Gesellschaft | 27.11.2006

„Niemand sonst wagt Sprüche über Blinde“

Text von Andreas Renggli
Yves Kilchöer wusste schon früh, was er werden wollte: Radiomacher. Im Interview mit Tink.ch schaut er auf die knapp zehnjährige Geschichte von Radio Blind Power zurück.
"Die Faszination Radio scheint bei mir angeboren zu sein." Yves Kilchöer, 19, Geschäftleiter von Radio Blind Power. Yves Kilchöer (m. Reihe, 2. v. l) zusammen mit seinem Radioteam und Tink.ch bei der Eventreportage an der Jugendsession 2005.

Radio Blind Power (RBP) existiert seit 1997, aber erst seit letztem Donnerstag als Verein. Wie holprig war der Weg bis hierher?

Er war schon recht steinig. Vor allem von 1997 bis Sommer 2004. Da ging alles sehr langsam. Das Problem war, dass wir kein Wissen über Radiotechnik, Konzessionen und Internet hatten. Zudem war unsere Richtung nicht klar. 2004 kam dann aber der interne Radiosender an der Schule für blinde- und sehbehinderte Kinder und Jugendliche in Zollikofen. Und innerhalb von eineinhalb Jahren folgte das Internetradio.

Was waren deine bisherigen Höhepunkte bei RBP?

Ich denke, die ganzen Auftritte in anderen Medien – unter anderem im Quer, der Anfang in der Schule, der Start im Internet und all die tollen Veranstaltungen wie zum Beispiel unsere gemeinsame Reportage mit Tink.ch an der Eidgenössischen Jugendsession.

Du bist gerade mal 19 Jahre alt und seit neun Jahren Radiomacher. Erinnerst du dich an deine erste Sendung und an das, was du selber zuerst gehört hast?

Das ist recht schwierig zu sagen. Am Anfang war es so, dass wir irgendwas in ein Mikrofon redeten. Später gab es ein Mischpult. Ich erinnere mich, dass wir mal Ramazotti im Studio hatten. Eine Spinnerei. Einer von uns konnte ihn gut nachahmen. Wir hatten bald ein eigenes Minidisc-Gerät und gingen dann überall auf Stimmenfang. Das war auch einfach zu schneiden.

Die Faszination Radio scheint bei mir angeboren zu sein. Eine Logopädin wollte unbedingt einen kleinen Sprachfehler beheben, für den Fall, dass ich zu den Medien wollte. Meine Mutter fand das übertrieben. Doch die Logopädin hatte offenbar das Gefühl dafür. Bei uns lief meistens Extra Bern, das fand ich sehr cool. Am besten fand ich jeweils die Geburtstagsgratulationen für mich.

Was braucht es für den Betrieb eines Webradios?

Gute Leute. Das finde ich das wichtigste. Leute, die Zeit haben und Energie. Technisch gesehen gibt es hingegen nur kleine Ansprüche. Eine Radioapparatur. Mit Open-Source-Progammen kann man heute recht billig Radio machen. Hinzu kommt eine ADSL-Leitung. Je höher die Bandbreite, desto besser. Und es braucht einen Ort, wo man das alles installieren kann. Und schliesslich gehören auch eine Website, ein Streamingserver und die nötigen Musikrechte dazu.

Inwiefern unterscheidet sich ein Medium von Jugendlichen mit einer Sehbehinderung von anderen Medien?

Es ist ziemlich genau das Gleiche. Auch inhaltlich, ausser im Bezug auf Behinderte. Niemand sonst wagt Sprüche über Blinde. Wir können das, weil wir einen unkomplizierten und lockeren Zugang zu Blinden und Sehbehinderten haben. Zudem ist das Medium Radio auch eine Chance, weil niemand merkt, ob die Stimme einer sehenden Person gehört oder nicht.

Das öffentliche Abspielen von Musik bringt nicht selten auch Streit mit der Suisa und der IFPI. Wie gut mögen die euch?

Das musst du sie selber fragen. Die Situation ist sehr verstrickt. Sie sagen, unser Dossier sei dick. Die Verhandlungen sind im Gang. Es ist nicht so, dass wir nicht zahlen wollen. Wir arbeiten auf ein gegenseitiges Entgegenkommen hin.

Der Slogan von RBP heisst neu „Mir nähme di bi de Ohre“. Was steckt dahinter?

Wir wollen die Leute effektiv bei den Ohren packen, damit sie hinhören, weil wir spannende Inhalte bieten. Unsere Welt ist vorwiegend visuell ausgerichtet. Wir wollen deshalb eine andere Welt öffnen. Es gibt Momente, wo man den Radio einschaltet und nicht mehr wegkommt, weil das Ohr hängen bleibt. Das wollen wir erreichen. Und wichtig: Wir führen die Hörer nicht an der Nase rum.

Wer kann bei Radio Blind Power Mitglied werden und mitmachen?

Alle können Mitglied werden. Auf unserer Website kann man sich anmelden und mit uns Kontakt aufnehmen. Es gibt viele Möglichkeiten mitzumachen. Hemmungen sind jedenfalls fehl am Platz. Man kann selber ganze Sendungen oder auch nur einzelne Beiträge für unseren Sender oder die Website produzieren, wobei grundsätzlich alle Themen möglich sind. Weiter ist auch die Mithilfe in administrativen und organisatorischen Bereichen möglich.

Gibt es bereits Ideen, wo Radio Blind Power 2007 redaktionelle Schwerpunkte setzen wird?

Wir warten noch auf eine wichtige Antwort. Die Idee ist, dass wir im Januar vier Wochen lang über die Europaratskampagne „alle anders – alle gleich“ berichten, mit Porträts von Jugendlichen, die in die Arbeitswelt integriert sind. Wir wollen auch Schweizer zu Wort kommen lassen, wie sie das erleben. Das Ziel ist, dass auch andere Radiosender die Beiträge ausstrahlen. Dann werden wir auch wieder am Skiweltcup in Adelboden präsent sein. Alle weiteren Schwerpunkte sind noch offen.

Im nächsten Frühjahr steigt ein Fest zum zehnten Geburtstag von RBP. Was erwartet mich da?

Das Programm für unser Geburtstagsfest am 24. März 2007 im Thuner Mokka ist noch streng geheim. Doch soviel sei verraten: Es werden drei Bands auftreten und anschliessend ein DJ.

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