Gesellschaft | 13.11.2006

Verstärkte Vernetzung soll Rassismus europaweit bekämpfen

Text von Andreas Renggli
Vom 14. bis 19. November findet am Neuenburgersee eine europäische Antirassismuskonferenz statt. Im Interview äussert sich Louise Lätt, Medienverantwortliche des Service Civil International (SCI) Schweiz, zum Hintergrund der Konferenz sowie zu Programmpunkten.

Louise Lätt, wie kommt es dazu, dass die Konferenz gerade vom SCI Schweiz durchgeführt wird?

Da die Konferenz im Rahmen der Europaratskampagne „alle anders – alle gleich“ stattfindet und von der European Youth Foundation, dem Bereich Kinder-, Jugend- und Altersfragen des BSV sowie von Jugend für Europa finanziert und unterstützt wird, war von Anfang an klar, dass die Konferenz von einer Schweizer Jugendorganisation mitorganisiert werden sollte. Als Jugend- und Friedensorganisation bot sich der SCI Schweiz geradezu an. Geert Ates, der Projektkoordinator von United, kannte zudem einige Mitglieder des SCI Schweiz, die bereits an United-Seminarien und -Konferenzen teilgenommen hatten. Deshalb hat er uns angefragt, ob wir mithelfen würden. Wir suchten für die Konferenz einen Ort, der nicht zu zentral gelegen ist, damit die Teilnehmenden auch am Abend jeweils zusammenbleiben und sich in einem informellen Rahmen austauschen. Le Camp im neuenburgischen Vaumarcus bietet eine für diese grosse Konferenz ideale Infrastruktur. Wir erwarten 75 bis 80 Personen aus fast allen Ländern Europas, darunter auch Leute aus Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken sowie 15 Teilnehmende aus der Schweiz.

Und was haben diese Personen für Hintergründe?

Die Konferenzteilnehmenden sind grösstenteils junge Aktivistinnen und Aktivisten, die sich in ihren Heimatländern in einer Menschenrechts-, Friedens- oder Minderheitenorganisation gegen Rassismus und für Toleranz einsetzen. Sie werden ganz unterschiedliche Hintergründe haben und verschiedensten Organisationen angehören. Viele werden selber Angehörige von ethnischen Minderheiten sein, auch Flüchtlinge werden unter den Teilnehmenden sein.

Die Konferenz wird im Rahmen der aktuellen Europaratskampagne auch vom BSV unterstützt. Inwiefern leistet die Konferenz einen Beitrag zum Thema „alle anders – alle gleich“?

Die Kampagne soll Diversität, Menschenrechte und Partizipation propagieren – genau um diese Themen geht es an der United-Konferenz: In den einzelnen Aktivitäten (Workshops, Gruppenarbeiten, Plenum- Diskussionen, Vorträge) werden sich die Teilnehmenden mit den Themen Rassismus und Diversität auseinandersetzen. Sie erhalten dabei die Chance, ihre eigenen Aktivitäten vorzustellen, aber auch von Aktivitäten anderer Gruppen zu erfahren und sich Anregungen für eigene Kampagnen zu holen. Durch die verschiedenen Vorlesungen, Debatten und Workshops werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer geschult und gefördert, um in ihren Heimatländern effektiver gegen Rassismus und Faschismus und für kulturelle Vielfalt einzutreten. Durch die begleitende Medienarbeit in der Schweiz werden Themen wie Minderheiten und Diversität hoffentlich auch in der Schweizer Öffentlichkeit mehr präsent.

Der Programmpunkt „Diversity“ widmet sich der Schweizer Asylpolitik. Gleichzeitig werden wohl auch Teilnehmende aus betroffenen osteuropäischen Ländern anwesend sein. Wird das problematisch?

Dieser Programmpunkt wurde mittlerweile etwas abgeändert. Karl Grüneberg von der Organisation SOS Racisme wird hier allgemein über Rassismus in der Schweiz sprechen und dabei historische Aspekte aufgreifen, aber sicher auch auf die gegenwärtige Politik und die Verschärfungen im Asyl- und Ausländerbereich Nicht-EU-Mitgliedern gegenüber eingehen. Ich stelle mir vor, dass er diese Entwicklungen relativ sachlich kommentieren wird, ohne grosse Erklärungen zu geben und Rechenschaft abzulegen. Die neuen Gesetze und die rassistischen Tendenzen stammen nicht von ihm oder anderen Schweizer Konferenzteilnehmenden und werden von uns ja auch nicht gebilligt. Die Beschneidung von Asyl- und Ausländerrechten ist aber ein Phänomen, das sich zurzeit nicht nur in der Schweiz abspielt. Gerade deshalb braucht es eine Vernetzung, um diese Tendenzen auch europaweit zu bekämpfen.

Ein Workshop zum Thema Einwanderung und Flüchtlinge heisst viel versprechend „Get visible“. Was darf man davon erwarten?

Diese Arbeitsgruppe wird sich mit der Tatsache befassen, dass beispielsweise Sans Papiers und der Menschenhandel in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden, was in der Natur der Sache liegt, aber gleichzeitig auch ein grosses Problem darstellt. Die Arbeitsgruppe wird Wege und Strategien diskutieren, wie man diese Themen mehr ins öffentliche Bewusstsein bringen kann.

Spannend werden sicher auch die Diskussionen über die Grenzen der Vielfalt. Wo sehen Sie persönlich solche?

An sich kann und soll die Vielfalt keine Grenzen haben. Problematisch wird es aber dann, wenn unter Berufung auf kulturelle Vielfalt, Religions- und Meinungsfreiheit und Minderheitenschutz Menschenrechte verletzt werden. Es gibt ja da ganz offensichtliche Fälle, wie die Genitalverstümmelung, die Blutrache oder sogenannte „honour crimes“, die bei gewissen Völkern betrieben wird. Schwieriger wird es bei Fragen des Miteinanderlebens der Kulturen, mit denen wir hier in der Schweiz konfrontiert sind. Themen wie das Kopftuchtragen, das Fernhalten von muslimischen Mädchen vom Schwimmunterricht oder auch einfach nur der Bau von neuen Moscheen in der Schweiz. Ich kann nachvollziehen, dass Schweizerinnen und Schweizer sich dadurch beunruhigt, bedrängt oder zumindest herausgefordert fühlen, ebenso wie muslimische Staaten mit praktizierenden Christinnen und Christen Mühe haben. Hier ist es schwieriger, finde ich, Grenzen zu benennen und Antworten zu finden. Ich bin deshalb selber sehr gespannt, was die Fachleute zu diesem Thema sagen werden.

Am letzten Konferenztag wird es um Kampagnenmanagement gehen. Wo stehen der SCI Schweiz und andere Schweizer Organisationen im internationalen Vergleich, wenn es um die Basisarbeit für Toleranz und gegen Rassismus, sprich Kampagnen, geht?

Ich finde es schwierig einzuschätzen, wo wir Schweizer Organisation im Vergleich zu unseren ausländischen Partnern stehen. Aber ich denke, grundsätzlich könnte schon mehr laufen bei uns. Man sieht es ja jetzt auch bei dieser Kampagne „alle anders – alle gleich“. Unsere Nachbarländer sind zum Teil schon viel weiter und besser organisiert als wir. Ich denke, dass wir generell schwerfälliger sind als andere Staaten, wenn es um konkrete Aktionen geht. Vielleicht weil uns die EU-Strukturen fehlen und weil wir auch hohe Ansprüche haben an die Organisation und die Qualität. Wenn in der Schweiz etwas organisiert wird, wie beispielsweise die Grossdemo „Wir sind die Schweiz“, läuft es allgemein sehr gut.

Welche weiteren Programmpunkte werden noch wichtige Bestandteile der Konferenz sein?

Einzelne Arbeitsgruppen werden sich auch mit den Themen Faschismus und Antisemitismus, Islamophobia, Stereotypen und (Anti-) Rassismus im Sport auseinandersetzen. Am Freitagnachmittag werden Migrations- oder Integrationsprojekte in der Umgebung von Neuenburg besucht. Und am Samstagmorgen wird eine Jenische über die Situation der Jenischen in der Schweiz erzählen. Die Teilnehmenden aus Europa sollen möglichst viel über die Probleme, die Situation und Lösungsansätze im Zusammenhang mit Rassismus und Migration im Gastland Schweiz mitbekommen.

SCI und United


Der Service Civil International (SCI) ist 1936 entstanden und versteht sich als Friedensorganisation. Die Bekämpfung von Rassismus und Ausgrenzung ist eines seiner Hauptanliegen. Durch die Vermittlung von internationalen Freiwilligen in gemeinnützige Projekte in der ganzen Welt setzt sich der SCI bewusst für Toleranz, Solidarität und weltweites Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturen ein. Die Dachorganisation, aber auch die nationalen Zweige wie der SCI Schweiz (seit 1954) setzen sich neben der Organisation von Workcamps mit internationalen Freiwilligen auch auf politischer Ebene aktiv für Frieden und gewaltfreie Konfliktlösung ein.

 

Der SCI ist als Gesamtorganisation Mitglied von United, eines paneuropäischen Antirassismusnetzwerkes mit etwa 560 Mitgliedern und Kontaktorganisationen in ganz Europa und aus dem ganzen politischen Spektrum. Von Kirchen, Gewerkschaften bis hin zu autonomen Antifaschismus- und Flüchtlingsgruppen. Seit seiner Gründung 1992 organisiert United Kampagnen, verbreitet Informationen, organisiert Konferenzen und Seminare. Stets mit dem Ziel, die Vernetzung und den gegenseitigen Austausch unter den verschiedenen Antirassismusorganisationen in Europa zu fördern und die Organisationen ebenso wie die ganze Bewegung dadurch zu stärken.

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