Gesellschaft | 13.11.2006

Studienbeginn der Versuchskaninchen

Text von Marina Lienhard
«Willkommen an der Uni" wirbt ein weisser Schriftzug auf einem blauen Banner am Hauptgebäude der Uni Zürich. Blau beruhigt. Und Beruhigung haben hier alle bitter nötig. Was an anderen Schweizer Universitäten längst Alltag ist, sorgt in Zürich für Verwirrung, Zweifel und schwache Nerven: Die Bologna-Reform.
Der Schein trügt: Die Studienberatung an der Uni Zürich hat alle Hände voll zu tun. Fotos: Frank Brüederli Büffeln statt schlafen: Manche haben an die 60 Punkte für ihr erstes Semester gebucht haben, während es andere sehr locker nehmen. Probleme auch im Bereich Mobilität: Das "Punkte-Leistungsverhältnis ist nicht einheitlich.

In der ersten Studienwoche begann keine Vorlesung und kein Proseminar ohne Vorträge über das neue Leistungspunktesystem. Dabei liessen sich die Dozenten das Recht auf Meinungsfreiheit nicht nehmen. Zwischen scheinbar harmlosen akademischen Termen eingebettet lauerte oft der stille Widerstand in Form von süsser Ironie. Man fühlt sich als Dozent übergangen und mit einem Studiensystem konfrontiert, das besonders mit den, punkto Studienablauf, anarchistischeren Fakultäten, wie der Philosophischen, nur sehr schlecht kompatibel ist. Der Entscheid zur Umstellung auf Bologna wurde auf universitärer Ebene nie gefällt, sondern vielmehr „von oben“ aufgedrängt.  

Alles begann in Bologna

Die Reform trägt den Namen der ersten europäischen Universität, wo sich 1999 die Bildungsminister Europas versammelten, um über ein einheitliches Studiensystem abzustimmen. Als Hauptgründe dafür wurden die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Europas als internationaler Bildungsort und die studentische Mobilität aufgeführt. Die Schweiz gehörte zu den 29 anwesenden Staaten und somit zu den ersten Unterzeichnenden der Bologna-Deklaration. Mittlerweile sind 45 Länder am Reformprozess beteiligt.  

Schlaflos oder gemütlich?

Neu ist der zweistufige Studiengang mit Bachelor, dem Grundstudium, und Master, äquivalent zum Lizentiat. Anstelle von Scheinen werden nun Punkte gesammelt, die für einen erbrachten Leistungsnachweis, also eine Prüfung oder eine Arbeit, vergeben werden. 180 Punkte braucht es für den Bachelor und weitere 90 bis 120 für den Master. Für einen Punkt werden etwa 30 Arbeitsstunden gerechnet.

Die Interpretation dieser Regeln geht in studentischen Kreisen stark auseinander. Während manche vollständig auf ihren Schlaf zu verzichten gedenken und an die 60 Punkte für ihr erstes Semester gebucht haben, scheinen andere mit zehn Durchschnittspunkten pro Semester eine Studienzeit von 15 Jahren anzustreben. Mit anderen Worten: Die Studienberatung hat alle Hände voll zu tun.  

Ihr werdet arbeiten müssen!

Was bedeutet denn diese Umstellung nun konkret? Fest steht: Wir werden arbeiten müssen. So jedenfalls klingt es unisono aus Mündern sämtlicher Dozenten, als sei dieser Umstand noch nie da gewesen. Tatsächlich ist es so, dass durch die Punktesammlerei ein neues Fieber für Leistungsnachweise ausgebrochen ist. Während blosse Anwesenheit an einer Vorlesung 2005 noch für einen Schein genügt hätte, so wird 2006 das Bestehen einer Prüfung vorausgesetzt. Punkte will man keine verschenken.  

Nur noch Streber

Zudem haben wir der Digitalisierung der so genannten Modulbuchung, der Wahl der Veranstaltungen, zu verdanken, dass Arbeiten jeweils vor den Semesterferien abgegeben werden müssen, anstatt der bisherigen, weitaus humaneren Möglichkeit Arbeiten in den Semesterferien zu schreiben. Wird eine Arbeit nicht abgegeben oder eine Prüfung nicht besucht, so gilt die Veranstaltung als nicht bestanden und darf nur ein Mal wiederholt werden. Der Computer kennt keine Gnade. Vorbei ist es also mit der Idylle des verhängten Studentenlebens. Von nun an gibt es nur noch Streber.  

Was die angestrebte Einheit und die Mobilität betrifft, so scheint Bologna bisher nur für weitere Probleme gesorgt zu haben. Obwohl die meisten europäischen Länder auch nach dem Punkteverfahren funktionieren, ist das „Punkte-Leistungsverhältnis“ nicht einheitlich, was wiederum dazu führt, dass – ähnlich wie bisher – manche im Ausland erbrachten Leistungen nicht anerkannt werden.   

Versteckter Peitschenhieb

Mir scheint das Punktesystem im Endeffekt nichts anderes, als der unter humanistischem Zuckerguss versteckte schulische Peitschenhieb aus alten Zeiten. Ich hoffe mein Hintern bleibt verschont, schliesslich ist der Sitzmuskel für einen Studenten nicht irrelevant. 

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