Kultur | 07.11.2006

„Meerschweinchen sterben wie Rockmusiker“

Text von Janosch Szabo
Wladimir Kaminer ist Russe und Berliner, ist Berliner mit russischen Erinnerungen, ist Russe mit Berliner Geschichten. Nach Burgdorf hatte er einen ganzen Packen Kolumnen aus dem «Schrebergartenroman« mitgebracht, an dem er derzeit noch den letzten Schliff macht.
Russendisko: Wladimir Kaminer (vorne) und Yuriy Gurzhi im Element. Fotos: Susanne Mani Kaminer liest vor und das Publikum krümmt sich vor Lachen. Zwei gute Freunde, die immer fetzige Musik dabei haben. Peace: Heisse Tanzsause im Alpina-Keller in Burgdorf.

Vorne auf der Bühne im Scheinwerferlicht hinter einem kleinen Tischchen sitzend begann Kaminer vorzulesen, mit unverkennbar russischem Akzent. Sachlich, mal dramatisch und zwischendurch mit einem diebischen Grinsen auf den Lippen breitete er die ganze Schrebergartenproblematik grossspurig vor dem Publikum aus, erklärte das Deutsche Kleingartengesetz zum letzten Bollwerk des Deutschen Spiessbürgertums und erzählte vom Schrebergartennachbar Günther Grass, dem Nadelbaumliebhaber und Widerstandskämpfer gegen den Vorstand der Schrebergartenkolonie.

Auf die Spitze getriebene Realitäten

Das Publikum krümmte sich vor Lachen. Da war weit und breit kein ernstes Gesicht mehr zu sehen. Denn die Art wie Kaminer Alltägliches gekonnt auf die Spitze treibt, wie er Realitäten ins Übertriebene zieht und ganz plötzlich mit einer absurden Idee zum Höhepunkt kommt, reisst die Zuhörer zwangsläufig zu unkontrollierten Lachanfällen hin. Erstaunlicherweise scheint für diese Geschichten jedwelches Thema gut genug zu sein, ob Rhabarber, Grillparty, Restaurantbesuch oder das Ungeschick der Meerschweinchen.

Schweigeminute für die Fruchtfliegen

Wladimir Kaminer setzte an zur letzten Geschichte «Lulu ist tot« und kündigte einen «traurigen Text« an. Tatsächlich drehte sich dieser um den Tod, allerdings um jenen der Fruchtfliegen. Die ganze urkomische Situation endete darin, dass Kaminer verkündete: «Ich möchte mit einer Schweigeminute aller Fruchtfliegen gedenken, die nicht mehr bei uns sind.« Das Glucksen in der Stille war nicht zu überhören.

Dann setze der Autor zum Endspurt an, verkündete, dass Meerschweinchen wie Rockmusiker sterben, «jung und unerfahren« eben und erläuterte dann haarklein das tragische Schicksal von Lulu: «Sie wurde drei Jahre alt und hatte sich an einer Playmobilfigur verschluckt.«

Russendisko bis zum Abwinken

Kaum hatte Wladimir geendet und freudestrahlend den herzlichen Applaus empfangen, schon drehte Freund Yuriy an den Plattentellern auf. Zusammen reihten die beiden DJ’s ein fetziges Stück ans andere. Das Tanzfieber griff um sich, unkontrolliert, hitzig und wild. Ein riesen Ramazamba. Nur die vier Komplizen in Schale und Hut, die niemand kannte, standen eisern und kalt mit stechendem Blick vorne am Bühnenrand, als wäre ein Mörder unter den Tanzenden. Doch der Russenexpress rollte weiter, mit viel Ska, mit starkem Beat und ohne Halt, ohne Pausen zum Verschnaufen. Tief durchatmen wäre aber bei der kunstnebeldurchtränkten Luft ohnehin nicht gesund gewesen. Also gaben die Tänzerinnen und Tänzer Volldampf, drehten sich im Kreis, zuckten und ruckten, nickten und klatschten.

Kaminer und Yuriy zeigten sich in bester Laune. Mal spielten sie Lufttrompete, mal Luftgitarre, sangen russische Liedchen und scratchten an den Plattentellern. Die Schweisstropfen rannen, der eisige Vorwinterabend draussen rückte in weite Ferne.

Kaminer in Bern


Wladimir Kaminer kommt mit seinen Kolumnen und der Russendisko am 10. November ins Wasserwerk nach Bern. Türöffnung ist um 20.30 Uhr, die Lesung beginnt um 21.30 Uhr und die Disko startet um 23.00 Uhr.

Tickets sind in der Buchhandlung Stauffacher in Bern erhältlich.

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