Kultur | 06.11.2006

„Wir wollen Räume aufreissen“

Text von Andreas Renggli
Das Künstlerinnenduo Île flottante hat vom Basler Kunstkredit 25'000 Franken für die Realisierung des Projektes Expansion sonore erhalten. Wie sie damit abgeschlossene Gebäude hörbar machen werden, erklärt Nica Giuliani im Interview.
Nica Giuliani (links) und Andrea Gsell freuen sich auf ihr akustisches Projekt Expansion sonore. Künstliche Auswüchse an Hauswänden weisen auf die versteckten Tonstücke hin. Voraussichtlich mittels Bluetooth werden die Tondateien auf das Mobiltelefon übertragen. Mit dem Mobiltelefon werden die Werke nicht nur abgespielt, sondern auch gesammelt und weitergegeben.

Wie gross war die Überraschung über die Förderzusage?

Wir haben nicht gerechnet, dass es gleich auf Anhieb klappt. Klar, wir sind überzeugt von unserer Idee und wir haben mit unserer Dokumentation aufgezeigt, dass wir fähig sind für ein solches Projekt. Trotzdem finde ich, dass die Jury mutig war. Es war schliesslich unsere erste Eingabe. Wir freuen uns nun sehr auf die Realisierung und insbesondere auf die Zusammenarbeit mit den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern.

Wie ist es zur Idee von Expansion sonore gekommen?

Andrea Gsell und ich haben in Aarau Medienkunst studiert. Wir haben uns während der gesamten Studienzeit immer wieder mit Sounds auseinandergesetzt, auch in unseren Diplomarbeiten. Sounds lassen beim Publikum eigene Bilder entstehen. Zudem fasziniert uns der öffentliche Raum. Wir haben kürzlich zusammen mit Renatus Zürcher für das Kunstmuseum Luzern eine Arbeit mit touristischen Bildern des Vierwaldstättersees gestaltet. Dabei haben wir gemerkt, dass uns öffentliche Orte momentan mehr interessieren als geschlossene Ausstellungsräume.

Was erwartet die Stadt Basel akustisch?

Wie es der Name unseres Projekts schon sagt: ein klingender Auswuchs. Wir wollen die Stadt mit einer weiteren Ebene überlagern, indem wir an ausgesuchten Orten ins Innere von Gebäuden hören lassen und somit eine Schnittstelle zwischen öffentlichen und private Lebensräumen schaffen.

Und was wird da zu hören sein?

Wir laden für die ausgesuchten Orte gezielt Autorinnen und Autoren verschiedenster Kunstsparten ein. Künstlerinnen und Künstler aus Bereichen wie Musik, Klangkunst, Film, visuelle Gestaltung und Literatur. Sie alle müssen einen klaren Bezug zu Basel haben, aber nicht unbedingt in Basel geboren oder wohnhaft sein. Was sie konkret zu hören geben, lassen wir bewusst offen. Bestimmt wird eine Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit entstehen. Nebst der Auseinandersetzung mit den Orten geben wir keine inhaltlichen Aussagen vor. Wir wollen mit Expansion sonore nicht die Stadt dokumentieren, sondern Räume aufreissen.

Welches sind spannende Orte für diese Art von Hörerlebnis?

Es sind Orte, die aufladbar sind, die eine Geschichte erzählen können. Gebäude, die im Innern etwas haben, was von aussen nicht klar erkennbar ist. Wir finden solche Orte, indem wir gezielt Quartiere aufsuchen und dann beobachtend durch deren Strassen flanieren.

Die Technik spielt bei eurer Installation eine wichtige Rolle. Wie werden die Tonstücke hörbar?

Wichtig war uns, dass die Soundpieces auf ein persönliches Sammelinstrument übertragen werden können. Zuerst haben wir an MP3-Player gedacht und mit dem Ipod experimentiert. Doch die Verbindung mit Kabeln hat zu viele Nachteile. Deshalb gehen wir heute davon aus, dass die Empfängerinnen und Empfänger die Soundpieces über Bluetooth auf  das eigene Mobiltelefon übertragen. Erstens sind Mobiltelefone weit verbreitet und zweitens werden sie auch immer häufiger als MP3-Player verwendet.

Können wirklich genügend Leute mit Bluetooth umgehen?

Leute, die sich für elektronische Kunst und Medien interessieren, ganz bestimmt. Andere brauchen allenfalls Hilfe. Es ist denkbar, dass wir online Anleitungen für gewisse Geräte anbieten. Oder die Leute können bei uns Mobiltelefone mit Bluetooth ausleihen.

Île flottante


Hinter dem Projekt Expansion sonore stehen die 32-jährige Zürcherin Andrea Gsell und Nica Giuliani (26) aus Basel. Sie haben sich an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Aarau kennen gelernt und realisieren seit 2005 gemeinsame künstlerische Projekte unter dem Namen Île flottante.

Expansion sonore wird ihr drittes Projekt grösseren Umfangs. Es startet entweder im Sommer 2007 oder Sommer 2008 in Basel. Die beiden Künstlerinnen wünschen sich eine Verknüpfung mit bestehenden Anlässen wie beispielsweise der Viper. Denkbar ist zudem, dass das Projekt anschliessend in anderen Schweizer Städten in angepasster Form erlebbar wird.

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