Kultur | 12.12.2006

„Ein gemeinsamer Nenner ist das Wichtigste“

Text von Janosch Szabo
Wenn eine Band ins Studio geht, ist alles anders als sonst. Dann spielt jeder seinen Part alleine ein und der Gesamtsound wird am Computer gemischt. Die Bieler Rock'n'Roll Formation Cry Baby hat dieses Abenteuer auf sich genommen, um Aufnahmen für eine Demo-CD zu machen.
Cry Baby im Studio: Die Aufnahmen sind für eine Demo-CD zu Promotionzwecken gedacht. Fotos: Sabine Burger Jonas stimmt seine Gitarre. Micha hilft ihm dabei. Hier ein paar Töne rausschneiden und da noch eine Unreinheit: Mischer Häni hinter seiner Apparatur. Hochkonzentriert: Arno am Saxophon. Gemütliche Runde: Janosch von Tink.ch (hinten) im Gespräch mit Micha, Jonas und Nicolas (ganz rechts) Jonas mag es fetzig und sagt: "Unser Sound hat nichts Melancholisches." "Ich habe die Melancholie schon gern", meint hingegen Sänger Micha. Beide komponieren Songs und schreiben Texte und beide prägen auf ihre Weise die Musik von Cry Baby.

Letzten Winter waren die Jungs von Cry Baby nahe dran, das Ende der Band zu besiegeln. Denn nach dem Saxophonist Michael von Rohr sie verlassen hatte, machte sich vor allem bei den Bläsern eine Flaute bemerkbar. Es fehlte jemand Wichtiges in ihren Reihen.

Doch dann gab ihnen ein begeisterndes Konzert an der Sylvesterparty im Kreuz in Nidau neuen Aufwind. „Da ging die Post ab“, erinnert sich Sänger Micha Sportelli: „Das gab uns einen neuen Motivationsschub.“ Bald hatte die junge Bieler Rock’n’Roll-Band auch wieder einen Trumpetisten: David Joss wurde in die Band integriert und lernte mit viel Einsatz die Stücke auswendig. All das in kurzer Zeit, denn für Ende November 2006 waren Aufnahmen im Studio von Mazzivesound in Nidau geplant.  

Drei Stücke für die Promotion-CD

Dorthin haben es die sieben jungen Männer auch tatsächlich geschafft. Unten im Studio spielt Tenor-Saxophonist Arno Aeschbacher seine Parts ein, mehrmals hintereinander. Mischer Christian Häni sitzt vor einem riesigen Pult mit Knöpfen und Schiebern, reguliert, schneidet und hat seine Ohren 100-prozentig bei der Sache.

Gitarrist Jonas Sommer und Micha sitzen währenddessen relaxt im gemütlichen Warteraum. „Wir brauchen ein anständiges Demo, um uns für Auftritte bewerben zu können“, erklärt Micha. Eine Promotion-CD solle entstehen mit drei eigenen professionell eingespielten Stücken. Und als Zusatz werde es vielleicht noch einen uralten Cocktail Jazz geben, umarrangierten und von 60 auf 115 Beats pro Minute hochgeschraubt, ergänzt Jonas. Seine Augen strahlen. Er mag es fetzig: „Manche Stücke schreibe ich gezielt für die Stimmung auf der Bühne. Die Leute wollen Spass haben im Ausgang. Melancholie an einem Konzert ist furchtbar, unser Sound hat nichts Melancholisches.“

Happymusic hoch zwei

Micha ist nicht ganz gleicher Meinung. „Ich habe die Melancholie schon gern“, sagt er und lässt etwas davon über seine sehr persönlichen Texte in Cry Babys Musik einfliessen, würzt sie ganz sanft mit einer Prise Blues. Micha liebt es aber auch mit seinen Arrangements dem dominierenden Rock’n’Roll funkige Momente beizumischen. Happymusic trifft auf Happymusic und Michas und Jonas musikalische Geschmäcker gehen ineinander über. Das hält die Band fest zusammen. „Ein gemeinsamer Nenner ist das Wichtigste, dann kann man anfangen Musik zu machen“, bringt es Jonas auf den Punkt.

Ihm war es einst, als die Band noch in den Babywindeln steckte, wichtig, klar auf einen Stil zu setzen. Die Wahl fiel damals auf Rock’n’Roll, nachdem Micha, Jonas, Matthias Burri (Bass) und Simon Kaufmann (Schlagzeug) in den Anfängen doch auch melancholische und rockige Stücke im Repertoire hatten.

Und dem Rock’n’Roll sind sie auch heute noch treu, zumindest was ihr Auftreten auf der Bühne betrifft. Da präsentieren sich Cry Baby nämlich mit Fliegerbrillen und Schmalzrollen. „Wir wollen ja auch eine Show bieten“, sagt Jonas dazu, der ins Schwärmen gerät, wenn er vom Rock’n’Roll spricht: „Er ist nicht etwa aus der Mode geraten. Man kann ihn praktisch überall spielen und damit fast alle begeistern, vom Grosi bis zum kleinen Kind.“ Die verlebende Lebenseinstellung vieler Rock’n’Roller teile er aber nicht, nur die Lebensfreude und das Ungebundene.  

Starkes Bläsertrio

Musikalisch haben Cry Baby aber ihren einst auserwählten Stil nicht unberührt gelassen und einen charakteristischen Funk’n’Roll entwickelt. Ein Glücksfall für die drei Bläser, denen viel Raum zur Entfaltung bleibt. Unter der Leitung von Barriton-Saxophonist Nicolas Alves arrangieren sie ihre Parts oft selber, nehmen die Ideen der Songschreiber Jonas und Micha auf und peppen sie passend auf.   Überhaupt wird bei Cry Baby viel Wert auf die Hornsection gelegt, was besonders für eine Newcomerband doch recht speziell ist, wenn man bedenkt, dass Bläser oft als Gagenfresser bezeichnet werden. Doch um das grosse Geld geht es den jungen Musikern eben nicht, sondern viel mehr um einen tollen Sound. Dass zeigt auch die Tatsache, dass sie nun die ganze Gage von zwei Jahren hingeblättert haben, 3000 Franken für drei Tage, um zusammen mit einem Mischer eine anständige Demo-CD zu produzieren.

Dran bleiben

Ob die ihnen dann wohl zu grossen Auftritten und schliesslich zum Durchbruch verhelfen wird? Beim Wort Durchbruch verzieht Jonas das Gesicht und sagt bestimmt: „Es ist ein Prozess und die Frage ist, wie weit man in diesem Prozess kommt.“ „Ja, und manchmal wird er beschleunigt, wenn man an einem Wettbewerb gewinnt“, ergänzt Micha und wird plötzlich leiser. So was gebe ihm halt schon zu denken, meint der junge Musiker, der schon mit 15 begann, Songs zu schreiben und zu komponieren und von sich sagt „Musik ist für mich das Leben“. Doch Jonas warnt: „Je schneller man aufsteigt, desto schneller fällt man wieder.“ Und Micha fährt, nun wieder hoffnungsvoller, fort: „Wenn man dran bleibt, kommt man dort hin wo man hin will. Es braucht viel Zeit bis der Funken springt, aber plötzlich macht es klick.“

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