Was sagst du zur These, dass das literarische Niveau der Slam Poetry in den letzten Jahren abgenommen hat und die Inhalte immer profaner werden?

Dass das nicht stimmt. Ich würde behaupten, dass, seit ich dabei bin, die Inhalte nicht wirklich profaner geworden sind  Zum literarischen Niveau sag ich nur so viel: Ständig taucht diese Frage auf: Ist denn das überhaupt Literatur, was ihr da macht? Ich sag dann nur: Keine Ahnung. Das ist eigentlich auch nicht so wichtig, denn Slam-Texte werden von einem Laien-Publikum bewertet, und die sagen ja eigentlich nur „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“. Dass aber lustige Texte bessere Noten bekommen, ist klar. Die Leute wollen unterhalten werden, jeder lacht gerne. Dabei darf man das Publikum aber niemals unterschätzen. Sie haben einen gewissen Anspruch auf Literatur, auf Poesie oder Ernsthaftigkeit. Wer pure Comedy macht, wird zumeist von den Zuhörern nicht wirklich gelobt, weil sie dann die Poetry am Slam vermissen. Dieses Vertrauen habe ich auf jeden Fall ins Publikum, und es ist bis jetzt selten gestört worden.  

Gewonnen hast du schon mehrmals. Gibt es noch unerreichte Ziele punkto Poetry Slams?

Ich will sie alle gewinnen. Alle! Gewinnen ist toll. Wirklich. Also richtig. Wow. Geil. Aber: Das Gewinnen soll ja nicht im Vordergrund stehen, schliesslich gibt es ja nur Whisky und nicht eine Reise nach Disney World. Trotzdem will man gewinnen, sonst wäre es ja kein Wettbewerb. Meine Ziele sind daher ziemlich banal: Viele Texte schreiben, viele Leute begeistern, auf vielen Bühnen stehen – kurz: Sehr viel Spass haben und natürlich die deutschsprachigen Slam-Meisterschaften gewinnen.  


Du studierst Geschichte und Germanistik. Musst du vielleicht doch ins Call Center, wenn es mit der Schriftstellerei nicht klappt?

Auf gar keinen Fall. Ich kenne wenige Berufe, die niederträchtiger sind, als in einem Call Center zu arbeiten: Verunsicherte Menschen noch mehr verunsichern, damit sie eine Schlankheitskur kaufen, die in etwa so erfolgreich ist, wie ein Germanist, der es mit der Schriftstellerei versucht – da ist man doch lieber arbeitslos, oder halt Journalist oder Lehrer.  


Der kleine, schüchterne Fritzli mit den Tintenklecksen an den Fingern will einen Slam gewinnen. Welchen Tipp gibst du ihm?

Schreib einen Text, geh an einen Slam, trag ihn vor und habe Spass. Wenn du keinen Spass hast, lass es bleiben. Wenn du Spass hast, kommt das mit dem Siegen ganz von alleine. Und falls doch nicht: Gib mir die Schuld.

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