Kultur | 27.11.2006

Rasende Liebe

Text von Andreas Renggli
Jonas Meier gewinnt mit seinem Dokumentarfilm den 1. Preis am Schweizer Jungfilmfestival Upcoming Film Makers in Luzern. Er zeigt die eindrückliche Liebe zwischen Mensch und Auto.
Betet sein rotes Pferd regelrecht an: Tonino Accardi. Vergleicht seinen Ferrari mit einer Frau: Maurizio Mancini. Schreibt seinen zwei Opel Kadett menschliches Verhalten zu: Sepp Schönbächler. Sein oder Schein? Ein Spezialeffekt aus dem Siegerfilm "Rasende Liebe" von Jonas Meier.

Ein pikantes Detail vorweg: Jonas Meier kann selber gar nicht Auto fahren. Oder darf es zumindest nicht. Er hat nämlich keinen Führerschein. Die Inspiration zu seinem Film „Rasende Liebe“ stammt denn auch nicht von eigenen illegalen Strassenrennen oder Tuningwetten, sondern von einer Automesse, wo er eher zufällig die ihm fremde menschliche Zuneigung gegenüber vierrädrigen Geschöpfen entdeckt.

In seinem 15-minütigen Dokumentarfilm begleitet er zwei Ferraribesitzer, einen Opel-Kadett-Fan und eine Mantafahrerin bei den Liebkosungen ihrer Fahrzeuge. Mit grosser Geduld und verblüffender Nähe entlockt er ihnen wunderbare Wortbilder. Maurizio Mancini sieht in seiner gelben Rakete – einem Ferrari Modena 360-R – eine Frau, die er im Gegensatz zu realen weiblichen Wesen jedoch jederzeit steuern und unter Kontrolle haben könne.

Sepp Schönbächler liegt unter einem seiner beiden weissen Kadett und vergleicht sein Hantieren mit einem Messerschnitt auf der Hand: „Wenn das Auto nicht will, dass ich was abmontiere, beginnt es zu bocken. Das scheint gerade bei dieser Schraube hier der Fall zu sein.“ Oft sind die Aussagen zum Schreien komisch, doch zwischendurch bleibt einem das Lachen plötzlich im Hals stecken: Ist es wirklich möglich, sein Auto derart zu lieben?

Respekt für die Liebe zum Auto

Aller Nähe zum Trotz zieht der 28-jährige Filmemacher die vier Autofans nicht ins Lächerliche, sondern zollt ihnen grossen Respekt. Nicht nur mit den schönen Bildern, sondern auch beim Interview im Anschluss an die Aufführung: Er weist bescheiden darauf hin, dass es durchaus menschlich sei, Gegenstände innigst zu lieben. Die Autos stehen demnach eher stellvertretend für jeglichen Materialismus und nicht explizit als Markenzeichen von Kleinkarierten.

Auch der zweite Platz gehörte der Romantik. Adrian Aeschbacher zeigte in „Lebenslängliche Liebe“ ein unglückliches, jedoch perfektes Paar. Den dritten Preis sprachen die drei Jurymitglieder Bettina Oberli, Alex Oberholzer und Pascal Bergamin dem Animationsfilm „Die Erde ist rund“ von Jadwiga Krystyna Kowalska zu. Dieser besticht durch die simple Idee und die liebevolle Gestaltung eines Mannes, der um den ganzen Globus wandert, nur, damit er am Schluss durch die Hintertüre wieder zu seinem Zuhause zurückfindet. Ebenfalls sehr sehenswert, wenn auch nicht ausgezeichnet, waren „A fool in Love“ von Janos Menberg sowie „Fleisch“ von Rolf Hellat.

Hohes Niveau

Insgesamt wurden dieses Jahr 19 Filme vorgestellt. Im Vergleich zu den Schweizer Jugendfilmtagen in Zürich ist hier der Anteil an Filmen von Studentinnen und Studenten aus Kunsthochschulen bedeutend höher. Das schlägt sich auch auf die Filmqualität nieder. Die eingereichten Werke hatten ein hohes Niveau und boten gute cineastische Unterhaltung.

Das Schweizer Jungfilmfestival Luzern trug ursprünglich den Namen Innerschweizer Filmtage (IFT). Die IFT existierten seit 1985 und fanden jährlich in Luzern statt. Sie bildeten ein Filmfestival für Schweizer Nachwuchsfilmerinnen und Nachwuchsfilmer. Der 1998 gegründete Verein Jungfilm mit Sitz in Luzern agierte als Organisator sowie als Trägerschaft der IFT und übernahm 2001 die Leitung des neuen Festivals unter dem Namen Upcoming Film Makers.

Upcoming Film Makers 2006


Die Gewinnerinnen und Gewinner des 5. Schweizer Jungfilmfestivals Luzern

 

Luzerner Filmpreis

1. "Rasende Liebe", Jonas Meier

2. "Lebenslängliche Liebe", Adrian Aeschbacher

3. "Die Erde ist rund", Jadwiga Krystyna Kowalska

 

Luzerner Nachwuchsfilmpreis

"Der Chip der Macht", Sebastian Klinger

 

Beste Regie

"Beckenrand", Michael Koch

 

Bestes Drehbuch

"Café Utopia", Bernie Forster

 

Beste Ausstattung und Kostüme

"Flügelschlagen" und "Lebenslängliche Liebe", Aline Diggelmann

 

Beste Idee

"Snatch & Kittie", Nicolas Steiner

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